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So., 16. Mai 2021, 18:31 Uhr
SERIE: Talk im TIP heute mit Sabine Sauerwein, Pfarrerin der Lukas-Gemeinde Lampertheim
„Bei der Domkirche war es Liebe auf den ersten Blick”
Foto: oh
„Talk im TIP“ ist eine Beitragsreihe des TIP-Verlags in Zusammenarbeit mit dem Initiator Kalle Horstfeld. Horstfeld der inzwischen auch als „Lômbadda Babbler“ bekannt ist, hatte im Februar 2020 mit dem „Talk im Alten Rathaus“ eine neue Veranstaltungsreihe in Lampertheim initiiert. Bei diesen Treffen sollten verschiedene Gäste vorgestellt und zu ihrer Lebensgeschichte befragt werden.
Durch die Corona-Pandemie ist die Veranstaltungsreihe vorerst einmal gestoppt. Horstfeld wird deshalb in regelmäßigen Abständen „Bürger unserer Stadt bzw. Region“ in einem persönlichen Gespräch vorstellen und zu verschiedenen Themen befragen. Heute im Gespräch: Sabine Sauerwein, Pfarrerin der Lukas-Gemeinde Lampertheim.
Zur Person:
Sabine Sauerwein ist seit 16 Jahren Pfarrerin der Domkirche Lampertheim. Sie ist die Vorsitzende des Kirchenvorstands der Lukasgemeinde. Ihre Hobbys sind Singen, Schwimmen, in den Bergen oder am Meer unterwegs sein.
Sie ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und hat ein kleines Enkelkind.
Kalle: Was gefällt Ihnen in Lampertheim besonders gut?
Sabine Sauerwein: Besonders gut gefällt mir unsere Domkirche. Als ich vor 16 Jahren nach Lampertheim kam, war es „Liebe auf den ersten Blick“. Sie ist für mich das Wahrzeichen unserer Heimatstadt und zu jeder Tageszeit wunderschön. Ich liebe es, wenn das Licht durch die Fenster leuchtet. Sie ist ein Ort der Kraft und inneren Stärke, der von allen Menschen, egal welcher Konfession sie angehören, angenommen wird.
Was ich in Lampertheim auch ganz toll finde ist, dass man viele Gänge und Erledigungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen kann. Gerade als meine Kinder noch im Kleinkind- bzw. Jugendalter waren, war es für mich und meinen Mann sehr schön zu erleben, dass sie die Welt in Lampertheim zu Fuß oder mit dem Rad selbst „erobern“ konnten.
Auch sehr schön sind die „Biedensand-Bäder“. Ich gehe gerne schwimmen und finde das Hallen- und Freibad und den Badesee einfach toll und nutze es, wenn möglich, so oft es geht.
Kalle: Was gefällt Ihnen in Lampertheim weniger gut?
Sabine Sauerwein: Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der nicht an allem rumnörgelt. Was mir in unserer Heimatstadt nicht so gut gefällt ist, dass Lampertheim so „schlechtgeredet“ wird. Dass beispielsweise immer wieder kritisiert wird, dass die Fußgängerzone wie „tot“ wäre und man „müsste, könnte und sollte“.
Verstehen kann ich allerdings, wenn sich Anwohner im Bereich der Wormser- und Mannheimer Straße beschweren. Die Verkehrssituation dort muss sich ändern, damit man sich ohne große Gefährdung mit dem Fahrrad, Kinderwagen oder zu Fuß bewegen kann.
Was mir auch nicht gefällt ist der Bahnhof. Als Eintrittskarte für eine schöne Kleinstadt ist das kein besonders toller Ort.
Kalle: Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Was würden Sie in Lampertheim sofort ändern?
Sabine Sauerwein: Natürlich wäre ein großer Wunsch von mir, dass die Biedensand-Bäder mit ihrem derzeitigen Angebot erhalten bleiben und noch erweitert werden.
Toll wäre auch ein kluges Verkehrskonzept, um den Bereich Mannheimer-, Wormser- und Andreasstraße für Fußgänger- und Radfahrer benutzerfreundlicher zu gestalten.
Schließlich sollte der Bahnhof ein attraktives Einfahrtstor zur Stadt Lampertheim sein.
Kalle: Wie haben Sie die Anfangszeit der Corona-Pandemie erlebt?
Sabine Sauerwein: Mein Mann hat sehr viel früher als ich eingeschätzt, in welche Richtung sich die Situation entwickeln würde und dass wir am Beginn einer Pandemie stehen. Ich wollte das am Anfang nicht so richtig wahrhaben.
Der erste Lockdown fiel in eine Zeit, in der wir viele schöne Veranstaltungen in der Gemeinde geplant hatten. Die tolle Ausstellung „Frauen 2020“ in der Kirche mit Heike Kissel-Eltrop und Anette Jansen war nur am Eröffnungssonntag zu besichtigen und dann war erst einmal Schluss. Das schöne Begleitprogramm mit Musik und Vorträgen konnten wir nicht verwirklichen. Natürlich war ich sehr traurig und wie viele andere auch erst einmal richtig geschockt.
Dass es noch ein zweites Osterfest ohne Gottesdienste geben sollte, ein Jahr ohne Familienfeste und persönliche Begegnungen, all das konnte ich mir nicht vorstellen.
Kalle: Welche Veränderungen sind Ihnen bisher während der Corona-Pandemie aufgefallen?
Sabine Sauerwein: Mir sind mehrere Veränderungen aufgefallen. Am Anfang habe ich eine große Solidarität zwischen den Menschen verspürt. Zu sehen, wieviel positive Energie und Kreativität in den Menschen steckt, fand ich bemerkenswert. Auch was sie bereit waren zu geben und sich zu entwickeln, wenn sie gefordert werden.
In der Familie sind wir in dieser Zeit wieder mehr zusammengerückt. Beruflich war ich vor der Pandemie auch abends oft unterwegs und jetzt hatte ich auf einmal mehr Gelegenheit diese Zeit auch mit der Familie zu verbringen.
Was mich sehr belastet und bedrückt hat, war im seelsorgerischen Bereich mitzuerleben, wie die alten Menschen ganz allein in den Altenwohnheimen gestorben sind oder wie Kranke in den Krankenhäusern kein Besuch bekommen durften. Das habe ich als große Veränderung und als große Verunsicherung verbunden mit Ängsten erlebt.
Momentan scheint das wieder etwas besser zu sein, insbesondere weil die alten Menschen jetzt auch überwiegend geimpft sind. Allerdings beschäftigt mich noch heute der Gedanke, was in dieser Zeit richtig und was gut war.
In der fortschreitenden Pandemie stelle ich auch fest, welche Ungeduld manche Menschen haben. Die Solidarität vom Anfang verwässert sich ein Stück weit. Das erfüllt mich mit Sorge. Persönlich hoffe ich, dass das Gute im Menschen noch mehr herausgekitzelt wird und über den Umstand siegt, dass sich Menschen persönliche Vorteile auf Kosten von anderen verschaffen wollen.
Als Kirche und Gemeinde wollen wir natürlich auch unseren Beitrag leisten und den Menschen Mut und Zuversicht zusprechen. Wir denken uns beispielsweise Sachen aus, mit denen man die Menschen trotz der Kontaktbeschränkungen erreichen kann. In der Gemeinde haben wir mit einem Audio-Podcast gearbeitet. Diesen habe ich gemeinsam mit Heike Ittmann und Pfarrer Behnke gestaltet. Für unsere Konfis haben die Teamer eine digitale Churchnight veranstaltet. Ich selbst mache mit meinen „Äffchen“ kleine Filme für die Kindergartenkinder. Solche Situationen setzen auch wieder Kreativität frei. Sie geben uns auch die Gelegenheit, über das eigene Handeln nachzudenken und sich wieder neu aufzustellen.
Kalle: Haben Sie ein Gefühl oder eine Vermutung, wie es mit der Corona-Pandemie weitergeht?
Sabine Sauerwein: Es wäre jetzt gut, wenn baldmöglichst viele Menschen geimpft wären. Damit würde meiner Meinung nach auch etwas mehr Entspannung in die Situation kommen. Wir möchten als Kirche auch wieder mehr Halt für die älteren Menschen bieten können. Natürlich schreiben und telefonieren wir mit ihnen, aber dies ersetzt ja nicht den direkten Kontakt zu uns. Den Menschen, die allein sind, würde es auch gut tun wieder einmal gemeinsam Kaffee zu trinken. Es fehlt auch sich wieder einmal in den Arm zu nehmen und sich einmal die Hand zu halten.
Auch wichtig finde ich, dass der Impfstoff in die ärmeren Ländern kommt. Uns steht jetzt nochmal eine Phase bevor, in der es viel auf Verantwortung ankommt. Auf Eigenverantwortung und Verantwortung der Regierungen. Einen Ausweg aus der Pandemie sehe ich im Impfen und in der Herdenimmunität.
Auch wenn ich am Anfang sehr optimistisch war, bin ich jetzt der Meinung, dass uns die Pandemie und deren Folgen noch viele Jahre beschäftigen werden.
Kalle: Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Sauerwein.