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Di., 23. März 2021, 09:19 Uhr
VEREIN FÜR HEIMATGESCHICHTE: „Steuern zahlen war Ehrensache“
Neuigkeiten aus Zeitungen der 1850er und 1860er Jahre
Zu tun gibt es immer etwas, wenn auch nicht im großen Rahmen wegen der Corona-Bestimmungen. Günter Mössinger, Gisela Gibtner und Alexander Dinges haben sich mit Zeitungen aus der Zeit von 1850 bis 1860 befasst und Erstaunliches gefunden. Gebunden wurden die Zeitungen vor langer Zeit. Foto: Hannelore Nowacki
NORDHEIM – Im Rheinischen Hof zu Biblis war am zweiten Pfingstfeiertag wohl allerhand los und geboten. Zu entnehmen ist dies einer Anzeige von Wirt Arnold im „Verordnungs- und Anzeigenblatt der Kreise Bensheim und Heppenheim“ vom 22. Mai 1858. Bei der beworbenen geselligen Zusammenkunft sollte zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags der Bayrische Bock „losgelassen“ werden, „nach dem Bock ein Tänzchen“, dazu lud der Wirt die Gäste ergebenst ein. Eine Anzeige mit Schmunzelpotenzial, die auf Geschäftstüchtigkeit gepaart mit Humor schließen lässt. Ein Renner war offenkundig das bayrische Flaschen-Bier, dessen Lieferung in einer weiteren Anzeige angekündigt wurde. Alexander Dinges, Zweiter Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte, hat im Gemeindearchiv Nordheim viele Bände dieser Lokalzeitung durchgeschaut, vorsichtig die vergilbten, empfindlichen Blätter gewendet. Dabei sind ihm diese Anzeigen ins Auge gesprungen und war begeistert: „Die Werbung hat mich total fasziniert“. Arbeitsgruppen hatten sich mit den archivierten Zeitungen befasst bis die Coronakrise Zusammenkünfte erschwerte und verhinderte. Die Heimatforscher konnten zum Teil auf handschriftlich geführte Karteikarten zu Biblis, Nordheim und Wattenheim mit kurzen Inhaltsangaben zurückgreifen, die Helma Nägler 1996 angelegt hatte. Bei einem Pressetermin am Sonntagvormittag stellten Günter Mössinger, Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte Nordheim, Alexander Dinges und Schriftführerin Gisela Gibtner die bisherigen Ergebnisse ihrer Nachforschungen vor, die auch das Thema Steuern betreffen. Erstaunliches hatten sie zutage gefördert: Listen mit Höchstzahlern von Steuern, veröffentlicht mit Namen und Beträgen. Ihre Schlussfolgerung: „Steuern zahlen war Ehrensache“. Und mit Privilegien im politischen Leben verbunden, denn wer die höchsten Steuern zahlte, hatte mehr mitzureden als die anderen Ränge. Wer arm war, blieb in öffentlichen Belangen ungehört. Viele Höchstzahler waren in Biblis und Nordheim beheimatet, berichteten die Heimatforscher. Allerdings waren die Nordheimer Höchstzahler vor allem mit viel Landbesitz ausgestattet, deshalb waren sie nicht an der Eisenbahnverbindung interessiert. Die hätte Land verbraucht. Mit der Folge bis heute: Nordheim hat keinen Anschluss ans Schienennetz. Aufgefallen sei ihnen, dass in Biblis viele jüdische Bürger unter den Höchstzahlern waren. Erst nach 1820 seien sie gleichberechtigte Bürger geworden, zuvor mussten sie als „Schutzjuden“ Schutzgeld bezahlen, erklärte Mössinger. Mit Familie Bodenheimer habe der Verein Kontakt aufnehmen können. In einer Vitrine sind mehrere Ausstellungsstücke zu sehen. Aus den Archivalien lesen die Heimatforscher heraus, dass die angesehene Thora-Talmudschule in Biblis wohl zum wirtschaftlichen Erfolg der Judenfamilien beigetragen hat, was die wohlhabende Gemeinde Biblis wohl erkannt habe und eine eigene Landwirtschaftsschule gründete. Den späteren Erfolg im Gurkenanbau führen die Heimatforscher auf die dortige gute Ausbildung zurück. Nirgendwo in der Nachbarschaft seien diese Zeitungen noch vorhanden. „Eine Fundgrube“ nennt Mössinger diese Zeitungen, sehr klein gedruckt, aber lesbar. Berichtet wird über lokale Ereignisse, aus der ganzen Welt und über Vermischtes. Der Alltag von damals wird lebendig. Aus dieser Fundgrube wird noch einiges erforscht, das scheint sicher. Ansonsten ist es im Burg-Stein-Museum ruhig geworden, Heimatforscher und Besucher müssen warten bis die Corona-Bestimmungen gelockert werden. Hannelore Nowacki
Informierte Bürger in Biblis, Nordheim und Wattenheim lasen Mitte des 19. Jahrhunderts das „Verordnungs- und Anzeigenblatt der Kreise Bensheim und Heppenheim“. Foto: Hannelore Nowacki