Ein Interview mit Jörg Oberkinkhaus, dem Fachbereichsleiter Rettungsdienst der Abteilung Gefahrenabwehr des Kreises Bergstraße
Die Rettungsdienste im Kreis Bergstraße
Die Corona-Lage wirkt sich natürlich auf die tägliche Arbeit des Rettungsdienst im Kreis Bergstraße aus. Foto: www.pixabay.com
TIP: Herr Oberkinkhaus, zunächst zum allgemeinen Verständnis: Wie strukturiert sich der Rettungsdienst im Kreis Bergstraße?
Jörg Oberkinkhaus: Der Rettungsdienst im Kreis Bergstraße wird im Auftrag des Kreises durch die drei Hilfsorganisationen Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter Unfall Hilfe, Malteser Hilfsdienst und der NotarztgemeinschaftDr. Scheuer & Partner erbracht und untersteht der fachlichen Aufsicht der Kreisverwaltung. In der Abteilung Gefahrenabwehr wird diese Aufgabe durch ein Team aus zwei rettungsdienstfachlich qualifizierten Mitarbeitern übernommen, die durch zwei ärztliche Leiter Rettungsdienst unterstützt werden.
TIP: Wie ist der Rettungsdienst im Kreis Bergstraße aufgestellt?
Jörg Oberkinkhaus: Zur Sicherstellung der rettungsdienstlichen Infrastruktur steht eine tageszeitabhängige Rettungsmittelvorhaltung von neunzehn Rettungswagen, drei Notfall-Krankenwagen und vier Notarzteinsatzfahrzeugen zur Verfügung, die über die Zentrale Leitstelle Bergstraße disponiert werden. Die Rettungsmittel sind an insgesamt dreizehn Rettungswachen stationiert, die nach strategischen Kriterien im Kreisgebiet verteilt sind. Die rettungsdienstliche Einsatzführung an größeren oder bestimmten Einsatzstellen wird 24 Stunden am Tag und an 7 Tagen pro Woche durch jeweils einen diensthabenden Organisatorischen Leiter Rettungsdienst und einen Leitenden Notarzt sichergestellt.
TIP: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit der hauptamtlichen Rettungsdienste mit den freiwilligen
Rettungsdiensten und den anderen Hilfsorganisationen?
Jörg Oberkinkhaus: Der hauptamtliche Regelrettungsdienst wird durch ehrenamtliche Strukturen der Ortsvereinigungen der Hilfsorganisationen unterstützt, die bei Bedarfsspitzen oder Sonderlagen mit ehrenamtlich besetzten Rettungsmitteln zur Verfügung stehen. Ergänzt wird dieses ehrenamtliche Engagement durch sogenannte First-Responder / Helfer-vor-Ort-Systeme der Hilfsorganisationen und der Feuerwehr, die bei definierten Einsatzstichworten zeitgleich mit dem Rettungsdienst alarmiert werden, um noch vor Eintreffen des Rettungsdienstes Erste-Hilfe Maßnahmen einzuleiten („Verringerung des therapiefreien Intervalls“). Ebenfalls aus dem Ehrenamt heraus werden die Einheiten des medizinischen Katastrophenschutzes besetzt. Hier sind vom Land Hessen im Kreis Bergstraße zwei Sanitätszüge und zwei Betreuungszüge stationiert worden, die mit ihren Komponenten bei besonderen Einsatzlagen auch in der täglichen Gefahrenabwehr eingesetzt werden, beispielsweise bei einem Massenanfall von Verletzten oder Großbränden. Insgesamt werden im Kreis Bergstraße jährlich um die 42.000 Rettungsdiensteinsätze abgewickelt.
TIP: Wie wirkt sich nun die Corona-Pandemie auf den Fachbereich Rettungsdienst der Abteilung Gefahrenabwehr des Kreises Bergstraße aus?
Jörg Oberkinkhaus: Die Corona-Lage wirkt sich natürlich auf die tägliche Arbeit der Kolleginnen und Kollegen vor Ort an den Einsatzstellen, aber auch auf das koordinierende Backoffice des Rettungsdienstes und der Arbeit in der Zentralen Leitstelle aus. Zur Kontaktvermeidung wurden beispielsweise bis auf weiteres alle Rettungsdienstfortbildungen ausgesetzt. Die sozialen Kontakte in den Rettungswachen werden minimiert, indem beispielsweise das morgendliche gemeinsame Frühstück nach dem Schichtwechsel untersagt wurde.
TIP: Welches sind in der aktuellen Situation die priorisierten Ziele des Fachbereichs?
Jörg Oberkinkhaus: Oberstes Ziel ist der Schutz der Mitarbeitenden im Einsatzgeschehen, sowie die Sicherstellung des Systems „Rettungsdienst“ im Kreis Bergstraße. Hier stehen wir in einem sehr engen Kontakt und Austausch mit den Rettungsdienstleitungen der Hilfsorganisationen und den Rettungsdienstfachbereichen der benachbarten Landkreise, um notwendige Maßnahmen gemeinsam zu besprechen und abzustimmen.
TIP: Was unternimmt der Fachbereich zum Schutz der Einsatzkräfte vor Ansteckung im Einsatzfall?
Jörg Oberkinkhaus: Die First-Responder / Helfer vor Ort System werden in der aktuellen Lage nur noch bei den Einsatzstichworten „bewusstloser Patient“ und „Reanimation (Wiederbelebung)“ alarmiert, um auch hier die ehrenamtlichen Einsatzkräfte maximal zu schützen. Infektionseinsätze gehörten auch vor Corona schon zum Alltagsgeschehen im Rettungsdienst, beispielsweise aufgrund von Patienten mit multiresistenten Keimen oder Erkrankungen durch den NORO-Virus. Das heißt, die Sensibilität der Mitarbeitenden für den Infektionsschutz, Desinfektionsmaßnahmen und Handlungsabläufe bei Infektionseinsätzen ist aufgrund der rettungsdienstlichen Aus- und Weiterbildung vorhanden, bestimmt aber jetzt den rettungsdienstlichen Einsatzalltag in allen Einsatzsituationen. So ist beispielsweise zentral eine Rettungswache speziell für die Desinfektion nach Corona-Einsätzen / Verdachtsfalleinsätzen ausgestattet worden, sodass die Desinfektion der Rettungsmittel und die nach dem Einsatz notwendige persönliche Hygiene (Duschen, Wechsel der Einsatzbekleidung) der betroffenen Mitarbeitenden nach einem Dekontaminationskonzept erfolgen kann, um eine Erregerverschleppung zu verhindern. Zudem wird an den Einsatzstellen zum Eigenschutz der Einsatzkräfte die Erstanamnese durch den Notfallsanitäter nun durch Corona-spezifische Fragestellungen eingeleitet, das restliche Team verbleibt erst einmal mit Abstand, außer bei offensichtlich lebensbedrohlichen Einsatzsituationen.
TIP: Schutzausrüstungen sind derzeit Mangelware. Welche Maßnahmen hat der Fachbereich ergriffen?
Jörg Oberkinkhaus: In der aktuellen Lage sind Schutzmaske und Schutzbrille wichtiger Bestandteil der persönlichen Schutzausrüstung der Mitarbeitenden im Rettungsdienst. Die Verfügbarkeit von Schutzmasken wird zunehmend schwieriger, sodass hier eine ressourcenschonende Mehrfachverwendung nach den Vorgaben des Robert Koch Instituts erfolgt.
TIP: Wie wirkt sich eine mögliche Fehlzahl an Einsatzkräften durch Quarantäne-Zeiten auf die Einsatzfähigkeit aus?
Jörg Oberkinkhaus: Aufgrund der Corona-Lage kommt es natürlich auch zu quarantänebedingten Personalausfällen im Rettungsdienst, die jedoch durch die Hilfsorganisationen noch kompensiert werden können. Zudem verzeichnen wir derzeit rückläufige Einsatzzahlen in der Notfallrettung. Dies ist bedingt durch die Schließung von Geschäften, Sporteinrichtungen, Schulen usw. sowie vermehrtes Arbeiten im Homeoffice, reduziertes Freizeitverhalten, rückläufigen Individualverkehr auf den Straßen usw. Somit ereignen sich beispielsweise auch weniger Verkehrs-, Sport- und Arbeitsunfälle.Im Falle einer weiteren Ausdehnung der Krisensituation greift ein abgestuftes Maßnahmenkonzept, um auch bei Personal- und Fahrzeugausfällen das System Rettungsdienst stabil halten und die Notfallversorgung sichern zu können.
TIP: Wie lautet Ihr persönlicher Rat an die Bevölkerung?
Jörg Oberkinkhaus: Nehmen Sie die Lage sehr ernst! Wäre der Virus so sichtbar wie eine Hochwasserwelle oder eine Flammenwand, wären auch Gefahr und Bedrohung sichtbar. So aber müssen wir uns mit etwas Unsichtbarem auseinandersetzten und uns immer wieder die reale Gefahr dieses Unsichtbaren ins Bewusstsein rufen. Stärken Sie deshalb den Zusammenhalt; Achten Sie beispielsweise in ihrem Umfeld auf ältere Menschen, die sich möglicherweise nicht alleine versorgen können und Unterstützung benötigen. Befolgen Sie die Hinweise und Anordnungen der Behörden und Fachinstitutionen. Jeder einzelne trägt durch sein individuelles Verhalten zu Erfolg oder Misserfolg im Kampf gegen COVID-19 bei.