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  • Do., 12. Mai 2016, 09:21 Uhr
    Interessanter Vortrag von Dr. Gerhard Kruip über Migration mit anschließender Diskussions- und Fragerunde mit den Bürgern

    „Flucht, Ursachen und unsere Verantwortung“



    Zahlreiche interessierte Bürger waren zum Vortrag über Flüchtlingsströme im Pfarrzentrum St. Michael in Bürstadt erschienen, um sich näher über die Thematik zu informieren. Foto: Sigrid Samson

    BÜRSTADT – Man solle sich vor zu schnellen Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen hüten, betonte Dr. Gerhard Kruip, Professor an der Mainzer Universität, der am Dienstag im Pfarrzentrum St. Michael in Bürstadt einen Vortrag über weltweite Flüchtlingsströme, Ursachen und Verantwortlichkeiten hielt. Ziel war es, die Bevölkerung für den verantwortlichen Umgang mit dem Thema Flüchtlinge durch umfassende Information zu sensibilisieren.

    Kruip, Professor für christliche Anthropologie und Sozialethik an der Universität Mainz, war vom Katholischen Bildungswerk im Rahmen der Erwachsenenbildung eingeladen worden – unter der Federführung von Manfred Hartmann, dem das Thema für die Bevölkerung nicht transparent genug erschien und um dadurch weit verbreiteten Vorurteilen entgegenzuwirken.

    Zunächst wurde Entstehung und Hintergründe der Flüchtlingsproblematik erläutert. Zu welchem Ausmaß und zu welcher Art von Solidarität uns die Not dieser Menschen verpflichtet, war eine der Fragen, auf die der Referent einging. Haben die reichen Industrienationen die Probleme teilweise mit verursacht, die die Menschen zur Flucht veranlassen, beispielsweise in der Vergangenheit durch koloniale Ausbeutung oder gar durch ungerechte Wirtschaftsstrukturen in der Gegenwart? Dementsprechend müssten sie nach dem Verursacher-Prinzip nun auch für die Folgen aufkommen. Doch auch, wenn wir nicht in jedem Fall für die Fluchtursachen verantwortlich sind, gibt es eine Pflicht zur Hilfeleistung.

    „Globale Gerechtigkeit“ lautete das Stichwort von Kruip, der seine Präsentation zunächst mit Zahlen und Fakten startete. Über 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Im Jahr 1993 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erreichte der Flüchtlingsstrom bereits einen Höhepunkt mit 438000 Asylanträgen in Deutschland. Danach war zunächst ein Rückgang zu verzeichnen, bevor die Anzahl wieder weiter anstieg und im Jahr 2015 für einen Spitzenwert von 476000 sorgte. Die Zahl der 246000 Asylbewerber allein in den letzten 3 Monaten ist beachtlich. Obwohl ein deutlicher Rückgang im letzten Monat zu verzeichnen war, ist die Anzahl der Asylanträge weiter gestiegen, da es lange Wartezeiten bis zur möglichen Antragstellung gibt. Die Fluchtursachen sind vielfältig und reichen von Staatsversagen über Bürgerkriege bis hin zu Umweltkatastrophen. Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Diskriminierungen spielen ebenfalls eine große Rolle. Die Menschen suchen Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit, Arbeitsmöglichkeiten und Aufstiegschancen für ihre Kinder und möchten in den Genuss kommen, von den vorhandenen Netzwerken profitieren.

    Die meisten Flüchtlinge stammen aus Syrien (etwa die Hälfte), gefolgt von Ländern wie Irak und Afghanistan. Die Skepsis der Aufnahme ist in Polen am größten. „Die größte Mehrheit in Deutschland plädiert erfreulicherweise für ein positives Integrationsklima“ führte Kruip fort. Migranten sind nicht alle gleichzusetzen mit Flüchtlingen – nicht alle sind politisch verfolgt und bedroht. Auch fliehen nicht alle auf einen anderen Kontinent – Binnenflüchtlinge wie beispielsweise in Afrika beweisen dies durch ihre Ausreise von Somalia nach Kenia oder von Nigeria nach Kamerum. In Syrien war dies zunächst auch der Fall. Viele von ihnen müssen ihre Familien im Herkunftsland mit versorgen, da  nicht alle nachreisen können – der Kostenfaktor für eine Ausreise stellt ein großes Hindernis dar. „Die wachsenden globalen Ungleichheiten nehmen leider weiter zu“ ergänzte Kruip. Man solle sich unbedingt vor zu schnellen Vorurteilen gegenüber diesen Menschen hüten. Obwohl die UN-Menschenrechtserklärung von 1948 beinhaltet, dass alle Menschen frei sind und gleich an Würde und Rechten, bestehe allerdings kein grundsätzliches Recht auf Einwanderung. Im Katechismus der katholischen Kirche geht man hingegen einen Schritt weiter, indem man die Aufnahme von Ausländern vorsieht, die Sicherheit und neue Lebensmöglichkeiten suchen.

    Ein ganz anderer Ansatz wurde noch beleuchtet: das moralische Ideal der Einheit der Menschenfamilie mit gleichen Rechten für alle. Wenn beispielsweise der eigene Staat den Syrern nicht mehr leisten kann, dass sie ihre Rechte wahrnehmen können, seien wir in der Verpflichtung, diese Menschen aufzunehmen. Anwendungsorientierte realistische Überlegungen und Handlungsmöglichkeiten wurden dargestellt – darunter der Einsatz für gerechtere internationale Beziehungen oder Entwicklungshilfe, um sich diesem moralischen Ideal anzunähern. „Wir dürfen diese armen Länder nicht alleine lassen“ merkte Kruip an. Dringende Maßnahmen seien eine menschenwürdige Behandlung der Zuwanderer bei ihrer Ankunft, für effektiven Schutz vor Anschlägen zu sorgen, die Asylverfahren zu beschleunigen. Wichtig sei auch die solidarische Verteilung in die einzelnen Bundesländer und zwischen den EU-Mitgliedsstaaten, aber auch die Gewährleistung einer menschenwürdigen Rückführung – um nur einige Maßnahmen zu nennen. Neben der Ermöglichung von Schul- und Berufsausbildung seien besonders psychotherapeutische Behandlungen für traumatisierte Flüchtlinge erforderlich. Für Zuwanderer aus 'sicheren' Herkunftsländern brauche man ein Einwanderungsgesetz mit Chancen zur Zuwanderung. Kruip hob besonders hervor, wie wichtig es sei, eine nachhaltige Willkommenskultur für die Zuwanderer zu schaffen und gleichzeitig Nationalismus und Extremismus zu bekämpfen. „Vielfalt ist ein Wert, keine Bedrohung“ regte die Anwesenden zum Nachdenken an. Jeder einzelne könne seinen Beitrag leisten, sei es durch höfliches Begegnen, sachliches Informieren, ehrenamtliches Engagement oder gar Sach- und Geldspenden. Es wird nicht leicht, es wird auch Konflikte geben, und es braucht Zeit und Geld – aber: es wird sich lohnen. Mit dem Zitat von Papst Franziskus schloss Kruip seinen Vortrag und lud die Gäste zu einer anschließenden Frage- und Diskussionsrunde ein, was sehr gerne angenommen wurde. Sigrid Samson
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