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  • Mi., 02. September 2020, 13:23 Uhr
    SCHÜLERBEFÖRDERUNG: Kritik an überfüllten Schulbussen / Eltern verzweifelt und resigniert / Karsten Krug: Schulbuskapazitäten im Kreis sollen steigen

    „Kinder haben im Kreis keine Lobby”

    Nichts geht mehr: Wie dieser Schulbus in Rosengarten sind morgens zahlreiche Busse so überfüllt, dass nicht alle Kinder mitgenommen werden können. Foto: oh


    ROSENGARTEN – Es ist eine Situation, wie sie seit Beginn des neuen Schuljahres wieder an vielen Bushaltestellen zu sehen ist: An den Haltestellen drängen sich Schulkinder, ebenso wie in den Bussen selbst – so sehr, dass für manche Kinder kein Platz mehr ist. Dies ist eine Situation, die auch der Vorsitzende der Bürgerkammer Rosengarten, Oliver Schmitt, und Ute Haas-Zanlonghi so nicht mehr hinnehmen wollen.

    „Kinder haben im Kreis keine Lobby und werden in Busse gequetscht wie Sardinen in die Dose”, beklagte sich Ute Haas-Zanlonghi im Gespräch mit dem TIP. Darüber hinaus ist es „eine Katastrophe, dass nicht alle Schüler mitgenommen werden können” ist der einhellige Tenor unter den Eltern, wie Oliver Schmitt und Ute Haas-Zanlonghi immer wieder mitgeteilt bekommen. Immer mehr Eltern reagieren auf diese Situation und fahren ihre Kinder mit dem Auto zur Schule – was dort wiederum für ein erhöhtes Gefahrenpotential sorgt.

    „Die Schulen bitten darum, dass Kinder nicht mit dem Auto gebracht werden, gleichzeitig ist in den Bussen nicht genügend Platz — hier muss dringend eine Lösung gefunden werden. Denn durch die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder bringen müssen, weil diese im Bus keinen Platz hatten, stehen diese noch mehr unter Zeitdruck. Dies kann an den sowieso bereits überfüllten Straßen rund um die Schulen zu Unfällen führen, da dort auch viele Schüler mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind”, ergänzte Ute Haas-Zanlonghi. 

    Ein erster Schritt zur Verkleinerung des Problems wäre es aus Sicht von Oliver Schmitt und Ute Haas-Zanlonghi, Gelenkbusse statt der einfachen Busse einzusetzen, damit die Kinder mehr Platz haben und auch wirklich alle Kinder mitgenommen werden können. Dies wäre auch vor dem Hintergrund der Abstandsregeln eine sinnvolle Maßnahme. Verschiedene Anfangszeiten an den Schulen können für die engagierten Mitglieder der Bürgerkammer Rosengarten hingegen nur kurzfristige Lösungen sein – gerade auch im Sinn der berufstätigen Eltern, auf die durch eine solche Entzerrung zusätzlicher Stress und ein erhöhtes Organisationsaufkommen zukäme.

    „Katastrophale Bedingungen“

    „Nach den Schilderungen unserer Kinder über die katastrophalen Bedingungen in den Schulbussen, die sich in den letzten Tagen abspielten, hatte ich bereits am 25. August Handyvideos an der Haltestelle der Busline 601, Lampertheim-Rosengarten, gemacht und allen Verantwortlichen wie dem Bürgermeister, der VTL, dem Landrat, den Schulleitungen des LGL und der ADS sowie dem Fahrgastbeirat mit entsprechenden Ausführungen gesandt. Auch viele andere Eltern hatten bereits vorher den Weg über die Schulen gesucht, um ihre Sorgen mitzuteilen und dringend um Abhilfe gebeten. Wie ein Verkehrsdezernent angesichts der nachweislich überfüllten Busse, der Presse gegenüber äußern kann, es gäbe ‚keine Überlastung der Busse‘ oder es sei zu erwarten gewesen, ‚dass einige Schüler nun die vorhandenen Stehplätze nutzen mussten‘, macht uns Betroffene nicht nur sprachlos, sondern einfach nur noch wütend. Hier geht es doch nicht um Sitzplätze?”, fragt Ute Haas-Zanlonghi und verweist darauf, dass „die Eltern verzweifelt sind und mittlerweile teilweise resignieren. Es geht hier um unsere Kinder! Es kann nicht sein, das offensichtlich erst etwas passieren muss, bevor gehandelt wird.  Auch ohne Corona-Pandemie sind die Zustände in den Schulbussen untragbar. Wer sich jetzt, angesichts der Infektionsgefahr durch Covid19, immer noch nicht mit allen Mitteln dafür einsetzt, zusätzliche Busse für den Schulbusverkehr zu bekommen, der ist meines Erachtens blind und verantwortungslos. Leider müssen Kinder und Eltern das Bus-Problem nun schon seit Jahren in Kauf nehmen, denn die Verantwortlichen haben inzwischen ein sehr gut funktionierendes Ping-Pong-Spiel entwickelt, in dem die Zuständigkeiten gerne hin und her gespielt werden. Im Endeffekt werden wir immer wieder auf die angeblich abweichenden Schülerzahlen oder die nicht vorhandenen Finanzierungsmöglichkeiten verwiesen. Auch Gespräche mit  der Stadt Lampertheim und der VTL verlaufen hier immer wieder im Nichts, denn diese verweisen uns an den Kreis als Träger und Geldgeber. Offensichtlich haben die Kinder im Kreis Bergstraße keine Lobby.  So wie man hier mit der Gesundheit unserer Kinder und damit auch unser aller Gesundheit und Sicherheit umgeht, entbehrt jeder Grundlage.”

    Oliver Schmitt ergänzte hierzu: „Wir haben das Thema immer wieder in der Bürgerkammer eingebracht und auch Gespräche mit Verantwortlichen geführt, die aber leider zu nichts geführt haben. Immer wieder gab es statt Lösungen Verweise auf fehlende Zuständigkeiten. Wir können das Problem nicht lösen, dies müssen die Verantwortlichen tun.” 

    „Es ist schön, dass der Kreis Bergstraße Milliarden für den Bau neuer Schulzentren ausgeben kann, aber die Mittel für eine sichere Beförderung der Schulkinder zu diesen modernen Schulzentren stehen nicht zur Verfügung. In Rheinland-Pfalz hat die Landesregierung schon Maßnahmen in die Wege geleitet und den geplagten Kommunen 250 zusätzliche Busse zugesagt – in Hessen wird noch diskutiert”, betonten Oliver Schmitt und Ute Haas-Zanlonghi abschließend.

    Schulbuskapazitäten im Kreis sollen steigen

     

    Parallel zum Gespräch mit der Bürgerkammer Rosengarten erreichte den TIP Pressemitteilung von Verkehrsdezernent Karsten Krug. Damit das Ansteckungsrisiko in der Schülerbeförderung möglichst gering bleibt, stimmt sich dieser derzeit mit dem für die Schülerbeförderung zuständigen Verkehrsunternehmen VGG und den Reisebusfirmen im Kreis Bergstraße Erweiterungskapazitäten ab. „Ich mache möglich, was nur geht“, hebt er hervor. Seine Forderung: Das Land Hessen soll sich an der Finanzierung beteiligen. Krugs Ziel heißt: Mit zusätzlichen Kapazitäten Schulbusfahrten in den Hauptverkehrszeiten zu entlasten, deren Kapazitäten erschöpft sind. Voraussichtlich werden mindestens 30 Busse zur Verstärkung der Schülerbeförderung möglich sein, schätzt er. Er äußert sein Verständnis für die Eltern. Denn deren Akzeptanz für enge Verhältnisse in Bussen sinkt gerade bei steigenden Infektions-Zahlen während der Corona-Pandemie.

    Der Kreis-Verkehrsdezernent weist jedoch darauf hin, dass die Schüler während der Schülerbeförderung auch mit einer Verstärkung sonst gewohnte Abstandsregeln voraussichtlich nicht einhalten können. Es werden seinen Worten zufolge auch weiterhin eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen in den Bussen stehen müssen. Krug bedauert außerdem: „Es wird nicht überall eine Verstärkung möglich sein.“

    „Land soll mitfinanzieren”

    Optimal wäre seinen Worten zufolge eine versetzte Beschulung, soweit dies überhaupt vorstellbar ist und wie sie die Vertreter der Bürgerkammer Rosengarten lediglich als zeitliche begrenzte Notlösung sehen. „Wenn die Schulanfangs- und –endzeiten gerade bei älteren Schülern entzerrt werden könnten, würde dies eine weitere Erleichterung bedeuten. Denn dann verteilten sich die Kinder und Jugendlichen in der Schülerbeförderung über den Tag hinweg besser.” Das gestaltet sich Krug zufolge kostengünstiger, als für einen gegebenenfalls längeren Zeitraum zusätzliche Kapazitäten mit Reisebussen zu schaffen.

    Der Finanzchef des Kreises rechnet voraussichtlich mit einem mittleren sechsstelligen Betrag pro Monat, der auf die bisherigen Kosten obendrauf kommt. Sein Ziel dabei: Die finanzielle Mehrbelastung für den Kreis und seine Kommunen so gering wie möglich zu halten. Da der Kreistag die Hoheit über die zusätzlichen Finanzmittel hat und die bisher nicht eingeplanten Aufwendungen bewilligen muss, bereitet der Kreisbeigeordnete derzeit einen entsprechenden Beschluss vor.

    Für den Finanzdezernenten führt jedoch kein Weg daran vorbei, dass die Landesregierung in dieser besonderen Situation mit finanziellen Mitteln aushilft. „Das Land sollte in die Ko-Finanzierung einsteigen“, fordert er. Dies ist seinen Informationen zufolge bereits in Nordrhein-Westfalen, im Saarland oder in Rheinland-Pfalz erfolgt. Der hessische Landkreistag ist außerdem mit dem Thema bereits auf die Regierung zugegangen, informiert er. Finanziert das Land nicht mit, „bedeutet diese Maßnahme eine finanzielle Mehrbelastung auch für Städte und Gemeinden“, befürchtet Krug. Denn die Schülerbeförderung wird über die Schulumlage abgerechnet. Jedoch will der Finanz- und Verkehrsdezernent die Kommunen in dieser schwierigen Zeit möglichst nicht noch mehr belasten. Benjamin Kloos
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