Kultiviertes Fleisch: Metzgerei Blüm startet Umfrage zu Akzeptanz bei den Kunden
"Echtes Fleisch, nur anders erzeugt"
Was denken die Kunden der Metzgerei Blüm über kultiviertes Fleisch? Würden sie es kaufen? Dieser Frage geht die Studie von Professor Dr. Nick Lin-Hi (Mitte) nach. Foto: Eva Wiegand
LAMPERTHEIM - Es hört sich an wie Science Fiction, doch in Singapur gibt es das künstlich hergestellte Fleisch, das „kultivierte Fleisch“ bereits seit dem letzten Jahr zu kaufen. Der Preis für ein Burger Patty liegt heute unter zehn Dollar, im Jahr 2013 kostete das erste aus Stammzellen kultivierte Rinderhackfleischpatty, das in den Niederlanden vorgestellt wurde, aufgrund des aufwendigen Prozesses noch 250.000 Euro. Langfristig werde das kultivierte Fleisch noch günstiger, günstiger sogar, als normale Produkte, denn die Wertschöpfungskette sei viel kürzer, meint Professor Dr. Nick LIN-Hi von der Universität Vechta, der zur Durchführung einer Studie in der Metzgerei Blüm zum Thema Akzeptanz bei den Verbrauchern nach Lampertheim kam. Für die EU gib es bisher noch keine Zulassung für das im Reagenzglas hergestellte Fleisch, doch der Wirtschaftsethiker ist sich sicher: daran kommt die Menschheit nicht vorbei. Denn die Frage sei nicht, ob, sondern wie schnell kultiviertes Fleisch in die Theke und die Regale kommt. „Es ist das bessere, gesündere und nachhaltigere Fleisch“, davon ist der Professor überzeugt. Zum echten Fleisch gebe es keinen Unterschied. Es wird aus einer dem Tier schmerzfrei entnommenen Zelle gewonnen. Dem Nährmedium werden anschließend Proteine, Kohlenhydrate, Vitamine und Wachstumsfaktoren zugeführt, das herangewachsene Fleisch wird geerntet und kann dann zu Produkten wie Bratwürsten, Hackbällchen oder Chicken Nuggets weiterverarbeitet werden. „Bis 2050 werden rund 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben, die Prognose für den geschätzten Fleischkonsum liegt dann 60 Prozent über dem heutigen“, erklärt LIN-Hi. Doch bereits jetzt ist die Fleischproduktion der Klimatreiber schlechthin. Schon heute macht die Herstellung von Fleisch circa 15 Prozent der Klimagase aus. Und dass die Menschen von sich aus weniger Fleisch essen, also Verzicht üben, davon könne man nicht ausgehen. Deshalb bleibt für Lin-Hi nur eine Alternative: „Wir müssen das Produkt besser machen.“ Denn man geht davon aus, dass kultiviertes Fleisch rund 90 Prozent weniger Treibhausemissionen verursacht, hat es eine deutlich bessere Umweltbilanz im Gegensatz zu konventioneller Fleischproduktion. Nicht zu vergessen: Tiere müssen nicht mehr gehalten und geschlachtet werden und es braucht keine Antibiotikagaben mehr. „Denn es gibt kein Hygieneproblem mehr“, bringt es der Professor auf den Punkt. In Deutschland gebe es zum Thema kultiviertes Fleisch derzeit allerdings leider kaum Studien, ebenso wenig wie entsprechende Förderprogramm. Über das Thema hat Viktoria Blüm, Metzgertochter und mittlerweile selbst ausgelernte Metzgerin, in ihrer Masterarbeit geschrieben. Zurück im Betrieb des Vaters, der Metzgerei Blüm in der Emilienstraße, hat sie das Thema des kultivierten Fleischs nicht losgelassen, sie wollte den Anschluss nicht verlieren, deshalb nahm sie Kontakt zu dem Professor auf, der nun gemeinsam mit ihr und Kerstin Gerke an einer Studie schreibt. „Es ist eine Frage der Akzeptanz bei den Verbrauchern. Wir wollen mit unserer Studie herausfinden, ob die Kunden das kultivierte Fleisch kaufen würden“, erklärt Lin-Hi. Für insgesamt zehn Tage werden hierzu die Kunden der Metzgerei Blüm befragt. Inhaber und Metzgermeister Paul Blüm findet die Aufgeschlossenheit seiner Tochter zu dem nachhaltigen Thema gut, „aber für mich ist klar, dass es für mich keine berufliche Relevanz mehr haben wird.“ Er setzt indessen weiterhin auf Qualität und eine gute Haltungsform. Eva Wiegand