
BIBLIS – Mit der Pogromnacht am 9. November 1938, zu der das nationalsozialistische Regime die Bürger in Deutschland aufgerufen hatte, ging in Biblis die fast 200 Jahre lange jüdische Geschichte endgültig zu Ende. Das erste Bethaus war 1768 entstanden, seit 1821 hatten die Bibliser Juden als viertgrößte Gemeinde im Alsbacher Friedhofsverband eine eigene Synagoge. Wie der Heimat- und Geschichtsverein Nordheim durch seine Nachforschungen herausgefunden hat, gibt es seit 1668 den schriftlichen Nachweis jüdischer Einwohner, um 1780 lebten fünf jüdische Familien in Biblis, 1841 stellten die 182 jüdischen Bürger acht Prozent der insgesamt 2.250 Einwohner. Vor hundert Jahren hatte Biblis 3.149 Einwohner, die etwa 100 Juden machten 3,2 Prozent aus. In den Jahren 1932 und 1933 lebten noch 15 jüdische Familien mit etwa 60 Personen in Biblis – Ende 1938 existierte die jüdische Gemeinde nicht mehr. Die Synagoge wurde nicht in Brand gesteckt, da das eher unscheinbare Fachwerkhaus in der Enggasse bereits einen Monat zuvor in den Besitz der Gemeinde Biblis gelangt war. Anfang der 1980er Jahre wurde das Gebäude abgerissen, um Platz für das neue Rathaus zu schaffen. Der Gedenkstein auf der Rückseite des Rathauses erinnert an die Synagoge und die jüdische Gemeinde. Bürgermeister Volker Scheib hatte im Namen des Gemeindevorstandes und Konstantin Großmann als Vorsitzender der Gemeindevertretung zur Gedenkfeier am Sonntag eigentlich an diesem Stein unter freiem Himmel eingeladen. Ein schöner bunter Blütenkranz mit weißem Band und Widmung der Gemeinde Biblis schmückte den Gedenkstein. Wegen des anhaltenden Regenwetters wurde das Gedenken ins Rathausfoyer verlegt. Im Anschluss an die Gedenkfeier waren die Besucher im Rahmen der 12. Veranstaltung „Dialog im Rathaussaal“ zu zwei Vorträgen des Heimat- und Geschichtsvereins Nordheim mit neuen Erkenntnissen zum jüdischen Leben eingeladen. Dass trotz schlechten Wetters so viele Menschen gekommen waren, etwa fünfzig Besucher waren im Foyer zusammengekommen, merkte Bürgermeister Scheib in seiner Ansprache erfreut an. Die Band „Planet Weschnitz“ spielte besinnliche Stücke, später im Rathaussaal hörten die Besucher ein historisches Lied zu Ehren des Schabbat nach der Melodie eines früher bekannten Volksliedes aus der Bibliser Gegend. Für das kleine Konzert mit beschwingten Stücken ungarisch-rumänisch-jüdischer Musik und Romamusik wurde die Band mehrfach mit Applaus belohnt.
Foto: Hannelore Nowacki
Keiner kam zurück
Im weiteren Ablauf der Gedenkfeier waren drei Beiträge vorgesehen. Zunächst machte Heike Trunk-Scheib deutlich, dass die Nachgeborenen keine Schuld tragen, für das was vor ihrer Geburt geschah, allerdings hätten sie die Aufgabe, dass nichts vergessen werde und dass niemals mehr Menschen ausgegrenzt, verfolgt oder getötet werden. „Die Wahl hast du, du kannst handeln“ lautet ihr Appell gegen das Augenverschließen und Nichtstun in aktuellen Zusammenhängen. Bürgermeister Scheib erinnerte daran, dass damals nicht nur die SA-Brigade Starkenburg gegen die Bibliser Juden gewalttätig war, auch angesehene Bürger und Jugendliche beteiligten sich und zerstörten Wohnungen der jüdischen Mitbürger. Das Wachhalten der Erinnerung und das Weitergeben des Wissens an die nächsten Generationen sei das Wichtigste, betonte Scheib und bekräftigte dies mit Zitaten von Hannah Arendt, eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts mit deutsch-jüdischen Wurzeln. Wenn die Zerstörung der Urteilskraft beginnt, werde es gefährlich, hatte Arendt gemahnt und aufgerufen „Hüte deine Fähigkeit zu denken“. Als Jens Bitsch vom Heimat- und Geschichtsverein Nordheim eindrücklich die lange Liste mit Namen und Todesorten von dreißig jüdischen Menschen aus Biblis verlas, die durch die Nationalsozialisten zu Tode gebracht wurden – war es sehr still im Foyer. Durch die Pogromnacht war ein Todesopfer zu beklagen, die von den Nationalsozialisten als „Reichskristallnacht“ bezeichnet wurde. Im Ghetto von Lodz in Polen waren Bibliser Juden umgekommen, in den KZs von Auschwitz und Theresienstadt oder gelten als verschollen. Nach einer Gedenkminute, um die Bürgermeister Scheib die Anwesenden gebeten hatte, war die Gedenkfeier beendet und die Besucher wechselten zu den Vorträgen des Heimat- und Geschichtsvereins Nordheim in den Rathaussaal. Gisela Gibtner schilderte mit bebilderter Präsentation die Geschichte der Bibliser Juden und der Familie Bodenheimer, die fast 200 Jahre zu Biblis gehörte.
Foto: Hannelore Nowacki
In einer Publikation von 2021 in Jerusalem, begleitet von Professor Josef Bodenheimer, wurde die Familiengeschichte zusammengetragen, die auch musikalisch geprägt war. Wie Gibtner ausführte, waren die Bibliser Juden überwiegend Handelsleute, Viehhändler, Bäcker, Metzger und Lederhändler. Salomon Fränkel war 1882 Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr, Richard Fränkel war 1932 im Ortsvorstand. Im 1. Weltkrieg waren auch Bibliser Juden gefallen. Die Frauen engagierten sich damals im „Hilfsverein“ mit der Pflege von verwundeten Soldaten. Bibliser Stoffe aus der jüdischen Leineweberei seien weithin bekannt gewesen. In seinem Vortrag über die historische Mikwe als wichtiger Teil jüdischen Glaubens ging Vereinsvorsitzender Günter Mössinger der Frage nach, wo diese rituelle Badeeinrichtung in Biblis gewesen sein könnte und welche Anforderungen maßgebend waren. Weitere Informationen hatte Mössinger aus Nachbarorten wie Lampertheim, Worms und Biebesheim. Da eine Innenansicht der Bibliser Synagoge nicht bekannt ist, zeigte Mössinger als Beispiel ein Foto aus der Wormser Synagoge.
Hannelore Nowacki
Foto: Hannelore Nowacki
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