AUSFLUG: In Michelstadt und Erbach der Heimatgeschichte auf der Spur
An erlebnisreichem Tag dem Wetter getrotzt
Gruppenfoto der Reisegesellschaft vor dem Erbacher Schloss. Foto: oh
BIBLIS/NORDHEIM – Trotz ungünstiger Wetterprognose haben viele Biblis-Nordheimer Geschichtsfreunde sich mit dem Verein für Heimatgeschichte Nordheim auf den Weg zur Einhardsbasilika in Michelstadt und das Gräfliche Schloss in Erbach begeben. Das hatte seinen guten Grund. Ähnlich wie die Reisegruppe jetzt mit dem Bus in den Odenwald fuhr, wurden vor genau 1196 Jahren die wertvollen Reliquien der Soldatenmärtyrer Petrus und Marcellinus, die beide während der Christenverfolgungen zur Zeit von Kaiser Diokletian enthauptet wurden, aus den Katakomben von Rom kommend, in Zullestein/Stein durch tausende Riedbewohner empfangen. Danach wurden die berühmten Heiligen vom Rheinschiff entladen und in feierlicher Prozession zuerst nach Lorsch gebracht. Von dort ging es anderntags weiter in den Odenwald, in die für sie fertig gestellte neue „wunderbare Basilika“ des Kaiserbiographen Einhard.
Beispiel karolingischer Architektur
Sachkundig geführt wurden den Nordheimer Besuchergruppen die dreischiffige Basilika von den Führerinnen der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten lebendig erläutert. Obwohl die teilweise mit römischen Ziegeln nach römischen Vorbildern von 815 - 827 erbaute Kirche später mehrfach verändert wurde, stammt ihre Bausubstanz noch zum überwiegenden Teil aus der Karolingerzeit. Neben der Torhalle des Klosters Lorsch, der Pfalzkapelle in Aachen und dem Westwerk der Klosterkirche Corvey ist die Einhardsbasilika in Steinbach das letzte Beispiel karolingischer Architektur in Deutschland.
Beliebter Spielplatz für die Dorfkinder
Der dem Hochadel angehörende Einhard mit seiner Frau Imma aus der Familie Kaiser Karl des Großen hat schon nach wenigen Monaten die Gebeine der Heiligen nach seiner zweiten Niederlassung in Seligenstadt verbracht. In Steinbach blieb die Basilika unter Einfluss der Lorscher Benediktinermönche. Im 13. Jahrhundert zum Nonnenkloster umgewandelt, widmeten sich die Nonnen der Krankenpflege. Die Basilika wurde baulich erweitert zum Spital für die ganze Umgebung. Nach der Reformation im 16. Jahrhundert wurde das bauliche Juwel vernachlässigt, fristete sein Dasein als Lagerraum für landwirtschaftliche Erzeugnisse und verfiel zusehends. Bis zum Übergang an das Land Hessen 1967 war das „Kloster“, wie es immer noch genannt wurde, mit seiner dunklen Unterkirche ein beliebter Spielplatz für die Dorfkinder. Lediglich die sagenhafte Erscheinung der „Weißen Frau“, von der die Erwachsenen erzählten, hielt die Kinder von größerem Unfug im und am Bauwerk ab. Heute wird vorbildlich für die Erhaltung der gepflegten Einhardsbasilika gesorgt.
Besitz reichte bis nach Groß-Rohrheim
Danach ging die Fahrt weiter in das nahe gelegene Erbacher Schloss. An dieser Stelle bauten nach 1150 die königsfreien Vögte von Lorsch eine wehrhafte, mittelalterliche Burg, von der nur noch der Turm erhalten ist. Mit dem Erbmundschenkenamt für Kurpfalz stiegen die Erbacher auf. Durch eine kluge Heiratspolitik konnten sie ihren Einfluss ständig erweitern. So gelang es ihnen, weite Teile des Odenwaldes zu gewinnen. Mit der Übernahme des Amtes Bickenbach reichte ihr Besitz bis nach Groß-Rohrheim, dem Nachbarort von Biblis. Ab 1532 in den Grafenstand erhoben, wurde ihr Hochadelsstand auch rechtlich begründet. Im Jahr 1568 gehörte Schenk Konrad I. von Erbach ¼ von Groß-Rohrheim mit dem Unterdorf. Die dortige Vordergass und Hintergass hatte der Landgraf von Hessen.
Einmalige Antikensammlung
Um 1736 wurde an Stelle der mittelalterlichen Burg das Schloss im barocken Stil erbaut. Graf Franz I. von Erbach, der von 1754 – 1832 lebte, hat in seinem Schloss eine reichhaltige Jagdwaffensammlung begründet, mit einer einzigartigen Sammlung zurück gesetzter und krankhaft veränderter Geweihe. Darüber hinaus hat er den Rittersaal mit zahlreichen beeindruckenden Rüstungen für Ritter und ihre Pferde angelegt. Im Obergeschoss des Schlosses hat er die verschiedenen zeitgenössisch möblierten Säle, mit seiner nördlich der Alpen einmaligen Antikensammlung aus römischen Statuen, Kaiserbüsten und Vasen der griechischen und römischen Epoche bereichert.
1.200 Familien lebten von der Elfenbeinschnitzerei
Das 2016 neu eingerichtete Deutsche Elfenbeinmuseum im Erdgeschoss des Schlosses Erbach, zeigt in seinen verdunkelten Räumlichkeiten die schlaglichtartig beleuchteten Kunstwerke aus Elfenbein. Dazu ist zu erkennen sie wie sehr sich Graf Franz I. dem aufklärerischen Zeitgeist verschrieben hatte. Bei seinen Studienreisen quer durch Europa sah er auch Kunstwerke aus Elfenbein. Er hatte das Ziel, das Einkommen seiner Landeskinder zu verbessern. Er verfügte selbst über künstlerische Fähigkeiten. So ließ er sich 1775 nach seiner Rückkehr eine eigene Werkstatt einrichten und fertigte unter Anleitung eines Horndrehers erste Objekte an. 1783 begründete er die Elfenbeindreherzunft, unterstützte die Beschaffung von Materialien und die Reduktion von Zollbarrieren. Seine umfassende Bildung und seine Auslandsbeziehungen boten hierfür die besten Voraussetzungen. Erste größere wirtschaftliche Erfolge konnten mit dem Aufkommen der Jagdbroschen erzielt werden. Etwa 1.200 Familien lebten von der Elfenbeinschnitzerei. Die auf der Wiener Weltausstellung 1873 präsentierte „Erbacher Rose“ aus Elfenbein wurde mit einer Medaille prämiert und machte die Stadt in kürzester Zeit international bekannt.
Abschluss mit Einkehr
Bis heute hat Erbach zahlreiche Elfenbeinschnitzkünstler angezogen. Die Museumsführer, selbst Elfenbeinschnitzermeister, führten in der Werkstatt vor, wie heute mit fossilem Elfenbein, der Taguanuss und Knochenbein gearbeitet wird. Um ein Vergilben von Elfenbeinarbeiten zu verhindern, sollten diese nicht zu lange in geschlossenen Schachteln aufbewahrt werden. Immer mal wieder dem Licht ausgesetzt verhindert dieses das Vergilben und kann selbst bei vergilbten Stücken wieder aufhellend wirken. Bei gemeinsamer Einkehr im Hotel Wiesengrund in Lindenfels-Winkel fand der erlebnisreiche Tag einen schönen Abschluss. zg