Di., 06. Juni 2023, 10:19 Uhr
BUNDESWEITER PROTESTTAG: Apothekerschaft protestiert gegen gesundheitspolitische Entscheidungen der Bundesregierung - Arzneimittelversorgung soll durch Notdienst aufrechterhalten werden
Apotheken bleiben geschlossen
KREIS BERGSTRASSE – Die Apotheken in Deutschland stehen unter vielfachem Druck: Aufgrund der andauernden Lieferengpässe bei Medikamenten, zunehmender Personalnot und einer seit Jahren bestehenden Unterfinanzierung ist die Arbeit der Apotheken – die ordnungsgemäße Versorgung der Bürgerinnen und Bürger – massiv gefährdet. Daher sehen sich die Apothekenteams gezwungen, ein Zeichen zu setzen und der Bundesregierung mit dieser Aktion zu zeigen, dass es so in Zukunft nicht mehr weitergehen kann.
Nach der Corona-Pandemie fordern die aktuelle Lieferengpass-Krise, der eklatante Personalmangel und die überbordende Bürokratie die Apothekenteams, die sich weiterhin Tag für Tag unermüdlich für das Wohl Ihrer Patientinnen und Patienten einsetzen – Sie halten Rücksprache mit Arztpraxen, suchen händeringend nach Alternativpräparaten, versorgen in der Nacht, am Wochenende sowie am Feiertag und beliefern ihre Kunden via Botendienst.
Seitens der Politik erhalten die Apotheken dafür schon seit Jahren keine Wertschätzung mehr. Kaum war der Dank vieler Politikerinnen und Politiker für den Einsatz der Apothekenteams während der Pandemie verhallt, verabschiedete die Regierung Ende 2022 ein Spargesetz, mit dem de facto auch das Apothekenhonorar gesenkt wurde. Das Honorar der Apotheken besteht zu einem wesentlichen Anteil aus einem Festbetrag, der die laufenden Kosten abdecken soll. Dieser Festbetrag wurde seit nunmehr zehn Jahren nicht mehr angepasst, trotz der zwischenzeitlich
immens gestiegenen Kosten für Personal, Energie und Wareneinsatz.
Daher fordern die Apotheken die Erhöhung des Fixums in der Arzneimittelpreisverordnung, eine
Regelung zur jährlichen Anpassung dieses Fixums an die Kostenentwicklung sowie die Einführung einer zusätzlichen regelmäßigen Pauschale für jede Betriebsstätte.
Zudem fordern die Apotheken für die Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten weniger Bürokratie und mehr Freiheit: Aufgrund der zunehmenden Lieferengpässe müssen Apothekenteams für eine schnelle Versorgung Arzneimittel flexibler austauschen dürfen – ohne dabei befürchten zu müssen, dass ihnen die Krankenkassen die Vergütung streichen.
Bei einer
Retaxation verweigert die Krankenkasse die Erstattung eines bereits durch die Apotheke an die Patientin oder den Patienten abgegebenen Arzneimittels. Bei einer sogenannten Nullretaxation muss die Apotheke das Medikament sogar vollständig selbst bezahlen und bekommt somit Null Euro von der Krankenkasse erstattet – und dies unabhängig davon, ob der Krankenkasse überhaupt ein Schaden entstanden ist oder die Apotheke den Schaden nicht selbst verschuldet hat, beispielsweise wenn Ärztin oder Arzt vergessen haben, die Dosierung anzugeben! Fakt ist: Die Patientin oder der Patient wurden auf jeden Fall mit dem lebensnotwendigen Medikament versorgt! Oftmals entsteht diese Situation am Wochenende oder im Notdienst, wenn keine Rücksprache mit Ärztinnen oder Ärzten mehr möglich ist, die Patientin oder der Patient aber eine Lösung und Versorgung dringend benötigen. Hier wird die Apotheke auf eigenes Risiko komplett alleine gelassen.
Die Arbeit in der Apotheke erfordert viel Fachwissen und Verständnis für die Probleme der Patientinnen und Patienten. Arzneimittel-Lieferengpässe machen diese Arbeit zunehmend noch komplizierter. Sie kosten sehr viel Kraft und noch mehr Zeit. Eine finanzielle Anerkennung für diese Mehrarbeit wird den Apotheken jedoch ebenfalls versagt, daher fordern sie von der Politik eine gerechte Lösung durch die Reduzierung von Retaxationsverfahren auf das sachlich gebotene Maß, einen Engpass-Ausgleich, die Beseitigung der finanziellen Risiken aus dem Inkasso des Herstellerrabattes für die Krankenkassen (Apotheken gehen für die Krankenkasse in Vorleistung und bekommen erst im Anschluss eine Erstattung des Herstellerrabattes durch die Hersteller, die nicht immer gewährleistet ist)
und die Schaffung einer Rechtsgrundlage für die Arzt-Apotheker-Kooperation beim Medikationsmanagement.
Zuletzt haben in Deutschland so viele Apotheken wie noch nie zuvor für immer schließen müssen. Neben wirtschaftlichen Gründen, Personalnot und fehlendem Nachwuchs zählen auch mangelnde Anerkennung, zunehmende Frustration aufgrund der ausufernden Bürokratie sowie
der extremen Arbeitsverdichtung zu den Gründen für das Apothekensterben. Vor allem aber ist es der offensichtlich mangelnde Wille der Politik, die Apotheken und die dort arbeitenden Menschen zu unterstützen.
Hier fordern die Apotheken die Einschränkung des Präqualifizierungsverfahrens im Bereich der Hilfsmittel (jede Apotheke muss hier nochmals zusätzlich zu ihrer Betriebserlaubnis ihre Qualifikation und ihre Räumlichkeiten aufwändig alle 5 Jahre nachweisen) und Einzelmaßnahmen zum Bürokratieabbau.
Festzuhalten bleibt: Arbeitsplätze in Apotheken sind hauptsächlich Frauenarbeitsplätze, somit sehr familienfreundlich und wohnortnah, können auch in Teilzeit neben der Kindererziehung bei entsprechenden Kinderbetreuungszeiten oder neben der Pflege von Angehörigen ausgeübt werden und passen sich allen Lebensumständen von Familien an. Apotheken unterstützen ebenfalls in großem Maße die Integration von Arbeitskräften vor Ort und leisten wertvolle Arbeit als Lotse im Gesundheitswesen.
Apotheken kaputtzusparen, bedeutet, die flächendeckende, niedrigschwellige und wohnortnahe Arzneimittelversorgung kaputtzusparen. Das kann nicht im Sinne der Patientinnen und Patienten sein – und deshalb haben sich die Lampertheimer Apotheker dem bundesweiten Protesttag angeschlossen und lassen ihre Apotheken am 14.6.2023 ganztags geschlossen.
Die Versorgung der Bevölkerung wird über die notdiensthabenden Apotheken gewährleistet.
Diese sind:
Neue Apotheke, Darmstädter Str.50 in 68647 Biblis Tel: 06245-99903
Alte Apotheke Sandhofen, Sandhofer Str.3 16 in 68307 Mannheim Tel.: 0621-771325
Die Lampertheimer Apotheken empfehlen ihren Kunden, die Medikamente vorausschauend an anderen Tagen zu besorgen. Ab dem 15.06.2023 sind alle Apotheken wieder wie gewohnt für die Bevölkerung da.
Weil wir lieben, was wir tun, kämpfen wir mit ganzem Herzen! zg