Verwaltungsgebäude im Herzen der Spargelstadt feiert Jubiläum / Wie alles begann
50 Jahre Stadthaus Lampertheim
Das Stadthaus in Lampertheim feiert seinen 50. Geburtstag. Foto: Stadt Lampertheim
LAMPERTHEIM – Man sieht es ihm nicht unbedingt an, aber das Lampertheimer Stadthaus in der Römerstraße feiert am 19. Juni sein 50-jähriges Bestehen. 50 Jahre voller Ereignisse, Gesichter und Geschichten. Grund genug, sich diese Zeit nochmal genauer anzuschauen.
Wie alles begann
Der damalige Gemeindebaumeister Adam Mottmann erstellte bereits kurz vor dem ersten Weltkrieg einen Plan, nach dem das Anwesen Römerstraße 102 hinter dem Rathaus erworben und für Verwaltungszwecke ausgebaut werden sollte. Sowohl die Kriegsjahre als auch die kaum planbare Zukunft in Zeiten der Weimarer Republik und des Dritten Reichs sorgten allerdings dafür, dass dieses Vorhaben nie in die Praxis umgesetzt wurde. Und auch, als sich die politischen Verhältnisse in Deutschland stabilisierten und der Friede ins Land zurückkehrte, war lange unklar, ob und in welcher Form das Stadthaus überhaupt gebaut wird.
Im Jahr 1969 stand die Verwaltung dem Problem gegenüber, dass die einzelnen Ämter über das gesamte Stadtgebiet verteilt waren. Im alten Rathaus waren der Bürgermeister und seine engsten Mitarbeiter sowie Personal-, Haupt-, Standes- und Rechnungsprüfungsamt untergebracht. Im „Haus Schott“ in der Kaiserstraße 16 ½ saßen die gesamte Finanz- und Schulverwaltung, im Polizeiamtsgebäude in der Wilhelmstraße 60 das Sozial- und das Ordnungsamt und die Pestalozzischule in der Römerstraße beherbergte die Volkshochschule und die Stadtbücherei. Außerdem saßen die Stadtwerke in der Industriestraße 23 und das Stadtbauamt in der Industriestraße 33. Für den damaligen Bürgermeister Hans Pfeiffer war dies keine zufriedenstellende Situation. So schrieb er: „Nicht ein Rathaus, sondern sechs Rathäuschen, in jedem ein kleiner Bürgermeister, das ist nicht einmal mehr mit Humor zu ertragen. Wer soll da noch hundertprozentig durchblicken, wer das verantworten und wer zahlt letztlich die Zeche?“ Dabei war bereits Anfang der sechziger Jahre die Errichtung eines neuen Rathauses mit Standort „Römer“ ins Auge gefasst worden. Es wurde mit Walter Dubois sogar schon ein Architekt mit der Planung des Rathausneubaus beauftragt. Im Oktober 1965 stellte der Haupt-, Finanz- und Personalausschuss der Stadt jedoch fest, dass der geplante Neubau aus finanziellen Gründen nicht zu realisieren ist. Zudem wurde der ursprüngliche Standort in Frage gestellt. So entschied man sich, das Projekt bis zu den Etatberatungen 1968/69 zurückzustellen. Allerdings wurde im Hintergrund eifrig nach neuen Lösungen gesucht. Es kamen beispielsweise die Standorte Wilhelmstraße (Gasthaus „Zum Pflug“) oder gar das Rentamt in der Römerstraße in Frage.
Bei allen Überlegungen drohte das gesamte Projekt jedoch an der Grundstücksfrage zu scheitern. Erste Gespräche mit der evangelischen Kirchengemeinde bezüglich des Erwerbs von Gelände für das neue Rathaus, verliefen zunächst positiv. Um das Projekt am ursprünglichen Standort umsetzen zu können, mussten aber auch Gespräche mit der katholischen St. Andreasgemeinde geführt werden. Nachdem Anfang Mai 1968 für das neue Rathaus erstmals Mittel in Höhe von 1,1 Millionen DM bereitgestellt wurden, war es ausgerechnet Pfarrer Ohl von der evangelischen Lukasgemeinde, der Bedenken äußerte. So war man sich nicht sicher, ob der erste Entwurf des Rathauses die Aufgabe der architektonischen und raummaßlichen Ein- und Anpassung bzw. Ein- und Zuordnung zu den historischen Bauten der Andreaskirche, des alten Rathauses und der neugotischen Domkirche erfüllt. Diese Ansicht der evangelischen Kirchengemeinde verfestigte sich und so rückte man von einem Grundstücksverkauf zugunsten eines neuen Rathauses ab. Die Hoffnungen der Verwaltung lagen nun auf der katholischen Kirchengemeinde. Doch auch hier konnte aufgrund schwieriger Grundstückskonstellationen keine Einigung erzielt werden. Gerade als das Projekt gänzlich zu kippen drohte, schaffte es Bürgermeister Hans Pfeiffer mit einer neuen Konzeption das Verfahren wieder ins Rollen zu bringen. Am 5. September 1969 schlug er der Stadtverordnetenversammlung vor, auf dem Gelände der Anwesen Schmidt (Römerstraße 102) und Trapp (Riesengasse 1) zu bauen, da diese Grundstücke im Besitz der Stadt waren. Pfeiffer sprach dabei von einer „Übergangslösung“ für die nächsten 10 bis 15 Jahre. Das Verwaltungsgebäude sollte daher den Namen „Stadthaus“ erhalten. Die Stadtverordnetenversammlung nahm den Vorschlag an und bereits im Februar 1970 begannen die ersten Erdarbeiten für den Neubau. Gute 16 Monate später, genauer am 19. Juni 1971 wurde das neue Stadthaus fertiggestellt und offiziell eingeweiht.
Der öffentlich in den Tageszeitungen ausgetragene Streit zwischen Stadt und Vertretern der Kirchengemeinde St. Andreas, wer denn nun die Verantwortung am Scheitern eines Kompromisses zu tragen habe, wurde erst nach einer Aussprache am 7. April 1970 beendet.
Alle in diesem Text zusammengefassten Ereignisse wurden vom Stadtarchivar Hubert Simon recherchiert und zusammengetragen.
Das Stadthaus heute
In 55 Büros sind heute das Bauamt, die Finanzabteilung, das Hauptamt, das städtische Immobilienmanagement, das Stadtarchiv sowie die Büros des Ersten Stadtrates und des Bürgermeisters untergebracht. Die Gesamtnutzfläche des Stadthauses beträgt 3.513 Quadratmeter. Neben zwei Besprechungsräumen und dem Magistratsraum liegt zwischen Stadthaus und der St. Andreas Kirche der Sitzungssaal, der seither als größter Raum für Sitzungen politischer Gremien und weitere Veranstaltungen genutzt wird. Auf dem Dach des Stadthauses gibt es seit September 2013 eine Photovoltaikanlage. Diese hat im Jahr 2020 durch Stromeinspeisung rund 20 Prozent des Eigenbedarfs des Gebäudes gedeckt.
Zahlen, Daten, Fakten
Kosten:
Ursprünglich eingestellte Mittel1,1 Millionen DM
Finale Veranschlagung2 Millionen DM
Tatsächliche Kosten2.677.444,74 DM
Bauzeit:rund 16 Monate
Nutzfläche:3.513 m² auf sechs Ebenen
Größere Renovierungen:2013 – Austausch der Fenster
2014 – neuer Anstrich für Fassade
Zu Besuch im Stadthaus
Den Aufzeichnungen im goldenen Buch der Stadt Lampertheim zufolge durfte das Stadthaus seit seinem Bestehen folgende Gäste in seinen Räumlichkeiten willkommen heißen:
•1979, 21. März: „Verleihung des Ehrenbürgerrechtes an Herr Pfarrer Wilhelm Ohl posthum und Herrn Geistlicher Rat Pfarrer Wilhelm Friedrich durch die Stadt Lampertheim am 21. März 1979“ (Erster Eintrag ins goldene Buch im Stadthaus)
•1984, 1. Juni: Gäste des festlichen Empfangs zum 24. Hessentag
•1990, 25. August: Empfang des Herrn hessischer Ministerpräsidenten Dr. Walter Wallmann
•1996, 10. Juni: Bischof von Mainz, Herr Prof. Dr. Dr. Karl Lehmann, zu dieser Zeit auch Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz
•1999, 17. Juli: Besuch des litauischen Staatspräsidenten Herrn Dr. Valdas Adamkus
•2003, 13. Januar: Besuch von Herrn Kurt Beck, Ministerpräsident des Bundeslandes Rheinland-Pfalz
•2004, 15. November: Besuch von Frau Renate Schmidt, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
•2005, 12. September: Empfang der Kanu-Weltmeisterin Nicole Reinhardt
•2008, 06. September: Empfang von Frau Nicole Reinhardt, Gewinnerin der olympischen Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Peking 2008
•2009, 5. November: Prof. Dr. Reinhard Gaier, Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe (gebürtiger Lampertheimer)
•2013, 21. August: Besuch von Frau Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen
•2015, 07. März: Besuch von Herrn Volker Bouffier, Ministerpräsident des Bundeslandes Hessen
•2015, 18. September: Juniorenwelt- und Europameister 2014 im Kanu-Rennsport, Max Lemke
•2017, 28. Juni: Besuch des Film- und Theaterschauspielers Oscar Ortega Sánchez im Rahmen der Nibelungenfestspiele Worms (in Lampertheim aufgewachsen)
•2020, 11. Januar: Besuch von Christine Lambrecht, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz
Anekdoten aus dem Stadthaus
In 50 Jahren erlebt ein Gebäude und die Menschen, die darin arbeiten, einige Ereignisse, über die es sich zu erzählen lohnt:
- Bereits kurz nach seiner Fertigstellung war das Stadthaus eigentlich schon wieder zu klein für die Verwaltung. Grund dafür war die Eingemeindung der heutigen Stadtteile Hofheim und Rosengarten im Rahmen der hessischen Gebietsreform. Dieser Umstand führte zum Bau des „Haus am Römer“, welches 1988 fertiggestellt wurde und den Rathaus-Service, die Stadtbücherei, das Ordnungsamt, das Kulturamt, den Bereich Soziales und den Bereich frühkindliche Bildung beheimatet.
- Das Stadthaus war von Beginn an mit Elektroheizkörpern ausgestattet. Die Temperatur konnte in jedem Büro über ein Thermostat geregelt werden. Wurde dieses Thermostat nach Dienstende nicht herunter gedreht, konnte sich die Heizung nachts nicht aufladen und die Beschäftigten mussten am nächsten Tag in einem kalten Büro sitzen. Vor allem im Winter konnte dies unangenehm werden.
- Bei Wahlen wurden die Ergebnisse aus den einzelnen Wahllokalen von Auszubildenden mit Kreide auf eine große Tafel im Sitzungssaal geschrieben. An dieser Stelle befindet sich heute eine Leinwand für Projektoren.
- Im Bauamt gab es einen Pausenraum (von abpausen), in dem die Baupläne mit Ammoniak abgepaust wurden. Dies hatte zur Folge, dass es im ganzen Stadthaus sehr unangenehm roch.
- Im Stadthaus gab es lediglich zwei Räume, die über eine Klimaanlage verfügten. Der Magistratsraum und das Büro des Bürgermeisters. Da aber die restlichen Beschäftigten keine Klimaanlagen in ihren Büros hatten, verzichteten die meisten Bürgermeister darauf, diese in ihrem Büro anzuschalten.
- Im Archiv des Stadthauses gibt es neben historischen Dokumenten aber auch alten Filmaufnahmen von Lampertheim weitere Schätze. So auch eine Vielzahl an Hessentags-Püppchen, die damals traditionellerweise das Hessentags-Paar symbolisierten.
- Der Sitzungssaal wurde früher jedes Jahr an Fasching in einen großen Feiersaal umfunktioniert, der über eine Bühne und eine Bar verfügte. Zu den Feierlichkeiten der städtischen Beschäftigten wurde damals übrigens nur der Stadtverordnetenvorsteher als politischer Vertreter eingeladen.