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Mi., 18. April 2018, 13:07 Uhr
Bauern und Naturschützer im Schulterschluss für Erhalt der Ackerflächen in Bürstadt
Gewerbeflächen ausweiten oder fruchtbare Böden erhalten?
Zur Pressekonferenz gegen die Erweiterung des Gewerbegebietes „Am Brückelsgraben Nord“ in Bürstadt beschrieben sie die Folgen eines weiteren Flächenverbrauchs und standen als Gesprächspartner zur Verfügung (von links): Stellvertretender Ortslandwirt Thorsten Reski, Erster Vorsitzender des NABU Bürstadt Dr. Michael Held, die BUND-Kreisvorstandssprecher Dr. Herwig Winter und Hans-Jörg Langen sowie RBV-Vorsitzender Dr. Willi Billau. Foto: Hannelore Nowacki
RIEDRODE – Auf den Äckern rund um Bürstadt wie im gesamten südhessischen Ried wächst alles, was die Verbraucher gerne einkaufen – Kartoffeln und Zwiebeln, Kohl und Kräuter, Spargel und Erdbeeren, Gurken, Bohnen und vieles mehr. Frisch auf kurzen Wegen kommen diese landwirtschaftlichen Produkte auf den Tisch und man kann selbst sehen, wo dies alles wächst und reift. Essen, was regional angebaut wird, kommt gut an. Das freut auch die Landwirte Thorsten Reski und Willi Billau, aber diese regionale Versorgung ist in Gefahr, wie bei der Pressekonferenz am Dienstag mit den beiden BUND-Kreisvorstandssprechern Herweg Winter und Hans-Jörg Langen, Dr. Michael Held, Erster Vorsitzender des NABU Bürstadt sowie den beiden Landwirten Thorsten Reski, stellvertretender Ortslandwirt in Riedrode, und Dr. Willi Billau, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg (RBV), eindringlich beschrieben wurde. Fast 20 Hektar Ackerböden seien bereits dem bestehenden Bebauungsplan auf nördlichem Gebiet zum Opfer gefallen, weitere rund 20 Hektar wolle die Stadt als Gewerbegebiet ausweisen. „Das Maß ist voll, so kann es nicht weitergehen“, meinte Langen. Landwirte und Naturschützer haben sich zusammengetan, mit dem gemeinsamen Ziel, die Ausweitung des nördlichen Gewerbegebietes „Am Brückelsgraben Nord“ zu verhindern, um den wertvollen, weil besonders fruchtbaren Ackerboden zwischen der Kernstadt und Bobstadt zu erhalten und damit auch das angrenzende Biotop mit seiner wichtigen Vielfalt an Pflanzen und Tieren gegen die drohende westliche Isolierung zu schützen. Rehe und Hasen finden dort Schutz, Nachtigallen, Amphibien und viele weitere Tiere sind beheimatet, erläuterte Held. In der offenen Feldlandschaft sieht er auch den Rückgang der einst häufigen „Allerweltsarten“ wie Rebhühner, Feldlerchen oder Kiebitze mit Sorge, denn Biodiversität, die Vielfalt des Lebens, sei durch den Flächenverbrauch heute und für zukünftige Generationen in Gefahr. Auch BUND-Sprecher Winter sieht das so und kündigte an: „Wir werden in Zukunft immer gemeinsam Gesicht zeigen, wenn es darum geht den Landverbrauch zu stoppen, wenn beste Ackerböden mit Beton und Asphalt überzogen werden“. Zwar gebe es einen Regionalplan für Südhessen, der eigentlich diese Flächen ausdrücklich vor Bebauung schützt, auch die geplante Erweiterungsfläche für das Bürstädter Gewerbegebiet liege in Vorranggebieten Regionaler Grünzug und Landwirtschaft. Daher sei es für BUND, NABU und den Regionalbauernverband völlig unbegreiflich, „dass immer wieder wie selbstverständlich Flächen in Ansprach genommen werden – was da schon wieder geplant wird, ist verantwortungslos“. Der NABU Bürstadt befürchtet außerdem, dass mit den Gewerbegebieten im Norden Bürstadts noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sei und weitere Bauvorhaben avisiert werden. Dabei hat der NABU-Vorsitzende Held schon die geplante Ortsrandstraße im Nordosten der Stadt zwischen Riedrode und Bobstadt im Blick, die im Verkehrsrahmenplan Bürstadt 2030 als Vorzugsvariante gelte. Weiter landwirtschaftliche Nutzflächen würden verloren gehen, die unversiegelte Fläche zerschnitten. Bei der Pressekonferenz schlugen sie die Pflöcke ein: „BUND, NABU und RBV fordern von den politischen Entscheidungsträgern in Bürstadt, dass sie dem ungebremsten Flächenverbrauch in ihrer Gemeinde ein rasches Ende setzen. Vor dem Baubeginn der Logistikhallen mit Blick von Bürstadt nach Bobstadt. Archivfoto: Hannelore Nowacki
Nur wer Böden konsequent schützt statt versiegelt, schafft gerade auch für die Menschen in der Region eine dauerhafte Existenzgrundlage und entzieht wirkungsvollem Artenschutz nicht die Grundlage“. Anbau unter Folien und in Gewächshäusern sei zur Ertragssteigerung eine Folge des Flächenverbrauchs, gaben die Landwirte Billau und Reski zu bedenken, intensiver wirtschaften bedeute mehr Aufwand. Demgegenüber stehen riesige Logistikhallen wie jetzt im Gewerbegebiet „Am Brückelsgraben Nord“ oder in Biblis. An andere Stelle wie in Lorsch stehen schon wieder große Hallen leer, berichtete Billau. Auch ein Abriss bringe den fruchtbaren Ackerboden nicht zurück. „Wenig Arbeitsplätze, viel Fläche“ fasste Reski seine Kritik an den riesigen Logistikhallen zusammen. Langen erklärte, wie der Kampf weitergehen soll: Auf politischem Weg, mit Bürgerinitiativen, fachlichen Argumenten und auf dem Rechtsweg wie in Rosengarten. Dort sei ein Aufschub erreicht worden, erläuterte Billau, einen Richterspruch werde man akzeptieren. Der Regionalbauernverband weist darauf hin, dass von 1992 bis 2012 die Landwirtschaftsfläche in Deutschland um rund 860.000 Hektar abgenommen habe, während die gesamte landwirtschaftliche Fläche in Hessen rund 884.500 Hektar umfasse. Hannelore Nowacki