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  • Mi., 10. November 2021, 10:36 Uhr
    ERINNERUNG: Würdiges Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht und Signal gegen Antisemitismus 

    „Jüdisches Leben muss selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sein”

    Legten in Erinnerung – vor allem an die jüdischen — Opfer der NS.Diktatur einen Kranz an der ehemaligen Synagoge in Lampertheim nieder: DGB-Ortsverbandsmitglied Norbert Fuchs, Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb und Bürgermeister Gottfried Störmer (v.l.). Foto: Benjamin Kloos


    LAMPERTHEIM – Beeindruckend und mit klaren Worten und Spielszenen wurde am Dienstag die Gedenkstunde an die Zerstörung der Synagoge und der Gräueltaten an den jüdischen Mitbürgern am 9. und 10. November 1938 in Lampertheim begangen. Erfreulich zahlreich hatten sich Bürgerinnen und Bürger am ehemaligen Standort des jüdischen Gotteshauses im Herzen Lampertheims versammelt, um würdig der Opfer zu gedenken und gleichzeitig ein sichtbares Zeichen gegen Intoleranz, Rassismus und wieder aufkeimenden Antisemitismus zu setzen.

    Bürgermeister Gottfried Störmer erinnerte in einer bewegenden Rede an das Unrecht, das von 1933 bis 1945 besonders den jüdischen Mitbürgern Lampertheims widerfahren ist. „Wer aufrichtig sein will, muss sich seiner ganzen Geschichte stellen. Der Geschichte, die im Guten wie im Bösen die Identität eines Volkes ausmacht. Ich will es hier ganz deutlich sagen: Sich dem bösen Teil der Geschichte nicht zu stellen, ist die erhabenste Art intellektueller Feigheit. Erinnerung und Gedächtnis – das heißt im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zuerst: Gedenken an die Opfer. Es bedeutet, die Entwürdigten wieder ins Recht zu setzen. Es bedeutet aber auch Erinnerung an die Taten und die Täter.” Denn „auch hier in Lampertheim sind Menschen diesen grauenhafte Taten zum Opfer gefallen, auch hier in Lampertheim wurden Menschen zum Täter und Gehilfen.”

    Leider sei der Antisemitismus kein Thema der Vergangenheit, sondern heute noch äußerst real. „Wir erleben Antisemitismus, Rassismus und Auswüchse von Menschenhass leider auch heute. Das Internet und soziale Netzwerke haben die Verbreitung und Radikalisierung von Antisemitismus milieuübergreifend befördert. Die Normalisierung von Antisemitismus in alltäglichen Diskursbereichen des digitalen Raums stellt eine Herausforderung für die politischen, Judikativen und zivilgesellschaftlichen Institutionen dar, Betroffene zu schützen und der Radikalisierung Einhalt zu gebieten. Es darf nicht dabei bleiben, dass wir uns einmal im Jahr demonstrativ mit Antisemitismus und dem Erinnern an die Oper des Holocausts beschäftigen. Wir müssen dafür eintreten, dass jüdisches Leben ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens, unserer Gesellschaft ist”, fand Bürgermeister Störmer deutliche Worte. Wichtig sei, sich mit den Fehlern aus der Vergangenheit zu beschäftigen und die Lehren daraus an „unsere Kinder zu vermitteln. Unser konkreter Auftrag lautet: Nie mehr zulassen, dass Mensch-sein abhängig gemacht wird von Rasse oder Herkunft, von Überzeugung oder Glauben, von Gesundheit oder Leistungsfähigkeit. Nie mehr zulassen, dass unterschieden wird zwischen ‚lebenswertem‘ und ‚lebensunwertem‘ Leben.”

    Bewegende und bewegte Erinnerung

    Wie wichtig die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse von 1938 ist, daran erinnerten Nils Göbel in einer Stellungnahme des Q3 GK Geschichte sowie Schüler des Q3-Kurses Darstellendes Spiel des Lessing-Gymnasiums in beeindruckenden szenischen Darstellungen, die in die Zeit der Nazidiktatur zurückversetzten, dabei aber gleichzeitig gekonnt den Bogen in die heutige Zeit spannten. Beklemmend waren der Vortrag als auch das Spiel, beeindruckend und voller Leidenschaft machten die Beteiligten klar, wie leicht man sich einredet, wie man sich selbst verhalten würde und was man besser machen, dass man sich wehren würde. Doch gegen wen will man sich in einer solchen Situation wehren, gegen eine Diktatur, ein Unrechtsregime? Ebenso unter die Haut gehend waren sowohl Wort als auch Spiel in Erinnerung an die schrecklichen und unmenschlichen Geschehnisse während der Nazi-Diktatur, die das Leid und die Not der Menschen in erschreckend realistischer Form lebendig machten – und dies vor dem Hintergrund, dass es 2020 täglich sechs judenfeindliche Straftaten in Deutschland gab, einen Höchststand an antisemitischen Straftaten seit 20 Jahren, wie Nils Göbel klarstellte. 

    Ebenso bewegend wandte sich auch der Schulsprecher des Lessing-Gymnasiums, Nick Bauer, an die Anwesenden. Er stellte wie bereits vorher die Schülerinnen und Schüler in ihre szenischen Darbietung klar, dass „wir nicht schuld an dem sind, was geschehen ist, aber an dem was passiert.” Gleichzeitig rief er dazu auf, für eine bessere Zukunft zu lernen und einzustehen, Geschehnisse wie zur Zeit der Nazidiktatur dürften sich nie mehr wiederholen. Zudem erinnerte Nick Bauer daran, dass auch nach dem Ende der Nazizeit auch in Lampertheim Verbrecher des NS-Regimes willkommen geheißen und sogar von Seiten der Stadt ausgezeichnet wurden.

    Bürgermeister Gottfried Störmer, Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb und DGB-Ortsverbandsmitglied Norbert Fuchs gedachten anschließend in einer Schweigeminute der Opfer und legten einen Kranz an der ehemaligen Synagoge nieder, bevor zum Ende der Veranstaltung Schülerinnen und Schüler des LGL weiße Rosen vor der Gedenktafel niederlegten. Musikalisch umrahmt wurde  die Gedenkstunde mit jüdischen Liedern durch Hendrike Stöckinger und Yasmin Magahed sowie Elias Berger und Dane Ehret. Benjamin Kloos

     

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