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  • Do., 01. Oktober 2015, 09:33 Uhr
    Bürger befürchten Grundwasseranstieg - Experten konnten nicht überzeugen

    Informationsabend zur Infiltration im Lorscher Wald gut besucht

    Das Thema verlangte vom Publikum im Bürgerhaus Riedrode volle Aufmerksamkeit. Foto: Hannelore Nowacki


    RIEDRODE – Die Bürger in Riedrode haben jetzt schon „kalte Füße“, die Aussicht demnächst auch wieder nasse Füße zu bekommen, macht vielen Einwohnern Sorge. Im Bürstädter Stadtteil Riedrode ist die Erinnerung an hohe Grundwasserstände noch frisch. Bilder aus diesen Jahren wie 2002 zeigen Keller voller Wasser und Felder, die wie eine Seenplatte wirken. Nach Plan soll die Infiltration von aufbereitetem Rheinwasser im Lorscher Wald Ende 2016 beginnen, um die Grundwasserentnahmen für die Trinkwasserversorgung des Ballungsraums Frankfurt/Rhein-Main auszugleichen und hiesigen Trockenschäden vorzubeugen. Die technischen Anlagen im Lorscher Wald am Wasserwerk Jägersburg befinden sich seit Februar im Bau. Die 5100 Meter lange Fernleitung wird vom Wasserwerk Jägersburg Richtung Süden geführt. Besorgte Riedroder Bürger gehen davon aus, dass nach starken Niederschlägen und längeren Nässeperioden bald wieder das Grundwasser nach oben drücken wird. Eigentum an Gebäuden und landwirtschaftlichen Flächen, die ganzen Familien den Lebensunterhalt sichern, ist gefährdet. Die Lebensqualität würde ins Wasser fallen – und dann die Frage: Wer zahlt dafür? Zum gut besuchten Informationsabend am Mittwoch im Bürgerhaus mit dem Thema „Infiltration Lorscher Wald“ hatten Burkhard Molitor und Ortslandwirt Erich Standfuß von der Grundwasser-Initiative Riedrode eingeladen, um interessierten Bürgern den aktuellen Stand, die weitere Realisierung, Steuerung und Betrieb der Infiltrationsanlagen  öffentlich vorzustellen. Von der Hessenwasser GmbH mit Sitz in Groß-Gerau standen Dr. Hermann Mikat und Dr. Hubert Schreiber als Experten zur Verfügung. Das Unternehmen ist für die Anlagen und den späteren Betrieb zuständig. Man kennt sich bereits, denn schon vor fünf und drei Jahren hatte Dr. Mikat das Projekt vorgestellt. Vom Regierungspräsidium Darmstadt, der entscheidenden Aufsichtsbehörde, nahm Dr. Martina Bodem vom Dezernat Grundwasser Stellung. Durch den Abend führte Burkhard Molitor, der die komplexe Diskussion wiederholt zusammenfasste und auf den Punkt brachte. Die Stadt Bürstadt war auf dem Podium durch Magistratsmitglied Herbert Röchner, Ortsvorsteherin Kirstin Garb und Rebecca Gebhardt (Umwelt) vertreten. Bürgermeisterin Barbara Schader verließ die Veranstaltung bald wegen anderer Verpflichtungen, ebenso MdL Alexander Bauer. Vertreten war die Arbeitsgemeinschaft Grundwasser Hessisches Ried (AGHR) und das Forstamt. Auf dem Podium hatten weitere Im Publikum war beachtliche Sachkunde vorhanden, es wurde deutlich, das Grundwasser ist für viele Einwohner in Riedrode von existenzieller Bedeutung. Die Diskussion mit den Experten wurde in sachlicher Atmosphäre geführt, doch nach zweieinhalb Stunden stand fest: Die Argumente von Hessenwasser und Regierungspräsidium haben diejenigen, die sich zu Wort meldeten, nicht überzeugen können. Ein Landwirt machte seinem Ärger Luft und kündigte an: „Wir werden dagegen angehen, ganz gnadenlos“. An wen solle die Rechnung gestellt werden, fragte er, wenn Felder und Keller unter Wasser stehen? Das Gesagte beurteilte er als „Wischi-Waschi-Aussagen“. Allein in diesem Jahr habe er schon dreimal nasse Äcker gehabt. Wie vom Veranstalter gewünscht, brachten mehrere Bürger Vorschläge und „Optimierungsimpulse“ ein. Offensichtlich führten diese zu keinem erkennbaren Sofort-Ergebnis. Neue wasserrechtliche Genehmigungsbescheide liegen vor, ältere Anträge zum Grundwassermanagement wurden schon in den Jahren 1979 und 1999 beschieden. Die bisherige Grundwasserentnahme beträgt 5,9 Millionen Kubikmeter im Jahr. Die geplante Mehrentnahme von 1,3 Millionen Kubikmetern soll durch die Infiltration ausgeglichen werden, mit einem zusätzlichen Puffer von 0,9 Millionen Kubikmetern Rheinwasser jährlich in Trockenperioden. Das Problem: Nasse und trockene Perioden schwanken. Mikat geht von der natürlichen Grundwasser-Neubildung nur im Winter aus. Vortrag und Diskussion ergaben, dass die Entscheidungen längst getroffen wurden, die wasserrechtlichen Genehmigungen liegen vor – und die Hessenwasser GmbH führt ihren Auftrag aus. Trotz aller Differenzen in der Beurteilung der Infiltrationsfolgen und Messverfahren waren die Veranstalter dankbar, dass Hessenwasser sich der Diskussion stellte. Allerdings stellt das Thema Grundwasser, Infiltration und Schutz vor Vernässung einschließlich der unterschiedlichen und zum Teil gegensätzlichen Nutzungsinteressen von Wasserversorgern und Bürgern im Ried (einschließlich Bürstadt und Bobstadt) an die Bürger offenkundig erhöhte Anforderungen an Sachkenntnis und Durchhaltevermögen.

    Für die Hessenwasser GmbH nahmen Dr. Hermann Mikat und Dr. Hubert Schreiber zur Infiltration Stellung. Foto: Hannelore Nowacki


    Mehrere wasserrechtliche Akteure

    Ein komplexes Zusammenwirken mehrerer Akteure erschwert den Überblick. Wer ist wofür zuständig, wer entscheidet? Für das Wasserwerk Jägersburg und die südliche Brunnengalerie ist der Wasserbeschaffungsverband WBV Riedgruppe-Ost zuständig. Ein Vertreter war nicht beim Informationsabend dabei. Die Grundwasser-Messstellen stehen unter der Verwaltung eben dieses Verbandes. Die Aufgabe des WHR, der Wasserverband Hessisches Ried, ist der Ausgleich des Grundwasserstandes durch Infiltration. Dieser Vorgang ist nicht zu verwechseln mit der „Aufspiegelung“, das heißt einer dauerhaften Gesamterhöhung des Grundwasserspiegels. Der Hessenwasser GmbH wiederum ist seit 2005 die Geschäftsführung der WHR übertragen worden, wodurch die Komplexität der Anlagen weiter zugenommen habe, wie die Hessenwasser GmbH auf ihrer Homepage selbst schreibt.

    Wünsche in Riedrode

    Der Wunsch in Riedrode: Die Messergebnisse sollten täglich im Internet veröffentlicht werden. Hessenwasser arbeitet mit diesen Messergebnissen und will erst bei Erreichen von 88,5 Metern über Normalnull abschalten. Dieser Abschaltwert mit einer Schwankungsbreite von 50 Zentimetern ist für Riedrode der Knackpunkt, denn die Kellersohlen beginnen bei 88,21 Metern, die Bewirtschaftung der Felder verlangt 80 Zentimeter unter Geländehöhe, wie die Veranstalter vortrugen. Sogar im Genehmigungsbescheid sei der Hinweis „Verschärfung der Vernässungsproblematik“ enthalten. Der Wunsch: Möglichkeit zur Grundwasser-Absenkung bei Vernässung und Abschalten bei Erreichen des Wertes an der Messstelle „WBV-JB-53“ 700 Meter hinter dem Bahnhof Riedrode. Denn hier liege der Grundwasserstand etwa 25 Zentimeter höher als bei der Messstelle „052“. Bei Niederschlägen soll so die Reaktionszeit verkürzt werden.

    Wälder zu trocken – Felder und Siedlungsflächen im Wasser 

    Gibt es Konflikte bezüglich Grundwasserhöhe mit der Waldnutzung, haben Forstamt auf der einen Seite und Bürger in Riedrode gegensätzliche Interessen bei Forderungen zur Grundwasserhöhe? Bekanntlich leidet der südhessische Wald seit vielen Jahren an Austrocknung. Als gegen Ende der Diskussion das Thema „Runder Tisch“ aufkam, erklärte Werner Kluge, beim Forstamt Lampertheim Leiter der Projektgruppe Grundwasser, dass der „Runde Tisch“ und die aktuelle Diskussion um die Infiltration zwei verschiedene Ebenen seien. Dort sei es um die waldökologische Wiederaufspiegelung des Grundwassers gegangen, aufgrund einer Machbarkeitsstudie sei ein Konzept entworfen worden. Tatsächlich müssen sich die Bäume anstrengen, mit ihren Wurzeln das Grundwasser zu erreichen, erläuterte Kluge, doch „man muss schlaue Lösungen finden, um dieses Problem – die Vernässung von Acker und Siedlungsflächen zu vermeiden“.

    Weitere Informationen unter www.tip-verlag.de Hannelore Nowacki

    Information 

    Wer ist die Hessenwasser GmbH? Das Versorgungssystem besteht derzeit aus 28 Trinkwassergewinnungsanlagen, 30 eigenen Trinkwassernetzbehältern mit Druckerhöhungsanlagen, rund 350 km Transportleitungen sowie drei Flusswasseraufbereitungsanlagen. Über 20 kundeneigene Trinkwassernetzbehälter und ein landwirtschaftliches Beregnungsnetz mit einer Länge von gut 300 km werden betrieben.  Neben den eigenen Anlagen werden fünf Wasserverbände über eine Betriebsführung bzw. Geschäftsführung betreut. „Historisch bedingt war und ist die technische Infrastruktur für die Wassergewinnung und –beschaffung in der Rhein-Main-Region, die in der Hessenwasser zusammengeführt wurde, sehr komplex“, ist auf der Hessenwasser-Homepage zu lesen. Die drei Gründungsgesellschafter Mainova, Südhessische Gas- und Wasser und die Riedwerke hatten in 2001 zunächst 34 Gewinnungsanlagen in das Verbundnetz der Hessenwasser eingebracht. Durch die Beteiligung der ESWE im Jahre 2004 und die Übernahme der Geschäftsführung des Wasserverbands Hessisches Ried im Jahre 2005 nahm die Komplexität der Anlagen weiter zu (nach Angaben auf www.hessenwasser.de). Was macht der Wasserverband Hessisches Ried (WHR)? Gegründet 1979 als Körperschaft des öffentlichen Rechts, wurde die Geschäftsführung auf Beschluss der Verbandsversammlung 2005 von  Hessenwasser übernommen. Mitglieder sind der Wasser-, Boden- und Landschaftspflegeverband Hessen, die Hessenwasser GmbH & Co KG, der Wasserbeschaffungsverband Riedgruppe Ost (Einhausen), der Landkreis Darmstadt-Dieburg, der Landkreis Groß-Gerau, der Landkreis Bergstraße und die Stadt Darmstadt.

     

     

     

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