Die Gratiszeitung für Lampertheim und das hessische Ried
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Ernte auf Feldern und Grünland entlang des Rheins verloren
Di., 18. Juni 2024, 16:14 Uhr
HOCHWASSERSCHÄDEN: Landwirtschaftsminister Jung sichert Landwirten Unterstützung zu / In Lampertheim zwölf Betrieb mit 300 Hektar betroffen
Ernte auf Feldern und Grünland entlang des Rheins verloren
Landwirtschaftsminister Ingmar Jung (links) vor Ort im Gespräch mit Willi Billau und weiteren von Hochwasserschäden betroffenen Landwirten. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Als die Wagenkolonne mit dem hessischen Landwirtschaftsminister Ingmar Jung (CDU) vom Freibad im Weidweg Richtung Rhein fährt, wird sichtbar, was die Flut vor zwei Wochen auf den Feldern angerichtet hat. Der Minister nahm die ganze Strecke bis zum Rheinufer in Augenschein, während die kleine Gruppe der Landwirte am Straßenrand vor der riesigen Wasserlache auf der Fahrbahn mit Blick auf ein großes zerstörtes Zwiebelfeld von Landwirt Rigo Strauß wartete. Auf der Natostraße hatte das Wasser 1,2 Meter hoch gestanden, wie die Landwirte dem Minister berichteten, die Feuerwehr hatte Boote eingesetzt. Gewaltige Schäden hatte das Hochwasser Anfang Juni entlang des Rheins in den Niederungen des südhessischen Rieds auf Feldern und Grünland verursacht, die sich Landwirtschaftsminister Jung, zuständig auch für Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat, gemeinsam mit betroffenen Landwirten und Vertretern der hiesigen Bauernverbände anschaute. Ein erstes vertiefendes Gespräch hatte sich entwickelt, das beim Treffpunkt auf dem Freibadparkplatz mit den Landwirten intensiv fortgesetzt wurde, die Minister Jung die Lage eindringlich schilderten. Viele Landwirte haben ihre diesjährige Ernte verloren und werden die überflutet gewesenen Flächen vorerst nicht bewirtschaften können. Helmut Steinmetz hat 12 Hektar Stangenbohnen verloren, 14 Hektor Buschbohnen sind auf den Feldern von Karl-Heinz Schmidt kaputt. Das hätte nicht passieren müssen, meint Landwirt Schmidt, wenn zwei große Polder auf baden-württembergischem Gebiet geflutet worden wären: „Uns in Hessen lassen sie absaufen“. Landwirt Steinmetz wies darauf hin, dass die hiesigen Polder Privatgelände seien, aber der Allgemeinheit zugutekommen. Schmidt und seine Kollegen sehen ein weiteres Problem, denn ihr Personal müsse trotz Ernteausfällen weiterbeschäftigt und bezahlt werden, auch Marktanteile würden verloren gehen. Zum Treffen waren Landwirte aus der gesamten betroffenen Region sowie mehrere Verbandsvertreter gekommen – etwa 80 Interessierte hatten sich versammelt, unter ihnen vom Hessischen Bauernverband Vizepräsident Stefan Schneider und Generalsekretär Hans-Georg Paulus, Hans Trumpfheller vom Regionalbauernverband Starkenburg sowie aus der Region die Kreislandwirte Werner Wald aus Groß-Gerau und Norbert Zöller aus Offenbach, Landtagsabgeordnete von CDU und SPD, Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb (CDU), Bürgermeister Gottfried Störmer und Landrat Christian Engelhardt.
Schnelle und langfristige Lösungen
Noch immer steht Wasser auf den Feldern, die Gräben entlang der Natostraße zum Rhein sind voll. Betroffen sind Getreidefelder mit mehr als 60 Prozent und viel Grünland sowie besonders kostenintensive Sonderkulturen wie Speisezwiebeln, Busch- und Stangenbohnen, Erbsen und Zuckerrüben. Bei Kartoffeln sind mehr als 30 Prozent verloren. Den Viehhaltungsbetrieben fehlt nun das Heu, außerdem entstehen ihnen Kosten, weil das Grünland abgetragen und abgefahren werden muss - tausende Tonnen, für die Ideen im vorhanden sind, aber noch keine Lösung gefunden ist. Landrat Christian Engelhardt brachte eine mögliche Kompostierung ins Gespräch. Dr. Willi Billau, lange Jahre Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg, Agrarwissenschaftler und betroffener Landwirt, bat den Minister, die Landwirte in die Gespräche über die anstehenden Themen Entschädigung, Versicherung und Vorsorge zu integrieren. Jung wies darauf hin, dass Lösungen umso eher möglich seien, je mehr Betriebe betroffen sind. Dabei gehe es auch um beihilferechtliche Fragen. In Lampertheim seien zwölf Betrieb mit 300 Hektar betroffen, im gesamten südhessischen Ried 100 Betriebe mit einer Fläche von tausend Hektar, teilte Billau mit. Jung will zukünftig Vorsorge treffen und nicht hinterher über Probleme reden. „Ich biete Gespräche an, letzten Endes muss jeder Landwirt selbst entscheiden, ob er das Angebot annimmt“. Im Haushalt seien zwar keine Mittel aktuell verfügbar, doch durch Umschichtungen könne er bis zu 2 Millionen Euro als Soforthilfe freimachen. Schnell und pragmatisch solle geholfen werden, betonte Jung. Wie die Landwirte findet auch Jung Gefallen an einer Mehrgefahrenversicherung, die Hagel, Frost, Hochwasser und Tierseuchen einschließt. Das wäre wohl eine gute Lösung, koste mit 20 Millionen Euro im Jahr aber „wahnsinnig viel Geld“, gab Jung zu bedenken. Billau hatte das französische Versicherungsmodell mit 70-prozentiger Beteiligung des Staates angesprochen. Dieses Hochwasser komme die Landwirte im Vergleich zu 2013 wegen gestiegener Kosten für Saatgut deutlich teurer, betonte Billau, das tue weh. Applaus gab es, als Billau Minister Jung dankte: „Ihr Auftreten hat uns Mut gemacht, uns freut, dass wir in Ihnen einen Vertreter in der Landesregierung haben, der sich für uns einsetzt“.
Ein von der Flut zerstörtes Zwiebelfeld. Foto: Hannelore Nowacki
Weitere Sorgen und die afrikanische Schweinepest
Wie Horst Müller aus Riedstadt, der das Thema Sommerdeiche und gesteuerte Polder gegen Hochwassergefahren ansprach, treibt auch Landwirt i. R. Dieter Marggraf aus Biblis-Nordheim um, dass an den Sommerdeichen nichts mehr gemacht werde. Auch liegt ihm daran, dass die Leistungen der Landwirte bekannt und gewürdigt werden, die beim Hochwasser auf Feldern in Biblis und Groß-Rohrheim 22 Pumpen herbeigeschafft hatten und diese tagelang liefen, sogar Landwirte aus Hofheim und Lorsch hätten geholfen. Nachdem am Wochenende erstmals in Hessen im Kreis Groß-Gerau ein Wildschwein positiv auf die Afrikanische Schweinepest getestet wurde und durch Allgemeinverfügung im Umkreis von 15 Kilometern einschneidende Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden, geht bei den Landwirten eine weitere Sorge vor wirtschaftlichen Verlusten um. Zum Beispiel durch das Verbot von Maschinen für die Feldarbeit. Dass so schnell mehrere Kilometer Zaun aufgestellt werden konnten, beeindruckte Minister Jung, der das Vorgehen verteidigte. Besser sei sofort mit harten Maßnahmen zu reagieren, die man zurücknehmen könne, als hinterher zu bereuen.