VEREIN FÜR HEIMATGESCHICHTE NORDHEIM: Bericht über eine Fliegerrettung in Biblis im Jahr 1944
Eine Rettung aus höchster Not
Erhard Beier im Jahr 1944. Foto: oh
BIBLIS – Dem 1998 verstorbenen Bibliser Heimatforscher Hans-Dieter Kunz ist nachfolgender Bericht zu verdanken, den seine Tochter Frau Marsch dem Burg-Stein-Museum übergab: „Am 18. August 1944 wird im Luftkampf ein deutsches Flugzeug des Typ BF 110 F der 1./NJG 4 (Nachtjägergeschwader 4) schwer beschädigt. Dabei kam der Funker Feldwebel Rudolf Helbing ums Leben.Auf dem Rückflug nach Biblis musste die Maschine kurz vor dem Flugplatz aufgegeben werden. Der Pilot Oberfeldwebel Adolf Brandstetter kann sich unverletzt mit dem Fallschirm retten. Dem Bordmechaniker Unteroffizier Erhard Beier gelingt, sehr schwer verletzt, über freiem Feld der Absprung mit seinem Fallschirm aus dem trudelnden Flugzeug. Er galt zunächst als vermisst.
Die Rettung von Unteroffizier Beier war einem glücklichen Zufall zu verdanken. EinigeStunden später fuhr die alteingesessene Landwirtsfamilie Philipp Adam Gleich,aus der Wormser Straße 12 in Biblis, mit dem Fuhrwerk auf ihr Feld bei den Lochwiesen zur Gurkenernte. (Anmerkung: Laut Auskunft von Bürgermeister Volker Scheib, ist das ein Bereich nordwestlich vom Ortskern Biblis in Richtung Groß-Rohrheim gelegen).
Beim mühseligen Gurkenpflücken kommt es schon einmal vor, dass man Rückenschmerzen verspürt, denn diese Arbeit wurde damals rein von Hand im Bücken ausgeführt. So hat man ab und zu das natürliche Bedürfnis sich mal wieder gerade zu stellen und auch etwas zu verschnaufen und eine kurze Pause einzulegen.
Bei einer solchen Pause glaubte die Tochter Elsa, damals 19 Jahre alt, in der Ferne am Boden eine winkende Hand zu sehen. Sie blickte nun des öfteren in diese Richtung, konnte aber vorerst nichts mehr von einer Hand sehen. Doch sie glaubte fest daran eine Hand gesehen zu haben und so schweifte ihr Blick immer wieder zu dieser Stelle. Sie machte ihre Eltern auf ihre Beobachtung aufmerksam. Doch diese sagten zu ihr, du siehst Gespenster, doch Elsa schaute immer wieder zu dieser Stelle und nun sah sie die Hand beziehungsweise einen Arm winken. Auch die Eltern sahen nun, dass dort was war, aber nichts Genaues. Es war ja schon öfter vorgekommen, dass Fliegersoldaten mit dem Fallschirm in der Bibliser Gemarkung abgesprungen waren und versucht hatten sich mit dem Fallschirm zu retten.
Doch dann kam die Frage auf, ist es ein deutscher oder ein feindlicher Flieger. Auf jeden Fall setzte sich dann der Gedanke durch, da ist ein Mensch in Not, dem muss geholfen werden. Die Mutter hatte noch Bedenken, wenn der bewaffnet ist und evtl. von der Waffe Gebrauch macht, was ist dann?
Um sich im Notfall verteidigen zu können, ergriff Vater Gleich seine Mistgabel und ging mit seiner Tochter Elsa mutig auf die Stelle zu in der benachbarten Gewann „Speckwiesenhorst“ . Dort fanden sie einen schwerverwundeten und stark blutenden Fliegersoldaten vor. Im ersten Augenblick konnten sie überhaupt nicht erkennen, ob es ein deutscher oder ein feindlicher Flieger war, denn seine Fliegerkombination war stark zerfetzt und blutverschmiert. Trotzdem sorgten sie dafür, dass er schnellstens ins Lazarett nach Worms kam.
Mit einem Foto und einer Karte aus der Stadt Meuselwitz in Thüringen, im Altenburger Land dankte Unteroffizier Erhard Beierhandschriftlich „Meiner schönen Lebensretterin zum Andenken an Ihren Uffz. Erhard Beier“. zg