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    ZEICHEN GESETZT: Sechs Stolpersteine im Gedenken an Mitbürger jüdischen Glaubens in Bürstadt verlegt

    Nachfahren von Moritz und Therese Koch aus USA zutiefst berührt

    Zwei Stolpersteine liegen in der Dammstraße 15 für das Ehepaar Moritz und Therese Koch. Urenkel Ricardo „Ricky“ Munster (weiße Kappe) lauschte den Ausführungen Burkhard Vetters. Ehefrau Irene filmte das Verlegen.
    Foto: Hannelore Nowacki

    BÜRSTADT – In seiner Ansprache in der Dammstraße, wo zwei Stolpersteine verlegt wurden, begrüßte Burkhard Vetter die Gäste und Spender, unter ihnen Bürgermeister Boris Wenz, Stadtverordnete und interessierte Bürger. Vom Verein für Heimatgeschichte Bürstadt waren der Vorsitzende Michael Molitor und Holger Eberle gekommen, der von Anfang an in den Archiven nach Daten und Fakten zum jüdischen Leben in Bürstadt forscht und die Erkenntnisse mit Burkhard Vetter teilt, der ebenfalls Vereinsmitglied ist und zur „Arbeitsgruppe jüdisches Leben in Bürstadt“ gehört. In Bürstadt sei lange Jahre gar nichts getan worden, sagte Vetter rückblickend, doch seien diese Zeiten immer noch präsent. Ein Besuch vor zwanzig Jahren im KZ Ausschwitz habe ihn zum Nachdenken gebracht, wie die NS-Zeit in Bürstadt war, berichtete Vetter dem TiP, daraus sei der Kontakt zu Gunter Demnig entstanden. Die Chronik einer langen Familiengeschichte der Familie Koch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts las Vetter vor und dankte Holger Eberle für die Recherchen. Die Zeichen jüdischen Lebens sind in Bürstadt weitgehend verschwunden, gäbe es die Stolpersteine nicht. Die Familien der kleinen jüdischen Gemeinde wurden unter der Nazi-Herrschaft drangsaliert und entrechtet, sie wurden ermordet oder ihnen gelang die Flucht ins Ausland, in die USA, nach Lateinamerika nach Palästina. Seit 2013 setzt sich Burkhard Vetter für die Verlegung von Stolpersteinen ein, die der Berliner Künstler Gunter Demnig selbst ins Pflaster der Gehsteige einfügt. Doch zur Stolperstein-Aktion am Donnerstag dieser Woche kam in Vertretung sein Assistent Frank-Matthias Mann, da Demnig nach einem Schwächeanfall ins Krankenhaus kam. An fünf Adressen im Bereich der Innenstadt war die Verlegung vorbereitet, Bauhofmitarbeiter hatten die kleinen Baustellen ausgehoben. 

    Foto: Hannelore Nowacki

     

    Auch Überlebende sind NS-Opfer

    Bei strahlendem Sonnenschein hatte sich eine größere Gruppe auf dem schmalen Gehweg in der Dammstraße an der Hausnummer 15 versammelt. Hier wohnte Moritz Koch, der 1936 nach kurzer Krankheit im Alter von 65 Jahren verstarb, mit seiner Frau Therese Koch, der ein Jahr später mit Hilfe ihres Sohnes Siegfried die Flucht in die USA gelang. Der Sohn war schon 1930 ausgewandert und seit 1936 US-Bürger, war aber zur Rettung seiner Mutter nach Deutschland zurückgekehrt. Eine Familiengeschichte mit Fortsetzung. Urenkel Ricardo „Ricky“ Munster war mit seiner Frau Irene zur Stolpersteinverlegung nach Bürstadt gekommen und hielt am früheren Wohnort seines Urgroßvaters eine Gedenkrede auf Deutsch. Lange habe er nichts über seine Urgroßeltern gewusst, denn seine Mutter Irmgard habe nie über diese Zeiten mit ihm gesprochen. Tröstlich findet Ricky, dass der frühe Tod seinen Urgroßvater vor den Schrecken der Verfolgung der Nazis bewahrt habe, doch der Rest der Familie habe weit weg Sicherheit suchen müssen. Was den Antisemitismus angeht, habe er lange Zeit geglaubt, das sei in der Vergangenheit gewesen, doch das Massaker im Oktober 2023 habe für ihn einen Wendepunkt markiert. „Auch weltweit tragen wir Juden seit diesem Oktober eine stille Angst in uns“. Aber hier sehe er, dass weiter Hoffnung bestehe gegen Antisemitismus und Hass. „Indem wir heute diese Steine verlegen, bringen wir nicht nur die Erinnerung nach Bürstadt zurück“. Ricky tauschte seine Kappe gegen die Kippa und sprach ein jüdische Totengebet, eine Situation, die ihn und seine Frau zutiefst berührte. Die Gruppe hielt still inne, während der Verkehr vorbeibrauste. Die beiden Stolpersteine waren eingesetzt, das Messing glänzte in der Sonne, Burkhard Vetter legte eine Rose ab. Die Tage in Deutschland nutzt das historisch interessierte Ehepaar für Besuche in Archiven, unter anderem in Heidelberg. Musikalisch begleitete das „Klezmer-Duo“ die Zeremonie - Reinhard Pleil an der Gitarre und Hans Jürgen Lösch an der Posaune. Weitere Stolpersteine wurden an der Nibelungenstraße 62 für Berta Baer (Flucht nach Brasilien), in der Mainstraße 22 für Ferdinand Mehrl (Kindertransport nach Palästina) und in der Augustinerstraße 37 für Christoph Weitz (im KZ Osthofen) gelegt, der nach dem Krieg weiter politisch aktiv war. Der Stolperstein für Heinrich Ofenloch in der Martinstraße 10 war in der öffentlichen Wahrnehmung zum Stein des Anstoßes geworden, da dieser Mann sowohl Straftäter (für einen Mordversuch verurteilt) als auch Verfolgter war, der in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurde. Wie es heißt, zählt er daher für Gunter Demnig zu den Opfern der NS-Zeit. An der Stolpersteinverlegung nahm sein Enkel Herbert Keilmann teil. Im Historischen Rathaus fand zum Abschluss eine kleine Gedenkstunde mit Imbiss und Umtrunk statt.  

    Hannelore Nowacki

     

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