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Mi., 01. März 2023, 14:08 Uhr
KULTUR: TIP im exklusiven Interview mit der preisgekrönten Kabarettistin / Veranstaltung der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten aus Bürstadt und Lampertheim sowie des Kulturbeirat Bürstadt am 8. März
„Best of” und musikalisches Crossover mit Lizzy Aumeier
Crossover durch die Genres mit Lizzy Aumeier heißt es am 8. März in Bürstadt anlässlich des Weltfrauentages. Der TIP sprach im Vorfeld mit der Kabarettistin. Foto: oh
BÜRSTADT – Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten aus Bürstadt und Lampertheim sowie der Kulturbeirat Bürstadt laden am Mittwoch, 8. März, anlässlich des internationalen Frauentages um 19 Uhr ins Bürstädter Bürgerhaus zu einem Kabarettabend mit Lizzy Aumeier ein – Einlass ist ab 18 Uhr. Der internationale Frauentag wurde am 8. März 1921 in Erinnerung an die Februarrevolution in St. Petersburg – Textilarbeiterinnen wollten mit einem Streik den Sturz des Zaren, das Ende des Krieges sowie die wirtschaftliche und politische Umwälzung in Russland einleiten – als einheitliches Datum für den Internationalen Frauentag beschlossen. Bereits seit mehr als 100 Jahren wird demnach an diesem Tag weltweit auf Frauenrechte, die Gleichstellung der Geschlechter und bestehende Diskriminierungen wie bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne aufmerksam gemacht.
Die Besucher dürfen sich auf ein Feuerwerk an Themen freuen, durchsetzt mit einem nie dagewesenen Crossover an musikalischen Höhepunkten, die Lizzy Aumeier am Kontrabass zusammen mit der phantastischen Svetlana Klimova an der Violine und am Klavier bietet. Für alle Frauen wird es an diesem Abend zudem eine kleine Überraschung geben. Der TIP sprach im Vorfeld mit Lizzy Aumeier über diesen besonderen Abend.
TIP: Frau Aumeier, zunächst einmal vielen Dank, dass Sie uns für das Interview zur Verfügung stehen! Welches Programm bringen Sie dem Bürstädter – und auch Lampertheimer – Publikum anlässlich des Weltfrauentages mit?
Lizzy Aumeier: Da ich mich seit Jahren mit dem Thema Frauen beschäftige präsentiere ich ein „Best of”. Ich bin lange verheiratet, aber dennoch eine Emanze. Es geht mir darum, was sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten getan hat. Denn ich bin 59 und aus einer Generation, in der noch der Mann der Ansager war, der die Kohle heimgebracht hat. Seitdem hat sich vieles verändert und für mich persönlich ist seit dem 14. Lebensjahr klar, das ich nie finanziell von einem Mann abhängig sein will. Aber trotzdem ist es noch so: Eine Frau ist immer noch glücklich wenn man ihr sagt, sie hätte 10 Kilo abgenommen, auch wenn dies nicht so ist. Seit der Geburt haben wir Frauen es intus, dass wir immer schön und jung sein wollen und dafür nach drastischen Mitteln greifen.
TIP: Welche Botschaft möchten Sie an diesem besonderen Tag vermitteln?
Lizzy Aumeier: Schon immer bin ich eine Verfechterin von Frauen: Ich kämpfe für Frauen, die das Studium oder den Job aufgegeben und Kinder zu anständigen Menschen erzogen haben. Nach drei Geburten ist dann die Brust und der Bauch nicht mehr so schön und viele haben Komplexe. Aber warum? Viele dieser Frauen vergleichen sich mit Germany’s Next Topmodel, dem größtem Bullshit – stattdessen müsste man diesen Frauen applaudieren: Denn sie sind Mütter, Ernährer, Psychologen, Organisatoren und noch vieles mehr! Ebenso fehlt der Respekt vor alten Frauen, die unser Land mit aufgebaut haben und jetzt kaum Rente haben.
Das Programm wird aber auch politisch werden. Grundsätzlich freue ich mich, wenn Frauen politisch aktiv sind, aber eine Julia Klöckner oder eine Christine Lambrecht geben wirklich kein tolles Bild ab.
Durch den Krieg in der Ukraine sind zudem viele Menschen aggressiver und respektloser geworden. Ich versuche daher, den Leuten etwas über Politik zu erzählen, diese dabei aber ins Lächerlicher zu ziehen, sei es die AfD oder Putin.
TIP: Und was würden Sie gerne mit Blick auf die Gleichstellung direkt verändern?
Lizzy Aumeier: Zunächst einmal bin ich gegen die Frauenquote weil ich denke, dass es selbstverständlich sein müsste. dass Frauen sich durch Qualität durchsetzen können und sollten. Was immer noch schlimm ist: Wenn eine Frau im gebärfähigen Alter ist, wird sie nicht eingestellt, weil sie schwanger werden können. Dies müsste sich dringend ändern. Und: Frauen werden anders beurteilt und beurteilen sich selbst anders. Wenn beispielsweise ein junger hübscher Mann etwas zu politischen Themen sagt, wird er ernst genommen – nicht aber eine Frau mit Modelmaßen. Und ich bin schon lange auf der Bühne, leider ist es immer noch Tatsache. dass Frauen für gleiche Arbeit weniger Geld bekommen.
TIP: Sie sind nicht nur wortgewandt, sondern auch sehr musikalisch. Welche Rolle spielt die Musik bei Ihrem Programm am 8. März?
Lizzy Aumeier: Überraschende Musik ist meine Berufung. Nächste Woche werde ich ein Crossover bieten, begleitet an Violine und Klavier durch Svetlana Klimova, ehemalige Konzertmeisterin der Moskauer Symphoniker.Dabei verwurstele ich das Violinkonzert von Vivaldi mit „Locomotive Breath” von Ian Anderson oder spiele auch Thunderstruck von AC/DC in einer vom mir bearbeiteten und nicht mehr erkennbaren Form. Und das alles nach einer Einleitung von Bach. Wir zeigen, dass Kontrabass und Geige eine ziemlich geile Kombination sind.
TIP: Was war der Grund für Sie, Kabarettistin zu werden?
Lizzy Aumeier: Als Kabarettistin bin ich eine Quereinsteigerin. Ich habe Kontrabass studiert und war nach dem Abschluss bei klassischen Orchestern engagiert. Dann hatte Gerhard Polt für eine Veranstaltung Musiker gesucht, die am Abend auftreten. Er kam wegen eines Schneesturms sehr spät und wir haben den ganzen Abend improvisiert. Am nächsten Tag hat Gerhard Polt mich angerufen und gelobt und wollte erneut mit mir auftreten. Danach habe ich mich getraut, ein Soloprogramm zu machen und habe mittlerweile zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den Deutschen Kabarettpreis und den Bayrischen Kabarettpreis. Und auch wenn ich nicht eitel oder preisgeil bin: Preise öffnen Türen. Aber: Ich habe auch viele private Schicksalsschläge erlitten und weiß: Ein Preis wärmt dich nicht in kalter Nacht.
TIP: Wie hat Corona die Situation in der Kultur- und Kabarretszene und besonders für Sie verändert?
Lizzy Aumeier: Wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen bin ich knapp an einer Depression vorbeigeschlittert. Wenn ich gewusst hätte, das es über zwei Jahre dauert, hätte ich ein Fernstudium begonnen oder in der Hospizarbeit angefangen. Aber so hieß es immer: In vier Wochen geht es weiter, man wurde gerade als Künstler immer wieder hingehalten. Ich kenne Kollegen, die Suizid begangen haben oder psychosomatisch krank wurden. Ich habe 30 Jahre gearbeitet und ein abgeschlossenes Musikstudium – aber dasnutzt dann nichts. Es hat mir immer Spaß gemacht und ich wollte gerade auf Deutschlandtour gehen – und dann ging es von einem Tag auf den anderen von 100 auf 0. Ich bin in eine Lethargie verfallen, worüber sollte ich schreiben? Dass ich um 21 Uhr zuhause sein muss? Das hat mich sehr schwer mitgenommen.
TIP: Vielen Dank für diese sehr offene und ehrliche Antwort! Welche drei Charaktereigenschaften machen Sie besonders?
Lizzy Aumeier: In erster Linie bin ich emphatisch. Ich komme aus der Klassik, aber ich mache meinem Publikum immer klar: Ich bin eine von euch, entspannt euch, so ist das Leben. Dazu bin ich zielgerichtet und ehrgeizig: Denn ich will, dass jeder Abend ein guter Abend wird – mir ist egal, ob ich vor 80 oder vor 8.000 Leuten spiele. Und drittens bin im Privatleben wahnsinnig sensibel. Die Bühne ist hingegen mein Spielplatz, hier improvisiere ich gerne. Dabei führe ich aber das Publikum niemals vor, sondern interessiere mich für die Menschen, die gekommen sind.
TIP: Auf was dürfen sich die Besucher am 8. März im Bürgerhaus Bürstadt besonders freuen?
Lizzy Aumeier: Dass ich mich auf den Auftritt wahnsinnig freue und Lust habe, meine Energie, meine Empathie und meinen Witz zu verstreuen. Und dass die Leute über zwei Stunden nicht an ihre Steuererklärung oder den Krieg denken müssen, sondern raus gehen und sagen: Ich war in einer anderen Welt, mit der ich mich identifizieren kann.
TIP: Vielen Dank für das Gespräch und einen schönen und gelungenen Abend in Bürstadt!
Das Interview führte Benjamin Kloos.
Info:
Tickets für 23,35 Euro gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie über den Kulturbeirat der Stadt Bürstadt, Telefon 06206/701233, beim Frauenbüro in Lampertheim, Telefon 06206/935301, E-Mail sonja.niederhoefer@lampertheim.de und dem Frauenbüro Bürstadt, Telefon 06206/701147, E-Mail gerasimoula.grigoraki@buerstadt.de