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Di., 09. November 2021, 10:48 Uhr
GEDENKEN: Wie sich der Stadtpark mit Stadtfriedhof vereinen wird
In Stein gemeißeltes Gedenken an Gefallene und Opfer
Zahlreiche Kriegsgräber und von Opfern der Gewaltherrschaft sind auf dem alten Friedhof zu sehen. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Blauer Himmel, leuchtend gelbes Laub an vielen Bäumen, saftiges Grün auf den weitläufigen Wiesen des Stadtparks, hier und da gepflegte Blühinseln, Spielplätze, im Bereich des alten Friedhofs auch abgeblühte Wildblumenflächen - der Herbst im grünen Herzen der Stadt ist vielfältig und lädt besonders an sonnigen Tagen zum Spazieren ein, nachmittags kommt das Leben auf die Spielplätze. Denkt man dabei an Tod, Kriege, die Gefallenen, an die Opfer der Gewaltherrschaft durch die Nazis? Würdigt man bei jedem Aufenthalt die Gräber und Ehrengräber, das Denkmal für die Gefallenen beider Weltkriege, für die Gefallenen des 1. Weltkriegs, die Mahnmale und Gedenksteine mit Aufmerksamkeit, ruht der Blick länger auf ihnen? Bemerkt man überhaupt die mit Bedacht angelegten Blickachsen und dass das große Kreuz im Stadtpark den Mittelpunkt des früheren Friedhofs markiert? Bei einer Führung mit Stadtarchivar Hubert Simon im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus rücken diese Stellen in den Mittelpunkt des Interesses. „Unseren Toten aus den Weltkriegen“ von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945, so ist es eingemeißelt, wird mit dem martialisch wirkenden Kriegerdenkmal an der Martin-Kärcher-Straße gedacht, hier beginnt der Rundgang. Als es 1934 erstellt wurde, gestaltet von Bildhauer Oskar Veltman, herrschten die Nationalsozialisten, bis dahin hatte es nur einen Weltkrieg gegeben. Wo heute weitläufiges Grün zu sehen ist, war einst ein Friedhof, der älteste und westliche Teil des alten Friedhofs. Stadtarchivar Simon berichtet vom stetigen Wandel: 1885 kam es zur ersten Erweiterung nach Süden zur Schützenstraße hin, dann zur zweiten Erweiterung jenseits der Friedhofsmauer. Auf dem Weg zum jüdischen Friedhof sind am Rande Ruhestätten zu entdecken, zum Beispiel des GroßherzoglichenForstmeisters Wilhelm Grünewald mit Familie, der 1908 verstarb.
Ein hohes, helles Denkmal der Gemeinde Lampertheim, eine Nachbildung aus dem Jahr 1990, erinnert an die Kriegsteilnehmer und Gefallenen des „Feldzuges 1870-1871“. Auf der rechten Seite fällt der Name Samuel Süß auf. Das Original wurde 1875 eingeweiht und an der evangelischen Kirche aufgestellt, 1909 kam es an die Südseite des alten Rathauses. Rechts abgebogen Richtung jüdischer Friedhof, steht aus rotem Sandstein ein dekoratives Grabmal in Urnenform, einst der Ottilie Schick gewidmet, die 1838 verstarb. Ihr Mann Adam war Bürgermeister. Ein zweites Exemplar istnach Beschädigung durch Vandalismus beim Bauhof in Verwahrung. Am großen Kreuz liegen Gräber von evangelischen Pfarrern aus dem 19. Jahrhundert, an der Friedhofsmauer ragt ein hell leuchtendes Grabmal empor. „Hier ruhen in Gott“ die katholischen Pfarrer Johannes Unger, Johannes Schneider und der 2016 verstorbene Pfarrer Ernst Peter Hammerich. Mehrere Ehrengräber säumen die Wege wie von Familie Herz an der Friedhofsmauer. Eindrucksvoll steht das große Grabmal von Familie Mottmann am Wegrand, Adam Mottmann war Gemeindebaumeister. Nach dem Besuch desjüdischen Friedhofs geht es Richtung Friedhofskapelle.
Mit Blick auf die große Glocke, die alte Christusglocke aus der Domkirche, reihen sich viele kleine Grabsteine aneinander:Kriegsgräber. Lange Gräberreihen auch von kleinen Kindern im Alter bis zu zwei Jahren, die Zwangsarbeiterinnen während des 2. Weltkriegs in Lampertheim zur Welt gebracht hatten und die man sterben ließ, wie Stadtarchivar Simon in Erfahrung gebracht hat. Weitere Grabsteine weisen auf Zwangsarbeiter und Lagerinsassen hin. An Pater Alfred Delp, der dem Kreisauer Kreis der Widerstandskämpfer gegen das Naziregime angehörte und deswegen ermordet wurde, erinnert auf dem Grabstein des gepflegten Familiengrabes die Inschrift, begraben ist er jedoch nirgends, seine Asche wurde von den Nazis verstreut. Seit 1995 ist er Ehrenbürger. Auf dem Weg zum Hochzeitstor kommt man an das Mahnmal für die gefallenen und an den Verwundungen verstorbenen Soldaten des 1. Weltkriegs, im Halbkreis liegen die kleinen Grabsteine. Eine Bank lädt in der Nähe zum Verweilen ein. Was wohl kaum bekannt ist: Auf dem Stadtfriedhof sind auch Schwestern der göttlichen Vorsehung begraben. Im stetigen Wandel sind die Friedhöfe teilweise vollständig verschwunden, wie der Friedhof an der St.-Andreas-Kirche und am heutigen Sedanplatz, neu hinzugekommen ist der Waldfriedhof. Im Jahr 2044 wird der Stadtfriedhof entwidmet und Teil des Stadtparks werden, wobei das Gedenken durch Einbeziehen von Ehren- und Kriegsgräbern sowie weiteren Grabstätten erhalten werden soll. Hannelore Nowacki