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Fr., 08. Oktober 2021, 09:59 Uhr
Ortsgeschichtlicher Rundgang mit Günter Mössinger, Bürgermeister und Mandatsträgern
Ertragreiches Krongut versorgte Karl den Großen und seine Gäste
Günter Mössinger berichtete aus dem Leben auf dem Krongut seit 625 und von Karl dem Großen, der sich und seine Besucher von dort versorgen ließ. Foto: Hannelore Nowacki
BIBLIS – Es war einmal ein kleines Dorf, das Bibifloz genannt wurde, das heutige Biblis, und wahrscheinlich 600 Einwohner hatte, als es schon ein wenig gewachsen war. Im Jahr 836 wurde es sogar im Kodex des Klosters Lorsch erwähnt. Karl der Große war damals der mächtige Kaiser. Eine seiner Königspfalzen hatte er in Worms, wo er Könige und andere hochrangige Besucher empfing. Die Versammlungen zählten häufig hunderte von Teilnehmern, die gut versorgt werden mussten. Eines dieser Krongüter war um 625 in Biblis entstanden, ein Musterbetrieb zur Versorgung des Hofstaats. Auch in Nordheim und Wattenheim gab es Krongüter, jedoch kleiner. Von allem musste genügend vorhanden sein, auch eine gewisse Zahl an Hühnern und Gänsen wurde gehalten. Wertvolle Arbeit leisteten hochqualifizierte Frauen auf dem Gebiet der Textilverarbeitung in einem eigenen Gebäude auf dem Krongut. Alle Beschäftigten zählten zur königlichen Familie, was etliche Sonderrechte mit sich brachte. Das Dorf wurde wohlhabend und verfügte über Tore wie die Waldpforte, das Werrtor, Rheinpforte, Kirchpforte und Wingertspforte. Als der letzte Eigentümer Graf Werinher im Jahr 877 verstarb, wurde sein Wille umgesetzt und das Kloster Lorsch übernahm das Krongut. Schon die Römer vor 2000 Jahren hatten diese verkehrstechnisch und strategisch bedeutsame Landschaft für sich entdeckt und besetzt. Biblis blickt auf eine lange Geschichte zurück und auch an immer neuen Erkenntnissen mangelt es nicht. Daran ließ Günter Mössinger, Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte Nordheim, seine rund 20 Zuhörer am Mittwochabend beim ortsgeschichtlichen Rundgang teilhaben. Eingeladen hatte er im Namen von Bürgermeister Volker Scheib und dem Vorsitzenden der Gemeindevertretung Konstantin Großmann Mandatsträger und Interessierte, die sich zwischen dem Bürgerzentrum und der katholischen Pfarrkirche St. Bartholomäus an den beiden neuen Geopunkt-Informationstafeln zur Geschichte des Krongutes und der Kirche versammelt hatten. Begleitet wurde der Rundgang von weiteren Vorstandsmitgliedern. Zur weiteren Veranschaulichung hatte Mössinger eine Mappe mit Abbildungen, Fotografien und Ortsplänen vorbereitet. Wo heute die St.-Bartholomäus-Kirche mit ihren beiden über 50 Meter hohen Türmen steht, geweiht 1876, gab es schon lange zuvor Kirchenbauten, von denen nicht viel bekannt ist, zuletzt eine Kirche mit nur einem Turm. Wer den Blick von der Kirche aus über die Kirchstraße Richtung Wattenheimer und Bürstädter Straße schweifen lässt, berührt das historisch bedeutsame Areal. Beim Kirchenbau wurden Gräber und Grabbeigaben gefunden, ansonsten hat die Zeit die Spuren getilgt. Der Rundgang führte weiter über den schmalen Briebelweg zur Annastraße, wo die Heilig-Kreuz-Kapelle für diesen Abend hell erleuchtet und geöffnet war. Ein paar Schritte weiter machte Mössinger auf ein barockes Pestkreuz aufmerksam, das durch Bewuchs an der Mauer des alten Friedhofs erst entdeckt werden will. Auch in Biblis hatte die Pest die Menschen dahingerafft, die auf dem Pestfriedhof beerdigt wurden. Wie von den anderen früheren Friedhöfen des Dorfes, ist auch vom Pestfriedhof nichts mehr erkennbar. Im hellen Licht einer Taschenlampe, die Gisela Gibtner auf das große Sandsteinkreuz mit der Jesusfigur auf dem alten Friedhof gerichtet hatte, erstrahlte diese kurz. Seit 1839 stehe es an dieser Stelle, wusste Mössinger zu berichten. Weiter führte der Weg zum Bahnhof und zur Bahnhofstraße. Eine Ziegelei hat es als Eigenbetrieb der Gemeinde einst gegeben, eine Dampfmühle seit 1880, die 1920 auf Dieselbetrieb umgestellt und 1955 aufgegeben wurde. Einiges zu berichten hatte Mössinger zum Ärztehaus, das 1870 vom praktischen Arzt Dr. Otto Sellheim erbaut wurde. Am alten Rathaus mit dem Blick zum Turm endete der Rundgang. Diese reiche Ortsgeschichte will Günter Mössinger auch für die Schulen und die Bevölkerung aufbereiten und zugänglich machen. Hannelore Nowacki
Das Pestkreuz in der Mauer des alten Friedhofs stand einst auf dem Pestfriedhof, hatte jedoch mit der Pest nichts zu tun, wie Günter Mössinger beim ortsgeschichtlichen Rundgang den Zuhörern erklärte. Foto: Hannelore Nowacki