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  • So., 26. Juni 2022, 13:40 Uhr
    UNTERHALTUNG: Kabarettist Lars Reichow war mit „ICH!“ im Bürgerhaus

    Als Träger des Courage-Ordens ein Heimspiel

    Ein schelmischer Blick ins Publikum – Lars Reichow hatte mit seinem Frauenlob ins Schwarze getroffen. Foto: Hannelore Nowacki


     

    BÜRSTADT – Der Kulturbeirat hatte Lars Reichow schon mehrfach auf dem Plan, doch wegen der Coronapandemie kam der Auftritt des Mainzer Kabarettisten mit seinem neuen Programm von 2020 erst am vergangenen Donnerstag zustande. „ICH!“ ist im Grunde der ideale Titel für seine Einmann-Show. Mit ihm auf der Bühne nur ein Stehtisch, ein Glas Wasser und das Keyboard, das sich hinter dem Banner mit der Aufschrift LARS REICHOW verbirgt. Auf seiner Homepage weist sich der vielseitige Unterhaltungskünstler und Kabarettist auch als Musiker und Klaviator aus, denn eine seiner Stärken ist der virtuose Einsatz des Tasteninstruments und seiner Stimme, kombiniert mit programmatischen eigenen Gesangstexten. Davon konnte sich das Bürstädter Publikum im Bürgerhaus überzeugen. In Bürstadt hatte Reichow geradezu ein Heimspiel, jedoch nicht nur, weil er Bürstadt als seine Lieblingsstadt bezeichnet. Seit 2018 ist er Träger des Courage-Ordens, den der Heimat- und Carnevalverein Bürstadt (HCV) vor Corona alljährlich im festlichen Rahmen ausgewählten Persönlichkeiten verlieh. Natürlicherweise waren daher einige Stuhlreihen für die maßgeblichen HCV-Mitglieder reserviert. Den HCV und Bürgermeisterin Barbara Schader schloss Reichow besonders in seine Begrüßung ein, wobei er insgesamt großes Lob mitzuteilen hatte: „Alle Wege führen nach Bürstadt, ich bin begeistert, eine Stadt mit fantastischen Entwicklungsmöglichkeiten“. Und wenn er am Fenster steht, denkt er an Bürstadt. Das hört man hier gerne. An die südhessischen Frauen denkt er gerne, zumal ein hoher Frauenanteil im Publikum bis zu vier Männer ersetzen könne, wie er betonte. Ob der spontane Applaus vom Frauenanteil ausging, war im abgedunkelten Saal nicht exakt auszumachen. Den südhessischen Frauen jedenfalls sang er nicht einfach ein Lied, es wurde eine Ode. Das Thema Corona war trotz heiterer Atmosphäre nicht auszublenden – die Stühle waren locker gestellt, dazwischen kleine Beistelltische als Abstandshalter, einige Besucher hatten eine Maske aufgesetzt. So voll wie vor Corona möglich, konnte die fast ausverkaufte Vorstellung daher nicht werden. Einige Anmerkungen hatte Reichow zum Thema Pandemie. „500 Jahre nach dem Buchdruck wurde der Impfdruck erfunden“, stellte Reichow fest und erklärte die Mainzer 3-G-Regel der Lebensfreude: „Gegesse, gedrunke, geschloofe“. Bekanntlich ist ein Impfstoffhersteller in Mainz unter der Adresse An der Goldgrube zu finden, deshalb habe die Stadt ein „Gewerbesteuerauffangbecken ausheben lassen“, das zweimal täglich voll werde. Man wisse nicht mehr wohin damit. Eine Meldung, bei der die Bürstädter Bürgermeisterin wohl besser weghöre. Die meisten Leute, die er kenne, hätten die Impfung überlebt, meinte Reichow. Was die deutschen Politiker angeht, hat er wenig Gutes zu sagen und zu singen. „Ich glaub, ich hab’n Deutschland-Blues“ war der gesungene Kommentar. Weder Söder und dessen Vize Aiwanger noch die Bundeskanzlerin a. D. kommen gut weg, keine faulen Kompromisse wünscht sich Reichow zukünftig. Über sein Lob dürften sich der „empathische Wirtschaftsminister“ und die „junge, intelligente, flexible Baerbock“ freuen. Klare Ansagen, ohne künstlerische  Schnörkel präsentiert. Europa ordnet er als „eine tolle Erfindung“ ein. Applaus erhielt Reichow für seine Mahnung im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg, dass nämlich die Russen als Menschen nicht so wie ihre Führung seien. Nach der Pause tauchte Reichow lautmalerisch in die Sprachwelten Europas ein, ohne das Grönländische, Finnische, Russische oder Französische wörtlich zu nehmen. Einen alten französischen Erotik-Hit stellte er witzig als Kinderlied vor, während das schnaubende Russische sich erklärtermaßen als Virenschleuder eigne. In die Mangel nahm er die katholische Kirche, die er auf dem Tiefpunkt sieht. Ein „funktionierendes Christentum“ wünscht er sich. Im Titelsong des Abends hieß es „Ich bin ein Egoist, das ganze Leben könnte ein Selfie sein“. Einige Betrachtungen zum Ich-Menschen schlossen sich an, bis Reichow einen Blick auf Großbritannien warf und anschließend das Trumpsche Amerika und dortige polizeiliche Auswüchse in rollendem Amerikanisch gesanglich aufbereitete. Nach zweieinhalb Stunden mit einem galoppierenden Themenparcours und zwanzigminütiger Pause war es Zeit für den Schlussapplaus, wobei sich das Publikum für die Tonaufnahme besonders ins Zeug legte, die Lars Reichow nun zuhause beim Morgenkaffee als Andenken an Bürstadt wunschgemäß genießen kann. Hannelore Nowacki

     

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