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  • Fr., 10. März 2017, 10:29 Uhr
    Autorenlesung in der Erich-Kästner-Schule mit Jutta Fleck und Tochter Beate Gallus

    Die Frau vom Checkpoint Charlie, die um Freiheit und ihre Kinder kämpfte



    An der Autorenlesung vor Jugendlichen der Erich-Kästner-Schule mit Jutta Fleck und Tochter Beate Gallus nahmen auch Mark Wohlfahrt, stellvertretender Schulleiter, und Erster Stadtrat Walter Wiedemann (rechts) teil. Foto: Hannelore NowackiBÜRSTADT – Jutta Fleck und ihre Tochter Beate Gallus hatten ein sehr aufmerksames Publikum, als sie am Donnerstagvormittag in der Mediothek der Erich-Kästner-Schule (EKS) aus ihrem Leben in der DDR der 1980er Jahre berichteten. Der SED-Diktatur wollte Jutta Fleck 1982 mit ihren beiden Töchtern Claudia und Beate über Rumänien in die Bundesrepublik entfliehen, ein Vorhaben, das misslang. Die Mutter wurde wegen Republikflucht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die Töchter erlebten den Aufenthalt im Kinderheim gefängnisgleich mit täglichen Repressalien. Bis alle drei gemeinsam in der Freiheit und Demokratie angekommen waren, vergingen sechs dramatische Jahre. Schülerinnen und Schüler aus drei 10. Klassen, eine Realschulklasse und zwei Gymnasialklassen, nahmen an dieser bewegenden Autorenlesung teil. Zweimal im Jahr lädt Deutschlehrerin Sigrid Röhrborn Klassen zu Autorenlesungen in der Mediothek ein. Jutta Fleck war schon einmal zu Gast. Aus eigenem Erleben kennen die Jugendlichen die damalige Zeit nicht, umso wichtiger sind Zeitzeugen, denen sie zuhören und Fragen stellen können. Als „Frau vom Checkpoint Charlie“ wurde Jutta Fleck weltweit bekannt, ein Spielfilm, eine Fernsehdokumentation und ein Buch erzählen von den kämpferischen Jahren, bis sie endlich ihre Töchter am 25. August 1988 nach sechs Jahren der Trennung wieder in ihre Arme schließen konnte. Die Mutter wurde nach zwei Jahren von Westdeutschland freigekauft, die Töchter mussten in der DDR bleiben. Doch Jutta Fleck gab nie auf, sie kämpfte unermüdlich für die Freiheit ihrer Töchter, bis sie wieder vereint waren. Am Grenzübergang Checkpoint Charlie in Berlin, der damals durch die Mauer geteilten Stadt, hatte sie gestanden und die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt. Für ihr mutiges Engagement zur Freilassung ihrer Töchter erhielt sie 2007 die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen und 2008 zeichnete sie der HCV Bürstadt mit dem Courage-Orden aus. 2009 verlieh ihr Bundespräsident Horst Köhler im Rahmen der Veranstaltung „Gegner des SED-Unrechts“ den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Zunächst sahen die Jugendlichen in der Mediothek einen Film, mit weiteren Zeitzeugen im Gespräch mit Jutta Fleck, Frauen, die in der grausamen politischen Haft gelitten hatten. Dreißig Frauen mussten sich im Gefängnis Burg Hoheneck einen Raum teilen, Waren für westdeutsche Versandhäuser und andere Firmen produzierten sie in Zwangsarbeit. Von „einem unbeschreiblichen Glücksgefühl“ sprachen die Zeitzeugen, das sie nach ihrer Freilassung empfanden. „Freiheit und Demokratie“ bedeuten ihnen nach diesen Erlebnissen alles. „Menschen, die einer Diktatur die Stirn bieten, sind Botschafter für Freiheit und Demokratie“, sagt Jutta Fleck. Sie wendet sich gegen das Vergessen, das sich in Meinungen ausdrückt wie „so schlimm ist es in der DDR ja auch nicht gewesen“. 

    In ihrem Vortrag erzählte sie, was damals in Rumänien bei ihrer Fluchtvorbereitung und Entdeckung geschah, wie sie nach der Verhaftung schon auf dem Flug in die DDR von ihren Töchtern getrennt wurde, von ihrer Haftzeit. Jutta Fleck ist Leiterin des Schwerpunktprojekts „Politisch-historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, ihre Tochter Beate Gallus engagiert sich für „Mut! Liebe! Hoffnung“ mit ihrem Projekt „HerzFace“, das im Internet unter www.herzface.de zu finden ist. Ines Veith, die das Buch „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ geschrieben hat, meint zu „HerzFace“: „Herzen, die Gesichter tragen, stellen keine dummen Fragen. Sie sind einfach da im Leben, helfen Lasten wegzuheben“. Was sie im Kinderheim der DDR erlebte, berichtete Beate Gallus mit beklemmenden Details. Über viertausend Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren seien dort von 1964 bis zum 1. November 1989 zwangseingewiesen worden. Bedingungslose Unterwerfung wurde gefordert, jedes Kind bekam eine Nummer und wurde zur Nummer. Der Tag war strikt reglementiert, die beiden Schwestern wurden getrennt in verschiedenen Gruppen untergebracht. „Wir hatten keine Möglichkeit der freien Entfaltung, wir spürten keine Liebe und Zuneigung, sondern Kälte und keine Antworten“. Erst nach etwa drei Monaten durfte sie der Onkel besuchen. Was ist eine „eiserne Acht“? Jutta Fleck hatte diesen Begriff  verwendet und erklärte den Schülern: So haben die Frauen im Gefängnis die Handschellen bezeichnet. Wurden im Kinderheim Uniformen getragen? Schmucke Uniformen darf man sich nicht vorstellen, Beate Gallus sprach von einer eher dürftigen Bekleidung. In der Diskussionsrunde nach der Pause war Raum für ausführliche Gespräche vorgesehen. Hannelore Nowacki

     
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