MEDIZINISCHE VERSORGUNG: Am 17. März letzter Tag des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes ÄBD in Lampertheim / KV lehnt Angebot des St.-Marien-Krankenhauses ab
Kassenärztliche Vereinigung sieht keinen Bedarf
Klinikleiter Tom Hauck (rechts), Medizincontroller Yannik Sorge und Yvonne Sobczak, stellvertretende Leiterin der Medizinischen Aufnahme des St.-Marien-Krankenhauses, erläuterten gegenüber dem TiP die Befürchtung, dass Patienten trotz Schließung des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes an der Tür klingeln und damit eine personelle und finanzielle Überlastung die Folge wäre. Zurzeit ist Maskenpflicht angeordnet. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Jetzt steht es fest: Die ÄBD-Zentrale am St.-Marien-Krankenhaus als Ersatz für die hausärztliche Versorgung an den Wochenenden, mittwochsnachmittags und an Brückentagen hat am Sonntag, 17. März zum letzten Mal für Patienten geöffnet – und schließt dann für immer. Noch vor Wochen war vom 1. April die Rede (der TiP berichtete am 17. Februar). Dieser Verlust hat nicht nur TiP-Leser betroffen gemacht, auch die Verantwortlichen im St.-Marien-Krankenhaus sind alarmiert. Im Gespräch mit dem TiP erklärten Klinikleiter Tom Hauck und Yvonne Sobczak, die stellvertretende Leiterin der medizinischen Aufnahme des Krankenhauses, und Medizincontroller Yannik Sorge, dass sie durch die Schließung Folgen für das St.-Marien-Krankenhaus befürchten. Wenn es nicht so läuft wie von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Wiesbaden gedacht und die Menschen anstatt nach Heppenheim zu fahren wie bisher an der Tür stehen und klingeln. Da das St.-Marien-Krankenhaus nach gesetzlichen Vorgaben keine Notaufnahme habe, gebe es auch kein zusätzliches Personal für die Patientenversorgung, die eigentlich zum ÄBD wollen und müssten. Klar ist – wer lebensbedrohlich krank ist, wählt die 112 für den Rettungsdienst. Bei sonstigen Beschwerden kann man auch die bundesweit geltende Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117 wählen.
KV wehrt Rettungsversuch ab – Appell an die Bürger
Klinikleiter Hauck berichtet: Um die hausärztliche Notfallversorgung des ÄBD doch noch zu retten, habe sich die Krankenhausleitung direkt an die KV mit dem Vorschlag gewandt, die Organisation und das Personal für den Erhalt des ÄBD zu stellen, mit Vergütung durch die KV Am 15. Februar um 11.36 Uhr sei die E-Mail abgeschickt worden und schon vier Stunden später um 15.34 Uhr sei die Ablehnung eingetroffen. Diese Schnelligkeit hat nicht nur Medizincontroller Sorge erstaunt. Die KV sehe keinen Bedarf lautete die Mitteilung. Bürgermeister Gottfried Störmer und Dr. Florian Wagner, Vorsitzender des Lampertheimer Ärztenetzwerks GALA, hätten ihr Bedauern ausgedrückt.
Tatsächlich kein Bedarf? Das sehen die Mitarbeiter der medizinischen Aufnahme des St.-Marien-Krankenhauses ganz anders, erzählt Yvonne Sobczak, die selbst miterlebt hat, was an Brücken- und Feiertagen beim ÄBD los war. Zwanzig bis fünfzig Patienten seien schätzungsweise gekommen, an Brückentagen innerhalb von zwölf Stunden weit mehr als fünfzig Patienten. Sogar bis zur Straße hätten die Menschen beim letzten Brückentag im Oktober Schlange gestanden, erinnert sie sich.
Da Ärztlicher Bereitschaftsdienst und medizinische Aufnahme des Krankenhauses einen gemeinsamen Eingangsbereich haben, könne man das gut mitbekommen. Zudem liegen die jeweiligen Behandlungszimmer in räumlicher Nachbarschaft und den Aufenthaltsraum teile man sich. Ob die Patienten nach dem 17. März zum ÄBD nach Heppenheim fahren? Oder aus alter Gewohnheit hier vor der Tür stehen? Man weiß es nicht. Klinikleiter Hauck richtet an alle Bürger einen dringlichen Appell: In Zukunft bitte eine ÄBD-Zentrale in der Region aufsuchen, wenn der Hausarzt gerade frei hat.
Das St.-Marien-Krankenhaus bietet die Versorgung der Inneren Medizin und Geriatrie. Foto: Hannelore Nowacki
Was auf das St.-Marien-Krankenhaus zukommen könnte
Einen Menschen mit Beschwerden einfach wegschicken, das dürfen Krankenhaus und Arzt laut Gesetz nicht, das macht Klinikleiter Hauck deutlich. Ein ärztlicher Blick auf den Patienten sei notwendig, um zu entscheiden, ob eine stationäre Aufnahme erforderlich ist oder an eine ÄBD-Zentrale verwiesen werden könne. Medizincontroller Sorge fasst das Problem in Zahlen: Fürs „Anschauen“ des Patienten beträgt die Notfallpauschale genau 14,32 Euro, für die aufgewendete Zeit nicht viel. Der große Haken dabei: Das St.-Marien-Krankenhaus ist nach Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses keine anerkannte Einrichtung der Notfallversorgung, weil ohne Chirurgie-Abteilung und das CT nur tagsüber verfügbar ist. Aus diesem Grund gibt es für die Leistung am Notfall-Patienten außer der kleinen Notfallpauschale kein Geld, vielmehr muss das Krankenhaus ordentlich blechen.
Um die anderen Krankenhäuser mit anerkannter Notfallversorgung zu finanzieren, habe das St.-Marien-Krankenhaus im vergangenen Jahr 159.000 Euro als Abschlag gezahlt. „Wir sind doppelt bestraft“, sagt Klinikleiter Hauck, einmal durch den Abschlag und zusätzlich, weil für die Patienten, die eigentlich zum ÄBD wollen, keine angemessene Vergütung erfolgt. „Das macht uns Sorgen“. Was es mit dem dreistufigen System von Notfallstrukturen in Deutschland auf sich hat, erläuterte Hauck: In der Basisstufe muss ein Facharzt im Bereich Innere Medizin, Chirurgie und Anästhesie innerhalb von 30 Minuten am Patienten verfügbar sein, in der zentralen Notaufnahme mit Einschätzen der Behandlungspriorität spätestens zehn Minuten nach Eintreffen.
Eine Intensivstation mit mindestens sechs Intensivbetten und mindestens drei mit Beatmungsmöglichkeit müssen vorhanden sein, auch ein Schockraum und die 24-stündige Verfügbarkeit von Computertomografie. In der erweiterten Notfallversorgung und der umfassenden Notfallversorgung sind weitergehende Anforderungen gestellt. Üblicherweise kommen die Patienten angemeldet mit dem Rettungswagen oder vom Hausarzt angemeldet ins St.-Marien-Krankenhaus. Gibt es eine Lösung für den ÄBD? Klinikleiter Hauck sieht den Gesetzgeber gefragt. Die KV lege für die Schließung eine eigene Kalkulation zugrunde. Am Ende laufe es im St.-Marien-Krankenhaus auf eine Mehrbelastung von Ärzten und Pflegepersonal hinaus.
Hannelore Nowacki
Dieser Aushang bereitet die Patienten auf die zukünftige Lage vor. Foto: Hannelore Nowacki