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Fr., 19. Januar 2018, 10:31 Uhr
„Mini-Jobs“- erste Info-Veranstaltung des Ausländerbeirats gut besucht
Gewerkschafter fordern „gute Löhne für gutes Leben“
Ayse Abaza-Wilhelm vom DGB-Ortsverband Bürstadt und Lampertheim (Mitte) begrüßte die Besucher der Informationsveranstaltung „Mini-Jobs und andere geringfügige Beschäftigungsverhältnisse“. Auf dem Podium: DGB-Regionssekretär Horst Raupp (von links), Fatma Aya (Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt Bürstadt), Ingrid Reidt von der Katholischen Betriebsseelsorge im Bistum Mainz und Horst Gobrecht, VERDI Darmstadt. Foto: Hannelore Nowacki
BÜRSTADT – Der Ausländerbeirat der Stadt Bürstadt hatte am Donnerstagabend gemeinsam mit dem DGB-Ortsverband Bürstadt und Lampertheim sowie mit der Katholischen Betriebsseelsorge im Bistum Mainz zu einer fast zweistündigen Informationsveranstaltung zum Thema „Mini-Jobs und andere geringfügige Beschäftigungsverhältnisse“ in das Interkulturelle Büro in der alten Schillerschule eingeladen. Auf dem Podium hatten die gewerkschaftlichen Referenten Horst Gobrecht von VERDI Darmstadt, der DGB-Regionssekretär Südhessen Horst Raupp und die Ingrid Reidt von der Katholischen Betriebsseelsorge im Bistum Mainz Platz genommen. Die Initiative zur dieser ersten Informationsveranstaltung des Ausländerbeirates kam von Ayse Abaza-Wilhelm, die selbst Mitglied im DGB-Ortsverband ist, an ihrer Seite auf dem Podium Fatma Aya, 1. Vorsitzende des Ausländerbeirats, die weitere Veranstaltungen zu verschiedenen Themen in diesem Jahr ankündigte und sich über das zahlreiche Erscheinen der Besucher an diesem Abend freute. Überwiegend gewerkschaftlich organisierte und aktive Besucher waren gekommen, die Abaza-Wilhelm als Kollegen begrüßte, aber auch Flüchtlinge und deren Begleitungen waren unter den etwa dreißig Besuchern. Der Eintritt war frei. Im Anschluss nach der öffentlichen Fragerunde waren die Besucher eingeladen, im gemütlichen Rahmen bei kleiner Bewirtung mit den Referenten persönlich zu sprechen. In der Vorstellungsrunde gab Referentin Reidt ihren Blickwinkel auf das Thema an: „Arbeitsbedingungen sind immer Lebensbedingungen“. VERDI-Vertreter Gobrecht sprach die geplante Schließung von Kaufland in Rosengarten an, die rund 80 Beschäftigte vor „die Existenzfrage“ stelle. Ihm liege daran, „dass die Menschen das wissen“. In der nächsten Woche werden Sozialplanverhandlungen beginnen. DGB-Sekretär Raupp stellte sich als „Neu-Darmstädter“ mit Odenwälder Migrationshintergrund vor. Soziale Gerechtigkeit und „gute Arbeit“ mit Bezahlung „für ein gutes Leben“ stellte er als Forderung in den Mittelpunkt. Gobrecht vermittelte mit Zahlen aus einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung einen Eindruck von der Verbreitung und der Arbeitsbedingungen von Mini-Jobs. Über 7 Millionen Mini-Jobber gebe es in Deutschland, die im Einzelhandel häufig in sogenannter „bedarfsgerechter Einsatzplanung“ zeitlich flexibel in „schlechten Stunden“ früh morgens und spät abends eingesetzt werden, dabei aber „geringerwertig“ eingestuft und nicht tarifgerecht bezahlt werden. Noch vor vierzig Jahren seien 80 Prozent Vollzeitbeschäftigte gewesen, heute nur noch 40 bis 45 Prozent. Die „Würde des Menschen“ betonte Reidt, die besonders die benachteiligten Mini-Job-Beschäftigten aufrief, mit Mut ihre Rechte im Betrieb gemeinsam einzufordern. Die Betriebsseelsorge schaue besonders auf prekäre Branchen wie Einzelhandel und Haushalt. Vor allem Frauen treffe die Altersarmut durch Mini-Jobs, die keine ausreichende Altersversorgung ermöglichen. DGB-Regionssekretär Raupp illustrierte die Lohn- und Rentensituation bei Mini-Jobs anhand umfangreicher Daten, auch für den Kreis Bergstraße. „Die Gewerkschaften stehen für robuste Arbeitnehmerrechte und dass sie respektiert werden“, stellte er seinen Ausführungen voran. Das „Jobwunder“ resultiere aus einer Zunahme atypischer Beschäftigung, die er als „Ausbeutungsarbeitsverhältnisse“ kritisierte. 2017 sei das Volumen der Arbeitsstunden in Deutschland gegenüber den 1990er Jahren um zwei Milliarden Stunden niedriger gewesen und es gebe 4,7 Millionen weniger Vollzeitstellen. Während sich im Kreis Bergstraße die Zahl der abhängig Beschäftigten im Zeitraum 2008 bis 2016 von 80.128 auf 88.364 Beschäftigte erhöht habe, sei die Zahl der atypisch Beschäftigten von 31.405 auf 39.329 Beschäftigte gestiegen. Sein Fazit: „Nahezu der gesamte Beschäftigungszuwachs in dieser Zeit ging auf das Konto atypischer Beschäftigung“. Mehr als 70 Prozent der atypisch Beschäftigten seien Frauen. Die gewerkschaftliche Forderung sei: Das sozialversicherungs- und tarifvertraglich geschützte Normalarbeitsverhältnis müsse wieder der Normalfall sein. Mini-Jobs sehe er als berufliche Sackgasse, doch fast jede fünfte Frau sei im Mini-Job beschäftigt. Die Referenten nannten unter vielen weiteren Nachteilen im Mini-Job, dass vielfach die arbeitsrechtlichen Regeln nicht eingehalten würden und den Arbeitnehmern ihre Rechte nicht klar seien. Hannelore Nowacki