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  • Sa., 18. Januar 2020, 14:24 Uhr
    Lebensmittel aus der Region, aber fair – bäuerliche Landwirtschaft Grundpfeiler der Demokratie

    Landwirte aus Südhessen demonstrierten mit Traktoren und Mahnfeuer

    Die ersten Demoteilnehmer stellten sich für ein Foto auf. Im Hintergrund loderte bereits das Mahnfeuer. Zur Stärkung gab es gratis Kuchen, Kaffee und Getränke. Foto: Hannelore Nowacki


    GROSS-ROHRHEIM/RIED – Mit dem Agrarpaket der Bundesregierung ist einiges zusammengekommen, was den Landwirten im Ried existenzielle Sorgen und Ärger macht. Innerhalb weniger Wochen hat sich ein Bündnis über Verbandszugehörigkeiten hinweg gebildet und ist mächtig angewachsen. Dieses deutschlandweite Aktionsbündnis „Land schafft Verbindung“ hatte in Facebook begonnen und macht sich auch im Ried stark für eine Agrarwende zur Unterstützung der bäuerlichen Familienbetriebe, die dem Verbraucherwunsch nach regional erzeugten  Lebensmitteln entsprechen, aber durch viele neue Regelungen mehr Kosten haben, die in Konkurrenz mit dem Weltmarkt nachteilig sind. 

    In ganz Deutschland fuhren Bauern am Freitagabend zu Beginn der Grünen Woche in Berlin mit ihren Traktoren zu den angekündigten Demonstrationen, um ihre Forderung nach einer Agrarwende öffentlichkeitswirksam zu vertreten. Auf einem Acker bei Groß-Rohrheim zeigten die Landwirte aus dem Ried mit einer langen Reihe von Traktoren, dass sie den Druck auf die Politik verstärken wollen. Aus nördlicher und südlicher Richtung von Allmendfeld bis  Lampertheim über die B 44 kommend, bogen sie in den Wirtschaftsweg ein. Eine erste Zählung ergab die stattliche Anzahl von 65 Traktoren, etwa hundert Bauern hatten sich angemeldet. Mit Fahrlicht und orangefarbenem Warnlicht waren sie weithin sichtbar, bald hatte auch das entzündete Mahnfeuer eine beachtliche Größe erreicht. In großen Gruppen standen die Demoteilnehmer zusammen und diskutierten. Viele Landwirte waren mit ihren Familien und Kindern  gekommen. Teilnehmer waren auch mit dem Fahrrad unterwegs. Auftischen kann man nur, was vorher geerntet wurde, das machte ein Plakat an einem Traktor deutlich: „Kein ErnteDank ohne Landwirtschaft“. Auf einem anderen Plakat, das sich an die Verbraucher wandte, war zu lesen:  „Ich bin das Lebensmittel aus der Region“. Mit dem Mahnfeuer im Rücken wandte sich Willi Billau aus Lampertheim, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg an die große Runde der zuhörenden Demoteilnehmer. Die Bauern werden „Druck ausüben bis der Sprit ausgeht“ kündigte er an und auch bei der Landwirtschaftswoche Südhessen in Gernsheim vom 28. bis 31. Januar werde auf die  Bundeslandwirtschaftsministerin Druck gemacht. „Der Staat muss uns schützen“, forderte Billau, die bäuerliche Landwirtschaft sei ein Grundpfeiler der Demokratie, denn wenn kein Essen, keine Demokratie. Die aktuelle Agrarpolitik bezeichnete er als ungerecht, denn mit den steigenden Anforderungen mit Kostenanstieg hielten die Erzeugerpreise nicht mit. Die Forderung: „Es muss mehr Gerechtigkeit in die Politik“. Hier Verbote von Wirkstoffen, bei importierten Nahrungsmitteln jedoch höhere Grenzwerte und verbotene Wirkstoffe ermöglichen, das sei ungerecht. Das Verbot von Wirkstoffen in landwirtschaftlich genutzten Schutzgebieten, von denen es im Ried und im Odenwald viele gebe, „ist eine Enteignung“, stellte Billau fest, eine „Ungehörigkeit“ sei das, „dann können wir aufhören“. Auch das Thema Flächenverbrauch treibt die Landwirte um. „Eine Katastrophe“, urteilte Billau. Sechs Hektar täglich werden in Hessen verbaut, in Südhessen 2,5 Hektar täglich. Im Bereich des Regierungspräsidiums Darmstadt würden in 10 Jahren 9.500 Hektar verbaut – für Wohnen 5.400 Hektar, für Gewerbe 3.000 Hektar und 1.000 Hektar für Logistik.

    Das geht auch die Verbraucher an, die zunehmend Lebensmittel aus der Region wünschen. An der B 44 versammelten sich Landwirte aus der Region südhessisches Ried mit ihren Traktoren, um sich gegen Existenz bedrohende Regelungen zu wehren. Foto: Hannelore Nowacki


    Mit dem Ergebnis, dass es in 125 Jahren im hiesigen Gebiet Starkenburg keine landwirtschaftlichen Flächen  mehr gebe. Dafür werde anderswo Regenwald gerodet. „Es geht um unsere nächste Generation, die kämpft für ihre Existenz“, sagte Billau. Die Zuhörer spendeten starken Applaus für seine Rede. Hannelore Nowacki

    Information

    Bauern von der Politik enttäuscht – Maßnahmen nicht durchdacht

    Im Gespräch mit dem TIP machte Willi Billau deutlich, dass die Bauern bereit seien mit der Politik zu reden, aber nicht alles kritiklos hinzunehmen. Der Bauernverband als größte Gruppierung unterstütze das Ganze. Für die Bauern im Ried, die vorwiegend Gemüse, Obst, Kräuter und Sonderkulturen anbauen, sei die verschärfte Düngeverordnung von 2017 mit geplanten weiteren Änderungen „nicht praxistauglich“, sogar kontraproduktiv. Nur wenige Messstellen im Ried hätten zu hohe Nitratwerte aufgewiesen, wobei zum Ärger der Landwirte die Ursachen nicht untersucht würden, aber mit großflächiger Auswirkung. 85 Prozent der Beregnungsbrunnen seien in sehr gutem Zustand, erklärte Billau, doch die Bundesregierung habe nur die wenigen belasteten Brunnen gemeldet – „ein großer Fehler und wir müssen das jetzt ausbaden“. Von 100 mg 2013 sei der Wert auf 41 mg gefallen, dennoch seien 1.000 Hektar in Lampertheim als Sanierungsgebiet ausgewiesen. Schon vor sieben Jahren haben die Landwirte Billau zufolge mit mehrfachen Bodenanalysen im Jahr begonnen. Ein Institut sei nun mit der Prüfung beauftragt, man werde vor Gericht gegen die existenzbedrohenden Strafmaßnahmen klagen. Das bringt auch Thorsten Reski, Landwirt aus Riedrode, gegen die Politik der Bundesregierung auf, die er als „blinden Aktionismus“ bezeichnet. Erich Standfuß, in Riedrode Ortslandwirt, fordert  eine geologische Abklärung. Auch die Biobauern seien durch die Politik unter Druck. Als Ersatz für geplante Ausgleichsmaßnahmen mit 2.000 Hektar Flächenverbrauch zum Ausbau der A 67 hätten die Bauern Vorschläge entwickelt, erklärte Billau. Aus dem Freihandelsabkommen der EU mit Südamerika sehen die Bauern Nachteile für einen fairen Wettbewerb. Bürgermeister Rainer Bersch sagte im Gespräch mit dem TIP, dass er die Aktion und die Landwirte unterstütze, auch weil regionale Produkte wichtig seien.   Hannelore Nowacki 

     

     

     
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