
BÜRSTADT – Großes Gedränge im „MITtendrin“ am Montagnachmittag, Vertreter von Zeitungen, Radio und Fernsehen, Fotografen und Kameraleute suchten den perfekten Platz: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) war angekündigt. Die Besucherin aus der Hauptstadt, die mit ihren Spargesetzen in den Schlagzeilen ist, war auf Einladung der hessischen Gesundheitsministerin Diana Stolz (CDU) und von Landrat Christian Engelhardt (CDU) gekommen, um sich über die staatlich geförderte Gemeindepflege in Hessen zu informieren, die sich im Ried als Projekt PauLa seit 2019 entwickelt hat. Nach den einführenden Reden brachen alle auf zum Besuch zuhause im Wohnzimmer beim Ehepaar Fettel ein paar Ecken weiter. Brigitte Fettel erzählte, wie sie von den PauLas vor drei Jahren die entscheidende beratende Unterstützung erhalten hatte, um das Leben mit ihrem an Demenz erkrankten Mann Hans weiterhin stemmen zu können. Ein Pflegedienst komme morgens und abends. Eine große Hilfe ist ihr Nachbarschaftshelfer Alaa Alshamy. Bei den Spazierfahrten im Rollstuhl mit ihm lebe ihr Mann auf. Der freundliche Helfer selbst ist glücklich, wenn ihm Hans Fettel ein Lächeln schenkt. Für die PauLas, die Psychosozialen Fachkräfte auf dem Land, war es im städtischen Begegnungszentrum „MITtendrin“ in der Nibelungenstraße 44 ein Heimspiel, denn hier ist ihr Büro. Hier und auch bei Hausbesuchen können ältere Menschen ab 65 Jahren, die noch keine Pflegegradeinstufung haben, bei Christina Adler-Schäfer und Michaela Weber Antworten auf Fragen bekommen, die mit dem Alter wichtig werden.
Um präventive Angebote geht es, um Beratung mit Verweis auf mögliche Unterstützung durch staatliche und andere Stellen, um Vermittlung von Kontakten, damit das selbstbestimmte Leben in ihrer gewohnten Umgebung so lange wie möglich gut gestaltet werden kann. Auch die Einsamkeit ist häufig ein Problem im Alter, das sich negativ auf die Gesundheit auswirken kann, daher geht es bei den PauLas in der Beratung mit entsprechenden Hinweisen auch um die gesellschaftliche Teilhabe. In den anderen Riedgemeinden finden die Sprechstunden in den Rathäusern statt (Terminankündigungen auch im TiP). Mit eigenen Themen-Veranstaltungen, oft zusammen mit anderen Organisationen, wenden sich die PauLas an die Senioren zu allgemein wichtigen Fragen des Alltags. In Bürstadt gibt es zum Beispiel seit ein paar Monaten einen Gesprächskreis, zu dem sich die Senioren im „MITtendrin“ treffen. Großes Interesse fand eine Veranstaltung zu Spartipps im Haushalt. Auch die praktischen Tipps im Umgang mit dem Rollator und zur Sturzprävention kamen gut an. Netzwerken gehört für die PauLas zum täglichen Geschäft, um zu wissen, welche Angebote es gibt.
Foto: Hannelore Nowacki
Wie PauLa wirkt und langfristig Kosten spart
PauLa ist Teil der Versorgungsstruktur für ältere Menschen, ein Projekt im „Netzwerk Ortsnahe Versorgung Ried“ (NORIE), das die Bürgermeister von Lampertheim, Bürstadt, Biblis, Groß-Rohrheim, Einhausen und Lorsch im Dezember 2019 mit einer vertraglichen Vereinbarung auf den Weg brachten. Den Anstoß hatte beim Bürgerdialog „Vision Bergstraße“ 2018 die damalige Erste Kreisbeigeordnete und Gesundheitsdezernentin Diana Stolz in der Arbeitsgruppe Gesundheit gegeben. Daran erinnerte Landrat Christian Engelhardt (CDU) in seiner Begrüßungsrede. Dem Konzept Gemeindepflege mit den PauLas sei ein Erfolg und spare am Ende dem Gesundheitssystem Geld. Christina Adler-Schäfer erläuterte die beiden Säulen des Konzepts, die strukturellen Angebote und die Beratung für Menschen ohne Pflegegrad. Sie werde dadurch auf Versorgungslücken aufmerksam, die es zu schließen gelte. Impulse zur Selbsthilfe sollen gesetzt, Kontaktmöglichkeiten geschaffen werden, wie zum Beispiel beim Gesprächskreis. Auf die Frage von Ministerin Warken, wie lange die Menschen von den PauLas begleitet werden, machte PauLa Adler-Schäfer deutlich, dass es keine dauerhafte Begleitung sei, meistens ein bis drei Beratungen mit Vermittlung zu weiteren Kontakten. Gesundheitsministerin Diana Stolz berichtete, dass sie mit ihrer Kollegin Warken im Austausch über die Reformen sei, auch über die Pflegereform. Die hessische Gemeindepflege mit mittlerweile 91 Kräften sei eine Erfolgsgeschichte, betonte Ministerin Stolz, 444 Menschen seien durch PauLa im Kreis Bergstraße 2025 mit kleinen Hilfen unterstützt worden. Man könne völlig unbürokratisch Kontakt aufnehmen, einfach anrufen. „PauLas helfen Lebensqualität zurückzubringen“. Mit kleinen Hilfen, zum Beispiel jemanden zum Spazierengehen zu finden, wenn der Partner verstorben ist. Dabei gehe es auch darum, im Einzelfall die Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern und für die Menschen da zu sein. Von diesem Gemeindepflege-Programm profitierten bereits die meisten Kreise in Hessen. Das hessische Konzept könne sie sich gut für das ganze Land vorstellen. Ministerin Warken zeigte sich begeistert von dem was hier „mittendrin“ in Hessen gemacht wird und will die Idee mit nach Berlin nehmen. Stabile Beitragssätze seien wichtig, betonte Warken, die Prävention, Beratung und Begleitung seien zu stärken, Netzwerke sollten flächendeckend gespannt werden. Immerhin 86 Prozent der Pflegebedürftigen würde zuhause gepflegt, ergänzte Stolz. Dabei spielten auch die Pflegestützpunkte eine große Rolle. Die hessische Landesförderung für PauLa ist bis 2027 gesichert. Stolz kündigte an, dass ab 2028 eine neue Förderrichtlinie gelte.
Hannelore Nowacki
Foto: Hannelore Nowacki
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