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  • Fr., 14. Januar 2022, 09:41 Uhr
    GESCHICHTE: 13-jähriger Willi Zaje Opfer der NS-„Euthanasie“ / 15 Opfer der NS-„Euthanasie“ aus Lampertheim

    „Für die Volksgemeinschaft nicht mehr entwicklungsfähig“             

    Der Gedenkstein und die Namenstafel für die Opfer der „NS-Euthansie 1940/41 und 1944/45 aus der Johannes.Diakonie Mosbach bei der Johenneskirche – namentlich wird hier auch Willi Zaje aus Lampertheim genannt. Foto: oh


    LAMPERTHEIM – Jedes Jahr wird bundesweit  an festen Gedenktagen der Opfer der NS-Gewaltherrschaft gedacht. Seit 1996 wird am 27. Januar der „Holocaust-Gedenktag“ begangen, dem Tag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee in Jahre 1945. 

    Bisher weniger in Erinnerung gerufen wurden die Tausenden Opfer der sogenannten NS-„Euthanasie“, der systematischen Tötung behinderter und geisteskranker Menschen in Anstalten, Krankenhäuser und Kinderheimen. Mit dem Morden an den Kranken und Behinderten begann der nationalsozialistische Holocaust. Hier wurden bereits die Tötungstechniken und -mittel zum späteren Massenmord an den KZ-Häftlingen erprobt. 

    In einer „ersten Tötungsphase“ bis August 1941 wurden rund 70.000 Menschen in den sechs zentralen Behinderten- und Tötungsanstalten daraufhin ermordet. Eine der Anstalten war im hessischen Hadamar, in der nachweislich auch elf Lampertheimer ermordet wurden. Nach einem zunächst von Hitler im August 1941 angeordneten „Tötungsstop“, bedingt durch Protest einzelner katholischer Amtsträger, folgte zwischen 1942 und 1945 eine zweite geheime Mordphase, „wilde  Euthanasie“ genannt. Statt mit Gas wurde jetzt mit Überdosis von Schmerz-, Schlaf-, oder Beruhigungsmitteln, Luftinjektionen und gezieltes Verhungern lassen weiter systematisch gemordet. Schätzungen zufolge starben in der Zeit zwischen 1939 und 1945 circa 200.000 bis 300.000 Menschen durch gezielte Tötungen in den Anstalten und Krankenhäusern. Die Angehörigen der Opfer bekamen oft einen falschen Todeszeitpunkt oder falsche Todesursache mitgeteilt, so dass die Ermordung vertuscht, eine „natürliche Todesursache“ vorgetäuscht werden konnte. Urnen wurden mit der Asche aus den Verbrennungsöfen mit den vermeintlichen sterblichen Überresten des Toten bestückt und an die Angehörigen zur Bestattung verschickt. Deshalb wurden die vorgetäuschten „krankeitsbedingten Todesursachen“ auch kaum hinterfragt.

    Auch Opfer aus Lampertheim

    Karl Klemm und Volker Ochs konnten in ihrem Buch „Der Erinnerung Namen geben. Verfolgung in Lampertheim während der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945“ nachweislich 15 Opfer der NS-„Euthanasie“ aus Lampertheim in den Gedenkstätten der Vernichtungsanstalten und dem Bundesarchiv eruieren. Die Dokumente konnten allerdings nur einige Grunddaten über die Opfer liefern. Weitere Recherchen erwiesen sich als schwierig, da Verwandte oder Überlebende nicht mehr lebten, Meldedaten über die Verstorbenen oft nicht mehr vorhanden oder gar manipuliert waren, oder von einem „unnatürlichem Tod“ nicht ausgegangen wurde, wie Volker Ochs bekannt gab.

    Kürzlich konnten nun ausführlichere Dokumente zu einem Lampertheimer Opfer der NS-„Euthanasie“ gefunden werden. Der Name „Willi Zaje *1931 in Lampertheim“ fand Ochs auf der Gedenktafel der Johannes-Diakonie in Mosbach, die von der Behinderteneinrichtung der Diakonie und der Evangelischen Kirchengemeinde zum Gedenken an die Opfer der NS-„Euthanasie“ in ihrer Einrichtung errichtet wurde.

    Auf den Gedenkstein handelte es sich um den am 31.10.1931 in Lampertheim geborenen Willi Zaje, der dort im Sommer 1943 als „fraglich entwicklungsfähiges“ Kind eingeliefert wurde und im März 1944 aus der Anstaltsschule der Erziehungs-, und Pflegeanstalt für Geistesschwache Schwarzer Hof „ausgeschult“ und dann im Rahmen der „Aktion T4“ in die „Heil-, und Pflegeanstalt Uchtspringe“ (bei Stendal / Sachsen-Anhalt) im Juli 1944 verbracht wurde, wo er am 8.12.1944 mit großer Sicherheit mit einer Injektion durch die verantwortliche Anstaltsärztin Dr. Weese ermordet wurde.

    Erinnerung an Willi Zaje

    Willi Zaje stammte aus einer verarmten Lampertheimer Arbeiterfamilie. Der Vater war Wilhelm Zaje, gebürtiger Mannheimer, die Mutter Katharina Zaje, geborene Renner, gebürtige Lampertheimerin. Beide stammten aus sehr ärmlichen Familienverhältnissen. Sie zogen als „Untermieter“ mehrmals in Lampertheim um. Vermutlich hatten Sie auch zeitweise keinen festen Wohnsitz. Beide heiraten am 15.10.1931 auf dem Lampertheimer Standesamt. Am 31.10.1931 wurde dann Willi in der Sandstraße in Lampertheim geboren. 1935 zog die Familie mit Willi und zwei weiteren Kindern nach Mannheim um, vermutlich weil der Vater Arbeit gefunden hatte. Ab 1942 arbeitete er als Former bei einem Landmaschinenhersteller auf dem Lindenhof. Willi wurde als 11-jähriger Ende 1942 nach amtsärztlicher und sehr einseitiger „NS-Untersuchung“ – vermutlich auch ohne Zustimmung der Eltern- und ohne Stellungnahme des Ortsschulamts Mannheim mit „Diagnose fragliche Entwicklungsfähigkeit“  in die Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache in Mosbach/Schwarzacher Hof eingewiesen. Dieser Weg konnte nun durch die Patientenakte aus dem Landesarchiv Sachsen-Anhalt genauer nachvollzogen werden. Im Sommer 1943 wurde Willi in der Anstaltsschule Schwarzacher Hof „u.a. wegen Faulheit und fehlender Entwicklungsmöglichkeit“ von seiner Lehrerin „ausgeschult“. Im Zuge der Räumung des Schwarzacher Hof für die Errichtung eines Betriebskrankenhauses für Daimler-Benz, wurde Willi dann mit weiteren Patienten im Juli 1944 in die Behinderten- und Pflegeanstalt Uchtspringe (bei Stendal / Sachen-Anhalt) transportiert, wo er durch eine tödliche Injektion durch die Anstaltsärztin im Gebäude 20 mit ca. 20 weiteren Kindern ermordet wurde. Auffallend in dem Dokument zur Todesursache in der Patientenakte, ausgestellt durch die Anstaltsärztin Dr. Weese, war, dass im Vergleich mit dem Dokument der standesamtlichen Beurkundungen des Standesamts Uchtspringe, ganz unterschiedliche Todesursachen vermerkt wurden. Anscheinend war man sich sehr sicher, dass die Ermordung nicht auffiel. Jedenfalls wurde nicht wie üblich, die Todesmeldung auch dem Standesamt Lampertheim, dem Geburtsort von Willi, weitergeleitet. Der Mutter Katharina Zaje wurde am 8.12.1944 per Telegramm mitgeteilt, dass ihr Sohn Willi um 15.30 Uhr in der Anstalt verstorben sei. Sie befand sich zu diesem Zeitpunkt „ausgebombt“ außerhalb Mannheims, in Krensheim bei Tauberbischofsheim. Der Vater war als Frontsoldat an der Ostfront eingesetzt. Als offizielle Todesursache wurde „Lungenentzündung bei erworbenem Hirnleiden mit Schwachsinn schweren Leidens“ in die Anstaltsakte eingetragen. Im standesamtlichen Dokument der Gemeinde Uchtspringe heißt es hingegen zur Todesursache: „Herzschwäche“. Die Beerdigung von Willi wurde auf den 12.12.1944 um 10 Uhr in Uchtspringe festgelegt, ohne Beteiligung der Mutter. Nachfragen von Ochs bei einer heute noch in Mannheim lebenden Angehörige, der Schwägerin von Willi Zaje, ergaben, dass in der Familie über diese besondere Todesumstände von Willi nichts bekannt sei. Vermutlich hat das alltägliche massenhafte Sterben in der Endphase des Krieges dazu geführt, dass Todesmeldungeb zum täglichen Leben gehörten und nicht weiter hinterfragt wurden.

    Mit der Patientenakte von Willi Zaje aus dem Landesarchiv Sachen-Anhalt und den weiteren Dokumente und Informationen aus dem Stadtarchiv Lampertheim und Mannheim, konnten nun die Wege von Willi bis zu seiner Ermordung  rekonstruiert werden. Die Rechercheergebnisse konnte auch dem Stadtarchiv Lampertheim und der Mosbacher Gedenkstätte zur weiteren Verfügung überlassen werden. zg

     

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