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  • Fr., 19. August 2022, 07:58 Uhr
    HISTORISCHES LAMPERTHEIM: In der Römerstraße bis zum Heimatmuseum bauliche Schätze am Wegesrand und anderes 

    Genau hingeschaut mit Stadtarchivar Hubert Simon

    Das alte Rathaus von seiner weniger beachteten Seite. Foto: Hannelore Nowacki


    LAMPERTHEIM – Das Alte Rathaus prägt das Stadtbild, es gehört zu dem schönen Ensemble historischer Gebäude rund um den Europaplatz und weist auf seiner Rückseite, wenn man vom Platz vor der St.-Andreas-Kirche kommt, eine Besonderheit auf. Wer hat sich dieses halbrunde Sandsteinrelief, wohl Jesus und zwei Apostel darstellend, hoch oben am Dach einmal genauer angeschaut? Auf dem Rückweg von der CDU-Sommertour, die Stadtarchivar Hubert Simon fachkundig begleitet hatte, lenkte er die Aufmerksamkeit der Autorin genau dorthin. Dem Rathaus blieben Feuer und Zerstörung 1622 im 30-jährigen Krieg und 1670 nicht erspart, der jetzige Bau ist von 1739. Bei dessen Errichtung wurde wohl das Relief, auch Tympanon genannt, angebracht, noch von der Vorgängerkirche der jetzigen St.-Andreas-Kirche stammend. Die Spargelstadt kann mit dem unterirdisch gedeihenden weißen Gold aufwarten, hätte aber auch im Stadtbild das Potenzial, als sehenswerte Perle im Ried zu gelten – mit erbauten Schätzen, die sich in der Römerstraße zu beiden Seiten und rund um den Europaplatz als Keimzelle des alten Lampertheims bis zum Heimatmuseum und benachbarten bereits schön renovierten Fachwerkhäusern zeigen. Das „Historische Lampertheim“, unter diesem Motto hatte die CDU zu ihrer Sommertour mit dem Koalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen eingeladen (der TIP berichtete in der Ausgabe vom 10. August), hat aber gelitten: Viel zu oft haben frühere Fachwerkhäuser einen Verputz bekommen, der sie zur Allerweltsarchitektur machte, auch schmerzlich und schlimmer  erscheinen beim Anblick die eigentlich großartigen Anwesen im privaten Besitz, die seit Jahren dem Verfall preisgegeben sind. Genau hingeschaut hatte die Gruppe mit Stadtarchivar Hubert Simon, der aus der langen Lampertheimer Geschichte erzählte. Römische Heerstraßen kreuzten sich hier im Jahr 100 n. Chr., von Worms nach Ladenburg führte ein Weg. Die Franken kamen etwa im 7. und 8. Jahrhundert, denen Lampertheim seinen fränkischen Namen und 832 die erste urkundliche Erwähnung verdankt. Ältestes Bauwerk in Lampertheim ist der Turm der St.-Andreas-Kirche in seinem untersten und mittleren Teil, der noch von der Vorgängerkirche stammt und 1715 renoviert wurde. Vollendet wurde die Kirche vor 251 Jahren. Jung in der heutigen Gestalt ist der Europaplatz seit 2008, der Brunnen wurde schon 1979 vom damaligen Wirtschafts- und Verkehrsverein gespendet. In alter Zeit war hier der Allmendplatz im gemeinschaftlichen Eigentum. In das historische Ensemble fügen sich die neuen Verwaltungsgebäude ein, das Stadthaus wurde 1971 eingeweiht, das Haus am Römer 1988. Im Gasthaus „Zum Schwanen“ durfte der Gemeindeschmied zur Verbesserung seines Unterhalts einst eine Straußenwirtschaft betreiben, die um 1800 zur Schildwirtschaft aufstieg. Selbst angebauten Wein durfte er zur Kerwe ausschenken. Später wurde das Gebäude Eigentum der katholischen Pfarrei. Ab seinem achten Lebensjahr verbrachte hier Alfred Delp seine Kindheit und Jugend in der Nähe der Kirche. Das stattliche Gebäude nebenan war als „Alte Apotheke“ von Apotheker Feldhofen bekannt, es beherbergte früher das Gasthaus „Zum weißen Lamm“, das Schiller zur Übernachtung aufsuchte, ein Schild erinnert daran. Eine eigene evangelische Kirche, die Domkirche, wurde erst 1863 bis 1868 erbaut, bis dahin folgten die Lampertheimer zwangsläufig den wechselnden Bistümern, Herrschern mit ihrer jeweiligen Glaubensrichtung und Anordnungen. Der erste lutherische Pfarrer wird 1544 erwähnt. Nach der Zerstörung der Domkirche 1944, nur der große Turm blieb unversehrt, war die Gemeinde bei St.-Andreas zu Gast und zog 1947 in die Notkirche um, bis 1956 die Domkirche wiederaufgebaut war. Nach dem Simultan-Erlass von 1698 wurde die St.-Andreas-Kirche gemeinsam genutzt. Bis 1786 war rund um die Kirche als letzte Ruhestätte der Kirchhof, mit der Folge, dass bei Bauvorhaben Knochen gefunden wurden. Auffällig die erhöhte Position der Barockkirche auf einem Hügel, der  höchste Punkt mit 94 Meter über NN in Lampertheim überhaupt. Für Stadtarchivar Simon ein Hinweis auf die Kirche als Zufluchtsort, auch vor Überflutungen.

    Ein religiöses Motiv aus Sandstein am alten Rathaus. Foto: Hannelore Nowacki


    Ein Bauwerk mit grünem, blätterndem Putz, an der Ecke Römerstraße und Kaiserstraße zieht die Blicke an, jedoch ist der Anblick dieses früheren Rentamtes keine Freude in diesem Zustand des Verfalls. Erbaut wurde es als kurfürstliches Residenzschloss und wurde später Sitz des Amtes Stein. Nachdem Lampertheim 1803 zu Hessen kam, wohnte hier bis 1808 der hessische Prinz Georg mit seiner nicht standesgemäßen Frau. 2003 ging das Gebäude aus dem Eigentum der Bundesrepublik Deutschland in Privatbesitz über. Der damalige städtische Haushalt hätte einen Kauf nicht gerechtfertigt, ist verschiedentlich von heutigen Mandatsträgern mit Bedauern zu hören. In der Zehntscheune an der Römerstraße befindet sich seit 1977 das Jugendzentrum, bis 1833 wurden hier Naturalabgaben gelagert. 1956 war hier für kurze Zeit die Stadtbücherei untergebracht. Das Gasthaus „Zur Krone“, von Anfang an als Schildwirtschaft geführt, darf als ältestes Gasthaus gelten, denn in einem alten Gerichtsbuch ist 1686 eine handgreifliche Auseinandersetzung überliefert. Auf dem Weg zum Heimatmuseum liegen auf der linken Straßenseite die beiden renovierten früheren konfessionellen Schulen, die später zur Pestalozzischule wurden und heute als „Alte Schule“ die Seniorenbegegnungsstätte und Kursräume beherbergen. Fazit der Autorin: Lampertheim hat sich immer verändert, der Wandel gehört zur Entwicklung der Gesellschaft. Lampertheim ist sehenswert, könnte sich jedoch zusätzlich im Sinne touristischer Attraktivität weiter herausputzen und mit seinen historischen Pfunden wuchern. Ein Stadtbild mit vielen schönen Fachwerkhäusern, wie es Stefan Griesinger vorschwebt, könnte jedoch am Mangel finanzieller Mittel scheitern. Auch müssten Privateigentümer mitziehen. Hannelore Nowacki

     

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