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    GEDENKEN: 74 Stolpersteine seit 2007 zur Erinnerung an Lampertheimer Opfer des Nationalsozialismus verlegt / Vier Stolpersteine erinnern an die Familien Hirsch und Strauss – Ihnen gelang die Flucht

    Ein Mensch mit einem Namen, einem Gesicht und einer Geschichte

    Zum Gedenken an die Menschen, die hier gelebt hatten, „unfreiwillig“ umgezogen waren und ins Ausland fliehen konnten, wurden vier Stolpersteine auf dem Gehweg vor dem Fachwerkhaus in der Römerstraße 44 fachgerecht von den Mitarbeitern der Technischen Betriebsdienste verlegt. Bürgermeister Alexander Scholl berichtete vor über 40 Mandatsträgern, interessierten Bürgern und Verwaltungsmitarbeitern vom Schicksal der damaligen Bewohner.
    Foto: Hannelore Nowacki

    LAMPERTHEIM – Im Schatten der Morgensonne hatten sich am frühen Montagmorgen über vierzig Teilnehmer zur Verlegung von vier Stolpersteinen auf dem Gehweg vor dem Anwesen in der Römerstraße 44 versammelt. Zwei Mitarbeiter der Technischen Betriebsdienste hatten bereits Platz im Pflaster geschaffen und nahmen genau Maß für die Stolpersteine, ausgerichtet mit der Wasserwaage. Ein wenig Sand hatte sich über die hochglänzenden Messingtafeln gelegt. Auf einem kleinen Podest, mit königsblauem Stoff ummantelt, lagen die langstieligen weißen Rosen bereit, die später ihren Platz an den Stolpersteinen fanden, abgelegt von Bürgermeister Alexander Scholl, Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb, Erstem Stadtrat Stefan Nickel und Stadtarchivarin Carmen Daramus, die für diese feierliche Erinnerungsaktion die historische Aufarbeitung der Schicksaale der Familien Hirsch und Strauss wie auch die Organisation übernommen hatte. Bürgermeister Scholl richtete seine Grüße an die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats, and die Ortsvorsteher und allen Anwesenden. Jeder einzelne Stolperstein stehe für einen Menschen mit einem Namen, einem Gesicht und einer Geschichte, erklärte Scholl, erinnert werde mit diesen Steinen an das Schicksal der Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. 

    Weiße Rosen legten Bürgermeister Alexander Scholl, Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb, Erster Stadtrat Stefan Nickel und Stadtarchivarin Carmen Daramus nieder. Ein stilles Gedenken folgte.
    Foto: Hannelore Nowacki

     

    Den Familien Hirsch und Strauss war es gelungen, sich durch Flucht nach Palästina und in die USA zu retten, wie Bürgermeister Scholl im Einzelnen aus deren Lebensgeschichten berichtete. Der erste Stein erinnert an den Kaufmann Otto Strauss, geboren 1895 in Lampertheim, der wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten „unfreiwillig“ nach Heidelberg zog. Im Oktober 1939 gelang ihm die Flucht über Rotterdam in die USA, wo er heiratete, 1942 zum Militär eingezogen wurde und 1967 in New York verstarb. Sein Vater hatte in der Römerstraße 44 und 42 eine Möbelfabrik betrieben. Der zweite Stein erinnert an Dr. Ernst Hirsch, geboren 1900 in Mannheim, der nach der Heirat mit Luise Karoline Strauss nach mehreren Umzügen 1929 mit dem kleinen Sohn Bert zu ihren Eltern in die Römerstraße 44 zog. An sie erinnert der dritte Stolperstein. Beide sind im Sommer 1933 wegen zunehmender Bedrohung „unfreiwillig“ nach Mannheim verzogen. Am 31. Dezember 1934 gelang ihnen die Flucht nach Palästina. Zwanzig Jahre später verzog Ernst Hirsch mit Ehefrau nach Australien, wo er 1974 und die 1908 geborene Luise Karoline Hirsch 1980 verstarb. Der Stolperstein für ihren Sohn Bert Hirsch, Jahrgang 1930, der in Australien 1998 verstarb, erinnere daran, dass die Verfolgung nicht nur Erwachsene betraf, betonte Scholl. Wichtig und wertvoll finde er zu unterstreichen, dass „wir stolz darauf sein können, in einem Land leben zu dürfen, in dem Freiheit und Demokratie selbstverständlich sind“. Tag für Tag, alle Generationen müssten alles dafür tun und ihren Beitrag leisten, dass das auch so bleibe. Dem deutschlandweiten Projekt des Künstlers Gunter Demnig folgend, gebe es in Lampertheim diese Form der gelebten Erinnerungskultur seit 2007: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 60. Todestag von Pater Alfred Delp wurde der erste Stolperstein verlegt und am 2. November 2012 hatte die Stadtverordnetenversammlung einstimmig beschlossen, diese Aktion fortzusetzen. 

    74 Stolpersteine wurden bisher verlegt, die meisten vom Künstler selbst, der diesmal jedoch verhindert war. Sein Assistent Frank-Matthias Mann war gekommen, den Scholl als jemanden vorstellte, der sich beruflich wie persönlich der Erinnerung, der Verständigung und dem Dialog verpflichtet habe. In seinem Grußwort ging Mann auf den Begriff  Heimat und das Generationen übergreifende Gedenken ein und erinnerte daran, dass Palästina damals, als Familie Hirsch dorthin flüchtete, britisches Mandatsgebiet war. Das Fachwerkhaus in der Römerstraße 44, in dem heute eine Tagesbetreuung der Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie angesiedelt ist, hat eine lange Geschichte, wie der Presseinformation von Stadtarchivarin Daramus zu entnehmen ist: Erbaut etwa 1710, befand sich hier bis etwa 1759 das Gasthaus „Zum Viehhof“. Die Gemeinde kaufte das Anwesen zur Nutzung als Pfarrwohnung für den reformierten Pfarrer, 1908 ging es an die evangelische Kirchengemeinde. 1910 wurde der Kaufmann Moses Strauss Eigentümer, Vater von Otto Strauss. Bis etwa 1927 gab es auf dem Gelände und Nachbargrundstück die Möbelfabrik Strauss.  

    Hannelore Nowacki

     

     

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