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Do., 28. Oktober 2021, 15:16 Uhr
GEDENKEN: Großes Interesse am Vortrag zum KZ Osthofen
Jüdische Mitbürger besonders schlecht behandelt
Referent Fabian Meyer, Mitarbeiter im pädagogischen Dienst der Gedenkstätte KZ Osthofen, machte in seinem etwa einstündigen Vortrag deutlich, dass die Judenverfolgung schon in der Frühzeit nach der Machtübernahme der Nazis begonnen wurde und kein Geheimnis gewesen sei. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Das Interesse am Thema war groß, wenngleich nicht die Jugend im Sitzungssaal des Alten Rathauses Platz nahm, um zu hören, was der Referent und Mitarbeiter der Gedenkstätte KZ Osthofen Fabian Meyer zu berichten hatte. Bei freiem Eintritt hatte Silke Reis vom Fachbereich 40 Bildung, Kultur und Ehrenamt mit etwa 25 Besuchern gerechnet und die Bestuhlung entsprechend geplant, womit sie exakt richtig lag. „Die Geschichte des KZ‘s in Osthofen und Lampertheimer Häftlinge“ war der Titel der Vortragsveranstaltung am Dienstagabend. Silke Reis begrüßte die Besucher zu dieser ersten Veranstaltung in der Reihe Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus, eine Kooperation der Stadt Lampertheim mit der Amadeu Antonio Stiftung und dem Anne Frank Zentrum. Zunächst zeichnete Meyer den Weg der Nationalsozialisten auf dem Weg zur Machtübernahme, Abschaffung der freien Meinungsäußerung und erster Verfolgung der politischen Opposition nach, alles in kurzer Zeit von Januar bis März 1933. In Osthofen wurde in einer ehemaligenPapierfabrik mitten im Ort ein KZ eingerichtet, von der Propaganda in der Berichterstattung als „Erziehungs- und Besserungsanstalt“ verharmlost. Von März 1933 bis Juli 1934 bestand das KZ mit Wirkung bis nach Lampertheim. 60 Prozent der Inhaftierten waren Kommunisten, 30 Prozent Sozialdemokraten und 8 Prozent jüdische Mitbürger, wobei der jüdische Bevölkerungsanteil in Deutschland unter 1 Prozent gelegen habe, wie Meyer betonte. Etwa 80 KZs dieser Art habe es in Deutschland gegeben. Als Instrumente zur Einschüchterung der politischen Gegner bewertet Meyer diese KZs sowie zur Verfolgung jüdischer Mitbürger, die auch im KZ Osthofen über das übliche Maß der Schikanen hinaus gedemütigt, verhöhnt und gequält worden seien. Sie mussten beispielsweise die Latrinen mit Dosen leeren und durften sich anschließend nicht waschen. Die Haftdauer der jüdischen Männer sei häufig länger gewesen als die anderer Häftlinge, zwischen 3 Wochen bis zu einem Jahr im KZ Osthofen einsaßen. Offiziell habe es keine Ermordungen gegeben, berichtete Meyer, jedoch später Deportationen. Bei der Geschichtsbetrachtung gehe es mit Blick auf die normalen Bürger um die Frage „wie war das möglich“, nicht mit Blick auf die Nazi-Elite. Die Hetze gegen Juden war damals in der Öffentlichkeit allgegenwärtig, wie Meyer anhand eines Fotos zeigte. An einem Zeitungsschaukasten in Worms am Schlossplatz unter der Aufschrift „Mit dem Stürmer gegen Juda“ und „Die Juden sind unser Unglück“ hatten sich mehrere Leser versammelt. Auch seidie Bevölkerung aufgerufen gewesen, sich am Eigentum der jüdischen Mitbürger zu bereichern. Bekannte Namen waren unter den Häftlingen wie Carlo Mierendorff und der frühere Wormser Polizeipräsident Heinrich Maschmeyer. Der damalige hessische Polizeichefund Jurist Werner Best, Hauptinitiator des KZ in Osthofen, wurde später in der SS-Hierarchie nach Himmler und Heydrich dritthöchster Mann und wichtiger Ideengeber zur „Endlösung der Judenfrage“. Schon zwei Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten habe er seinen Parteigenossen auf dem Boxheimerhof Umsturzpläne präsentiert. Bis zu seinem Tod 1989 hatte er von der deutschen Justiz wenig zu befürchten, alle Verfahren seien eingestellt worden. Anderen Nazigrößen habe Best bei der Entnazifizierung geholfen. Die Gebäude wurden bis 1976 von Firmen genutzt, standen dann leer, bis 1986 der Förderverein gegründet und in den Gebäuden als Gedenkstätte ansässig wurde. Im Sommer 1961 hatten sich ehemalige Häftlinge in Weinheim getroffen und riefen ihren Lagerkreis ins Leben. Auf Initiative von Karl Schreiber gebe es seit November 1978 eine Gedenktafel. Früher hätten ehemalige Häftlinge die Führungen übernommen.Die Gedenkstätte KZ Osthofen ist geöffnet an den Wochenenden und Feiertagen von 13 bis 17 Uhr sowie dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr. Weitere Infos unter www.projektosthofen-gedenkstaette.de. Hannelore Nowacki
Information
In Lampertheim bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Erstmals werden 1615 Juden in der Stadt erwähnt. Neben einer Synagoge gab es ein rituelles Bad und eine Religionsschule. Mit der Teilnahme an der Bildungs- und Aktionswoche „Verwehte Spuren – jüdisches Leben in Lampertheim“ zum Thema Antisemitismus sollen durch unterschiedliche Angebote und Projekte Jugendliche und Erwachsene für das Thema sensibilisiert werden (Quelle: Stadt Lampertheim).