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  • Fr., 30. Juli 2021, 11:40 Uhr
    DOMKIRCHE: Die Theatergruppe „HerbstZeitLosen“ traf mit „Empfänger unbekannt” ins Herz 

    Als aus einem Freund ein Jude wurde

    Ein erfolgreiches Team – die „HerbstZeitLosen“ freuten sich über eine gelungene Aufführung und den großen Applaus. Andreas Kirsch (von links) spielte die Rolle des Martin Schulse, der zum Nazi wurde, Margit Kühn wirkte im Hintergrund, Ute Brozio trug die äußerlichen Briefdaten vor und Heiner Kraft, Akteur und Regisseur, überzeugte in der Rolle des Max Eisenstein, eingewanderter deutscher Jude aus San Francisco. Foto: Hannelore Nowacki


    LAMPERTHEIM – Die „Offene Kirche“ der Lukasgemeinde endete am Donnerstag mit dem Beginn einer szenischen Aufführung der Theatergruppe „Die HerbstZeitLosen“, die in ihrem Spannungsbogen und der menschlichen Dramatik fast den Atem stocken ließ. Zu verdanken haben die Zuschauer dieses durchdringende Erlebnis bis tief ins Herz nicht dem Stück allein, es war auch die Leistung drei Akteure, Heiner Kraft, Ute Brozio und Andreas Kirsch, deren einfühlsame Lesekunst beim Zuhören einen inneren Film erzeugen konnte. Das Stück hieß „Empfänger unbekannt“, nach dem  Briefroman der amerikanischen Autorin Kathrine Kressmann Taylor aus dem Jahr 1938, in dem es um die langjährige Freundschaft zweier Deutscher in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ging, beide waren nach USA ausgewandert, der eine Jude, der andere nicht. Lange Jahre war das für beide nicht von besonderer Bedeutung, sie waren mit ihrer Kunsthandlung in San Franzisco erfolgreiche Geschäftspartner und in brüderlicher, freundschaftlicher Innigkeit verbunden. Ein Gespann, das nichts auseinanderbringen könnte, sollte man meinen, auch wenn der andere mit seiner Familie 1932  wieder nach Deutschland zurückkehrt, weil die Kinder wegen der Sprache auf eine deutsche Schule gehen sollen. Doch es kam anders, denn in Deutschland kam Hitler an die Macht und Martin Schulse, der zuvor tolerante und liberale Mitmensch, fühlte sich im Kreis der hochgestellten Nazigesellschaft immer wohler, übernahm den Judenhass der Nazis und aus seinem brüderlichen Freund Max Eisenstein wurde der Jude, mit dem er nichts mehr zu tun haben wollte, das Briefeschreiben sollte aufhören. Zu gefährlich auch für ihn, der mit Nazigrößen verbandelt war und Hitler abgöttisch verehrte. Am Ende spendeten die etwa 60 Zuschauer nach Kräften Applaus, der die atemlose Stille und emotionale Spannung auflöste. Dabei war die Bühne nicht besonders dekoriert, die Kulisse bot dem Auge den Ausblick auf den Altar und die hohen Fenster des Chorraums, zwei Tische und Stühle zur linken und zur rechten Seite standen jeweils vor einem unscheinbaren bräunlichen Paravant, das Rednerpult in der Mitte. Heiner Kraft, der als Regisseur die „HerbstZeitLosen“ zur Blüte geführt hat, spielte den Juden Max Eisenstein, dem die Autorin freundliche Charakterzüge verliehen hatte, Andreas Kirsch las die Briefe von Martin Schulse, der schon bald Gefallen an seinem Reichtum und dem Neid der anderen fand und nach anfänglichen Zweifeln schließlich glaubte, dass Hitler Großes für Deutschland schaffen werde. Schulse kaufte mit dem Geld aus Gewinnen der Kunsthandlung ein Schloss bei München und residierte dort mit einer Dienerschar, die zusammen weniger verdienten als die beiden Angestellten in der amerikanischen Kunsthandlung. Das Ende der Freundschaft verkündete Schulse, er hatte sich vollkommen den Judenhass der Nazis zu Eigen gemacht. Das Drama, das zu einem Krimi wurde, nahm seinen Lauf. Ute Brozio, die den Briefwechsel jeweils mit Absendernennung, Datum des Poststempels und Anschrift nannte, schob die Briefe über das Rednerpult, sie sammelten sich auf dem Boden. Das letzte Schreiben des Max Eisenstein datierte vom 18. März 1934 und kam zurück. Plötzlich war Andreas Kirsch verschwunden, sein Stuhl lag auf der Seite. Was war passiert? Das soll auf Wunsch von Heiner Kraft nicht verraten werden, denn auch den Zuschauern der kommenden Aufführungen soll die Spannung erhalten bleiben. Das Stück habe nichts von seiner Aktualität verloren, sagte Pfarrerin Sabine Sauerwein einleitend zu Beginn, „leider, muss man sagen“. Sie habe sich gefreut, dass die Theatergruppe auf sie zugekommen war. Der Eintritt war frei. Und Elke Heidenreich hatte in ihrem Nachwort zum Buch geschrieben, wie Ute Brozio vorlas: „Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen … Nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben“.  Termine für weitere Aufführungen werden im TIP bekannt gegeben. Hannelore Nowacki

     

      

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