VEREIN FÜR HEIMATGESCHICHTE NORDHEIM: Besonderes Denkmal mit interessanter Geschichte
Die Heilig-Kreuz-Kapelle in Biblis – ein verkanntes Kleinod
Die Heilig-Kreuz-Kapelle in Biblis ist ein wahres Schmuckstück — darauf macht der Verein für Heimatgeschichte Nordheim aufmerksam. Foto: oh
BIBLIS – Die Heilig-Kreuz-Kapelle in Biblis, Annastraße am Eck des alten Friedhofs, ist ein ganz besonderes Denkmal. Sie geht auf den Kammermeister des aufgelösten hochfürstlich-wormsischen Domstiftes Valentin Schorn zurück. Valentin Schorn war ein gebürtiger Bibliser (geb. 1750) und wohl auch Kleriker. Sein Vater Nikolaus Schorn kam wegen der Liebe aus Viernheim nach Biblis und hat 1736 Maria Apollonia, eine Tochter des (begüterten) Schultheiß Johann Valentin Reis geheiratet. Sein Schwiegervater Johann Valentin Reis war dreimal verehelicht und hatte 17 Kinder, die mehrheitlich im Kindesalter starben. Auf seinem Grabkreuz ist Reis als Unterschultheiß bezeichnet. Das ist ein Resultat der Organisation der mainzischen Staatsverwaltung. Oberschultheiß war Franz Hertz in Bürstadt. Es fanden sich aber keine Spuren einer Tätigkeitseinschränkung der Unterschultheißen. Reis hat selbständig seine Aufgaben wahrgenommen. Er war von der Regierung auf Lebenszeit eingesetzt. Er hatte sowohl die Belange der Einwohner zu berücksichtigen als auch die der Regierung. Ein blühendes, abgabekräftiges Gemeinwesen wurde von ihm verlangt. Es war bestimmt für ihn ein schwerer Spagat, sowohl der Landesherrschaft zu genügen, als auch den Einwohnern gerecht zu werden.
Die Kapelle, deren Baudatum nicht feststeht, stand vor dem Jahr 1870 etwa fünf Meter östlich der Ostecke des Wohnhauses Annastraße 1 in der heutigen Bahnhofstraße, damals noch "Kleine Obergasse" genannt, die hier endete. Siehe einen Ausschnitt aus der ersten Hessischen Generalstabskarte des Jahres 1832 von Kapitän Roth. Der rote Hinweispfeil zeigt auf den ersten Kapellenstandplatz. Mit dem Bau des Bahnhofs 1870 wurde die Kleine Obergasse verlängert bis zum neuen Bahnhof und umbenannt in Bahnhofstraße. Die in die neue Straße vorragende Heilig-Kreuz-Kapelle, störte jetzt und wurde abgetragen und etwa 70 Meter westlich, in der Annastraße, an der Ecke des alten Friedhofes wieder aufgebaut. Der Leichenhallenanbau erfolgte erst 1905.
Den Schlüssel zur Kapelle bekam der hiesige Gemeinsmann Johannes Kissel XII. (Ammekissel). Pater Schorn hat zwei Feldgrundstücke seines Besitzes in Biblis namhaft gemacht, mit der Bestimmung, dass der jeweilige Inhaber derselben den Schlüssel des Kapellchens, sowie die Unterhaltung und Wartung derselben zu übernehmen habe. Weiterhin, dass er dem Ortspfarrer für zwei Prozessionen, an Kreuz-Erfindung 3. Mai und Kreuz-Erhöhung 14.9. und zwei dabei an dem Kapellchen zu haltende Andachten jährlich 8 Gulden und 6 Kreuzer zu entrichten habe. Mit der Kreuz-Erfindung wurde der Auffindung des Kreuzes Jesu in Jerusalem um das Jahr 325 durch Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin des Großen gedacht, der das Christentum zur Staatsreligion erhob. Der Festtag der Kreuzerhöhung wird im Kirchenjahr der römisch katholischen und der orthodoxen Kirchen am 14. September gefeiert. Armenische Kirchen und protestantische Gemeinschaften, besonders in England, begehen die Erhöhung und Präsentation des heiligen Kreuzes als Gedenktag. Durch den Anbau der Leichenhalle direkt an die Kapelle wurde die Heilig-Kreuz Verehrung an der Kapelle in Biblis aus dem Bewußtsein verdrängt und das Kapellchen in Biblis, das im oberen Teil seines Straßenseitigen Giebels noch barocke Formenspuren trägt, meist nur noch als Friedhofskapellchen betrachtet.
Die von dem Stifter aufgestellten Unterhaltsverpflichtungen sind am 16. Januar 1904 von dem damaligen Grundstücksinhaber Valtin Kissel I. abgelöst worden. Die bauliche Unterhaltung übernahm die Gemeinde. Noch 1984 hat Frau Apollonia Münch die Kapelle geputzt und geschmückt. Sie hatte noch eine Quittung aufbewahrt: "Am 16. Januar 1904 sind wir einig geworden, dass Valentin Kissel I. die Heilig-Kreuz-Kapelle betreut. Er verpflichtet sich auch für Kindeskinder. Die Verpflichtung geht jedesmal auf das älteste Kind über". Apollonia Münch gehörte zu den Nachkommen des Val. Kissel I.. Heute pflegt ehrenamtlich Herr Hermann Schestag vorbildlich die kleine Kapelle,die älter ist als die alles überragende St. Bartholomäuskirche von 1876. zg