JÜDISCHES LEBEN: Auf dem jüdischen Friedhof in Lampertheim dem früheren Leben nachspüren
„Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah“
Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof zum Gedenken an die 6 Millionen ermordeten Juden und Gedenktafel des MGV Cäcilia 1873 an die jüdischen Vereinsmitglieder. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Wer den Weg zum jüdischen Friedhof am Kriegerdenkmal an der Martin-Kärcher-Straße beginnt, weiter durch den Stadtpark geht und schließlich das Tor zum Stadtfriedhof erreicht, hat es nicht mehr weit. Nur steht zum jüdischen Friedhof kein Tor offen, aus guten Gründen kann nur hinein, wer einen Schlüssel zur Hand hat. Aber die Mauer erlaubt den Blick über die Gräber und die weiten Streben der modernen Umzäunung geben den Blick seitlich frei. Die Grabinschriften sind auf Hebräisch und Deutsch, manche wirken wie neu, andere hat das Wetter aus dem Sandstein gewaschen. „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah!“ Mit diesen Worten wurde Hanny Retwitzer 1899 im Alter von 68 Jahren von ihren Kindern in die Ewigkeit verabschiedet. Dem im Alter von 78 Jahren verstorbenen Vater Jacob Retwitzer hatten sie 1896 diesen Satz mitgegeben: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht todt, der ist nur fern“. Stadtarchivar Hubert Simon konnte bei seiner kürzlichen Führung über den jüdischen Friedhof im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus die etwa fünfzig Teilnehmer auch über die Geschichte des alten Stadtfriedhofs, den Stadtpark, die Ehrengräber, die Mahnmale und Gedenksteine für die Gefallenen und durch Kriegsfolgen zu Tode gekommenen Menschen informieren. Dass Sabine Vilgis, die Leiterin der Technischen Betriebsdienste, und Frank Schollenberger von der Friedhofsverwaltung dabei waren, freute den Stadtarchivar, weil die beiden Experten für den Stadtpark und Stadtfriedhof ihrerseits viele Fragen beantworten konnten, insbesondere zur stetigen, behutsamen Umgestaltung des Stadtfriedhofs und seiner Entwidmung im Jahr 2044. Freud und Leid sind auf dem Areal vereint:Hier das gegenwärtige Vergnügen, sich im gepflegten Stadtpark zu erholen, die Natur zu erleben, während Kinder jeden Alters ihren Spaß auf den Spielplätzen haben, dort die Toten in ihren Gräbern. Alles nur wenige Schritte voneinander entfernt. Bei einem Rundgang am vergangenen Freitag zur Mittagszeit zeigten sich Stadtpark und Friedhöfe im milden, goldenen Licht der Sonne. Stadtarchivar Simon hatte vorsorglich eine Kappe auf dem Kopf, um den jüdischen Friedhof vorschriftsmäßig betreten zu können. Eine Kippa tragen die jüdischen Männer, die Frauen brauchen keine Kopfbedeckung zu tragen. Im Vorfeld hatte sich Simon mit Rita Althausen, der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Mannheim, ausgetauscht. Sie habe sich gewünscht, dass die Juden als normale Mitbürger wahrgenommen werden und nicht immer im Zusammenhang mit Antisemitismus. Ihre Familie hatte in Lampertheim gelebt, bis sie von den Nazis vertrieben und teilweise ermordet wurde. Wie Simon bei seinen Recherchen herausgefunden hatte, waren die Juden in Deutschland und in Lampertheim seit Mitte des 19. Jahrhunderts und in der Weimarer Republik auf dem besten Weg als gleichberechtigte Bürger anerkannt zu sein, sie hatten es so gut wie geschafft. Auch dass 1869 der jüdische Friedhof in unmittelbarer Nachbarschaft des Stadtfriedhofs eingeweiht werden konnte, zählt Simon zu den Fortschritten. In dieser Blütezeit haben wohl 150 jüdische Mitbürger in Lampertheim gewohnt. Bis dahin fanden viele Lampertheimer Juden ihre letzte Ruhestätte auf den jüdischen Friedhöfen in Hemsbach, Alsbach und Worms.
Stadtarchivar Hubert Simon vor dem jüdischen Friedhof, der sich an den Stadtfriedhof anschließt. Foto: Hannelore Nowacki
Jüdischer Friedhof als Spiegel des Lebens
Der separate, heute nicht mehr genutzte Tor-Eingang mit Davidstern an der Karl-Ulrich-Straße habe in der Nazizeit bis 1942 benutzt werden müssen, hat Simon in Erfahrung gebracht. Zur Ausgrenzung in damaliger Zeit gibt Simon zu bedenken, dass Christen und Juden an den gleichen Gott glauben und Jesus Jude war, dass für beide Religionen das Alte Testament mit den zehn Geboten gelte und die Thora die fünf Bücher Mose enthalte. In diesem Jahr werde gefeiert, dass es seit 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland gebe, im Jahr 1615 weise ein Eintrag im Gerichtsbuch erstmals auf in Lampertheim ansässige Juden hin. An der Friedhofsmauer erinnert eine Gedenktafel an die Lampertheimer Juden, die 1. Weltkrieg gefallen waren. Bis zu ihrer Zerstörung gehörte die Gedenktafel zur Lampertheimer Synagoge an der Wilhelmstraße. Ein großes Denkmal erinnert an die in der NS-Zeit ermordeten 6 Millionen Juden. Der Männergesangsverein Cäcilia, gegründet 1873, erinnert mit einem eigenen Stein an seine verstorbenen jüdischen Mitglieder. Die nach dem 2. Weltkrieg bis 1949 beigesetzten Juden waren jüdische Insassen des Lampertheimer Lagers für „Displaced Persons“, von denen allein drei bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Auch eine Gedenktafel des Verbandes der ehemaligen jüdischen Frontkämpfer und Partisanen des 2. Weltkrieges mit Datum Mai 1946 fällt auf.Hannelore Nowacki