Mitglieder der CDU-Landtagsfraktion informierten sich über den Rückbau des Atomkraftwerks und den Energie-Wohnpark Helfrichsgärtel
Mammutaufgabe AKW-Abbau
Ziel ist es, das ganze Kraftwerk auf Gitterboxen zu reduzieren. Im Eingangsbereich des Infozentrums steht ein solcher Behälter zur Ansicht. Foto: Petra Gahabka
Biblis – Über den Rückbau des Atomkraftwerks sowie den Bibliser Energie-Wohn-Park Helfrichsgärtel haben sich am Mittwoch Mitglieder des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz der CDU-Landtagsfraktion informiert. Bürgermeister Felix Kusicka und RWE-Sprecher Alexander Scholl standen dem Besuch im Informationszentrum des Unternehmens Rede und Antwort.
Das stillgelegte AKW wird seit 2017 rückgebaut. Wie das in der Praxis aussieht, erläuterte Alexander Scholl anhand von zahlreichen Bildern. Zuerst werden Raumbereiche abgebaut, die gebraucht werden, um neue Technik für den Abbau zu installieren. Stahlteile, Rohre, Kabel, Kunststoffe und sonstige Materialien werden zerlegt und gereinigt, damit sich das Volumen des radioaktiven Abfalls deutlich reduziert. Ziel ist es, das ganze Kraftwerk auf Gitterboxen zu reduzieren. „Wir wollen so säubern, dass wir das zurückgebaute Material freigeben können. Ein Großteil soll wiederverwertet werden“, so der RWE-Sprecher. In Zahlen ausgedrückt: Von den 63.000 Tonnen metallischer Materialien will man 55.000 Tonnen so weit bearbeiten, dass es nicht mehr radioaktiv ist. 6.000 Tonnen kontaminierter Abfall bleiben im Zwischenlager auf dem Kraftwerksgelände, der Rest geht voraussichtlich in die kerntechnische Verwertung. 15 Jahre soll der Rückbau insgesamt dauern, bis 2032 ändere sich an der Kraftwerksilhouette nichts. Was dann mit den Gebäuden und dem Gelände geschehe, sei noch unklar.
Im Januar 2019 wurde das Standort-Zwischenlager Biblis an die Gesellschaft für Zwischenlagerung übertragen, die jetzt Genehmigungsinhaberin und Betreiberin ist. Bis 2046 läuft die Aufbewahrungsgenehmigung, die Endlagerung der radioaktiven Abfälle ist ungeklärt. Hier wünschte sich Marco Gaug, Referent für Umwelt- und Klimaschutz, Landwirtschaft, Bau und Wohnungswesen, Verbraucherschutz und EU, ein bisschen mehr Sachlichkeit in der Debatte. In manchen Nachbarländern werde die Diskussion unaufgeregter geführt, es bleibe abzuwarten, ob im Rahmen der europäischen Einigung vielleicht zentrale Standorte eine Lösung seien. In 30 Jahren könne sich noch viel tun, auch was die technische Entwicklung angehe. „Biblis soll ein Energiestandort bleiben“, machte Bürgermeister Kusicka bei der Präsentation des Energie-Wohn-Parks Helfrichsgärtel deutlich. Nach der Stilllegung des Kraftwerks 2011 und dem Verlust von über 500 Arbeitsplätzen habe das Neubaugebiet eine große Chance geboten, da man bei null anfangen konnte bezüglich Infrastruktur, Leitungskapazitäten, Ladesäulen und Glasfasernetze. Es entstehe ein Wohnobjekt mit Vorbildcharakter, der Bebauungsplan sei wegen der großen Nachfrage von zwei auf drei Wohneinheiten geändert worden. 20 der 67 Häuser nach KfW-40-Plus-Standard mit Photovoltaikanlage, Batteriespeicher, Wärmepumpe sowie einer hauseigenen Ladestation für Elektrofahrzeuge seien bereits verkauft und zum Teil auch schon bewohnt. „Wir waren damals der Diskussion voraus“, merkte der Rathauschef mit Blick auf die Fridays-for-Future-Bewegung an. Mit dem Energie-Wohn-Park bringe man die Gemeinde wieder ins Gespräch – und somit auch den AKW-Rückbau und die damit verbundene Frage nach der Endlagerung. Petra Gahabka