ELISABETH-SELBERT-SCHULE: 100 Jahre Berufsschule – Jubiläumsfeier mit Enkelin der Namensgeberin und Schüler-Projekten
Elisabeth Selbert machte den Menschen Mut
LAMPERTHEIM – Seit zwölf Jahren trägt das Berufliche Schulzentrum des Kreises Bergstraße den Namen Elisabeth-Selbert-Schule (ESS). In einem Beteiligungsprojekt hatten Lehrkräfte und Schüler daran mitgewirkt. Vor hundert Jahren lernten in der Lampertheimer Berufsschule junge Leute in Fachklassen für Kaufleute, Friseure, Elektriker, Metallarbeiter, Bauhandwerker, Bäcker und Metzger, heute bietet die Elisabeth-Selbert-Schule mit rund 800 Schülern zahlreiche Bildungsgänge und Abschlüsse an, die das moderne Spektrum der Wirtschaft und Berufswelt abbilden – von der Berufsvorbereitung bis zur Fachhochschulreife.
Das Jubiläum feierte die Berufsschule am Freitag mit einem Festakt im Beisein zahlreicher Ehrengäste, ehemaliger Schulleiter und Lehrkräfte, der IHK Darmstadt, der Agentur für Arbeit und Vertreter sozialpädagogischer Einrichtungen und Ausbildungsbetriebe. Auch das Diakonische Werk sowie Freunde und Förderer waren gekommen. Als besonderen Ehrengast begrüßte der kommissarische Schulleiter Martin Gonnermann die Enkelin der Namensgeberin, Susanne Selbert, die wie ihre Großmutter ihre politische Heimat in der SPD hat. Die 62-jährige Landesdirektorin des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen war aus Kassel angereist, wo auch Elisabeth Selbert lebte (1896-1986). Dass im Grundgesetz im Artikel 3 der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ steht, geht auf das politische Engagement von Elisabeth Selbert zurück, die als gewähltes Mitglied im Parlamentarischen Rat dafür geworben hatte. Zeit Lebens habe sie den Menschen, Männern und Frauen, Mut machen wollen für ein selbstbestimmtes Leben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, darüber berichtete Susanne Selbert im Schüler-Interview, das Kezia Belz und Robin Wroblewski mit ihr im Rahmen des Festaktes führten. Mit Frauenrechten befasste sie sich, nachdem sie selbst erfahren musste, dass Mädchen und Frauen schon in der Schulbildung benachteiligt waren. Für den Besuch der Mittelschule habe es kein Abschlusszeugnis, nur eine Bestätigung des Schulbesuchs gegeben, naturwissenschaftliche Fächer waren Jungen vorbehalten. Auch bei Jurastudium und Promotion erlebte sie die geschlechtsbezogene Benachteiligung. Die volle gesetzliche Gleichberechtigung hat Elisabeth Selbert nicht mehr erlebt. Wie würde sie wohl die Lage heute sehen? Die Enkelin denkt: „Sie wäre halbzufrieden“.
Bürgermeister Gottfried Störmer und Susanne Selbert enthüllten das Bronzeporträt von Elisabeth Selbert im Beisein von Schulleiter Martin Gonnermann, ein Geschenk der Stadt Lampertheim an die Elisabeth-Selbert-Schule. Foto: Hannelore Nowacki
ESS – Mutmacherin und immer am Puls der Zeit
Die Mitmach-Aktionen und Infostände der Schulklassen nach dem Festakt hatten das Thema Gleichberechtigung aufgenommen. Ihren „herzlichen Glückwunsch zum 100.“ verband Schulamtsleiterin Susann Hertz aus Heppenheim in ihrer Rede mit einer Laudatio auf die Leistungen der Elisabeth-Selbert-Schule und einer Würdigung ihrer Namensgeberin, deren Biografie sie gelesen habe. Beeindruckend sei, wie die Schule durch die Coronazeit gekommen sei. Elisabeth Selbert, so betonte Hertz, habe ihr Abitur im Selbststudium extern vorbereitet und schloss ihr Jurastudium als Überfliegerin nach sechs Semestern mit Auszeichnung ab. „Landrat und Kreisausschuss sind stolz auf diese Schule“, sagte Heinz Klee vom Kreisausschuss in seinem Grußwort. Das schulische Angebot in Lampertheim werde durch die Elisabeth-Selbert-Schule komplettiert, das mache „uns stolz“, betonte Bürgermeister Gottfried Störmer. Der Schule gratulierte er im Namen des Magistrats, des Stadtverordnetenvorstehers und des Ersten Stadtrats und brachte als Geschenk der Stadt Lampertheim eine Bronzetafel mit dem Porträt von Elisabeth Selbert mit, das Störmer mit Susanne Selbert zum abschließenden Höhepunkt feierlich enthüllte. Das vom Künstler und Stadtrat Bernhard Hossner gestaltete Kunstwerk soll in der Schule einen würdigen Platz erhalten. Für den 2002 gegründeten Förderkreis sprach Sandra Oettrich, die allen Firmen und Personen für ihre Spenden dankte, die der Schule oder einzelnen Schülern direkt zugutekamen.
Große Anerkennung zollte Schulamtsleiterin Susann Hertz der Elisabeth-Selbert-Schule, die auf eine beeindruckende Entwicklung schauen könne. Foto: Hannelore Nowacki
In seinem Bildvortrag mit einem Blick zurück und einem Blick nach vorne illustrierte der kommissarische Schulleiter Gonnermann die Geschichte seit 1922 in Dekaden bis ins aktuelle Zeitalter der Digitalisierung. Als Bildungsauftrag nannte er Erwerbsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe, damals habe man von Tüchtigkeit und Mündigkeit gesprochen. In einer Gesprächsrunde mit dem ehemaligen Schulleiter Karl-Wilhelm Bauer, der 1967 an die Schule kam, und dem aktuellen Schulleitungsteam erzählte Bauer von den damaligen Arbeitsmitteln: Anstatt Kopierern gab es Matrizendrucker und blaue Finger inklusive, elektrische Schreibmaschinen, bei denen jeder Anschlag sitzen musste, aber schon früh CNC-Maschinen in den Metallwerkstätten. An die schönen, schwungvollen Schulfeste erinnerte sich auch Moderatorin Maria Späh noch lebhaft. Stefanie Richter berichtete von der der kaufmännischen Fachoberschule, mit Präsenz- und digitalem Unterricht sowie einer elektronischen Lernplattform sei die Schule gut ausgerüstet. Im Fachbereich Sozialwesen gebe es verschiedene Schulformen, erklärte Stefanie Schwan, neue Bereiche wie Mechatronik, Wirtschaft und Verwaltung seien dazugekommen. Das neue Modell der Erzieherausbildung biete Vergütung und einen hohen Praxisanteil. „Der ESS-Beitrag gegen den Fachkräftemangel“. Beim stellvertretenden Schulleiter Jürgen Ende laufen alle Fäden für Kooperationsprojekte zusammen, bei denen Schüler an ihren Aufgaben wachsen und sich ausprobieren können. Mit Spannung erwartet wurde das Interview mit Susanne Selbert: Als sie 26 Jahre alt war, verstarb ihre Großmutter, die ihr in Gesprächen viel mitgegeben habe. Bei ihren Enkeln habe sie das Demokratieverständnis gefördert, mit der Wirkung, dass alle Enkel gesellschaftlich engagiert seien. Tolerant und sehr mutig sei ihre Großmutter gewesen, mit einer gehörigen Portion Optimismus. Leider sei die praktische Gleichberechtigung noch nicht erreicht, betonte Enkelin Selbert, zur Durchsetzung von Rechten brauche es eine Parität, eine geschlechtergerechte Besetzung der Parlamente. Zudem würde sie Kinderrechte in die Verfassung aufnehmen, wie das Recht auf Bildung.
Beste Stimmung bei der 100-Jahr-Feier der Elisabeth-Selbert-Schule. Martin Gonnermann, kommissarischer Schulleiter, blickte optimistisch in die Zukunft. Foto: Hannelore Nowacki
Klassen boten Infos und Essen
Zum Thema Gleichberechtigung hatte die Erzieherklasse 14 FS PivA eine Skulptur mit Autoreifen in Pink aufgebaut und ein Bobbycar-Rennen für Erwachsene im Angebot, bei dem es ums Einparken ging, was Frauen nach einem Vorurteil nicht so gut können. In dieser „Praxisorientierten vergüteten Ausbildung“ geht man an zwei Tagen zur Schule, an drei Tagen ist Praxis im Kindergarten oder einer Krippe. Mit 1.300 Euro brutto werde nach Tarif bezahlt, erklärten die angehenden Erzieherinnen. In einem Klassenzimmer hatte die Klasse 12 FS PivA mehrere Stationen aufgebaut. Quizfragen, ein Video, eine volle Spielzeugkiste, eine Fotoauswahl – alles drehte sich um die Frage „was ist typisch männlich oder weiblich“. Eigene oder gesellschaftliche Vorurteile, bewusste oder unbewusste Zuschreibungen von Eigenschaften wurden beleuchtet. Klassenlehrer Christian Hörnle erklärte im Gespräch, dass im Unterricht versucht werde, Geschlechterstereotype abzubauen und Mut zu machen. Die Präsentation solle für Thema sensibilisieren. Verblüffend auch die Bilderschau, die Carmen Domniku zur Frage „Mann oder Frau“ vorführte. In einem anderen Klassenzimmer waren die Schüler der Intea-Klasse versammelt, eine Integrationsklasse mit dem Ziel, innerhalb der zweijährigen Maßnahme in den Fächern Deutsch, Politik und Wirtschaft, Englisch und Mathe einen Abschluss zu machen. Sport- und Schwimmlehrerin Edeltraud Schiertz freute sich, den erfolgreichen Schwimmern ihre Abzeichen in Gold, Silber und Bronze zu überreichen. Die multinationale Klasse hatte jeweilige landestypische Spiele vorbereitet und allerlei kulinarische Kostproben aus ihren Heimatländern als Büffet aufgebaut. Hannelore Nowacki