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  • Do., 09. September 2021, 12:08 Uhr
    ZEICHEN DER ERINNERUNG: Acht Stolpersteine zum Gedenken an Familie Althausen verlegt / Jüdische Gemeinde ist aktiver Teil der Gesellschaft

    Stolpern mit dem Kopf und mit dem Herzen

    Zum Gedenken an Familie Althausen wurden an den Stolpersteinen in der Kaiserstraße 19 weiße Rosen niedergelegt. Foto: Benjamin Kloos


    LAMPERTHEIM – Jeder Stolperstein, den Gunter Demnig in Europa, Deutschland und Lampertheim verlegt, ist ein sichtbares Zeichen wider das Vergessen und erzählt von einem Leben, das meistens mit Verfolgung, Deportation und Ermordung in einem Konzentrationslager endete. Ein Schicksal, das in Nazi-Deutschland und Europa unter Hitler sechs Millionen Juden traf, eine unfassbare Zahl. 

    In Lampertheim fand am Donnerstag in der Kaiserstraße 19 die achte Verlegung von Stolpersteinen statt, die an das Schicksal von Familie Althausen erinnert. Im Rahmen der Stolpersteinverlegung wurde aber auch deutlich, dass die Erinnerung zwar äußerst wichtig ist, aber die jüdische Kultur mittlerweile längst wieder einen Platz in der Mitte der Gesellschaft hat – und dies soll auch so bleiben.

    Bürgermeister Gottfried Störmer freute sich außerordentlich, dass mit Rita Althausen nicht nur die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mannheim, sondern auch eine Nachfahrin „der Menschen, die früher hier gelebt haben, begrüßen zu können – und auch Familie Horlé, die gemeinsam mit der Stadt festgelegt hat, dass die Erinnerung hier vor ihrem Geschäftshaus möglich wird.” Mit Blick auf die heutige Zeit betonte das Stadtoberhaupt, dass „es jetzt wieder an der Zeit ist, dass wir mit einer Wahl gefragt werden, wie unsere politische Zukunft aussehen soll. Ich mache mit teilweise Sorgen, denn wir haben ein Angebot von rechts nach links, welches wir wählen können.” Es sei wichtig, keine Wahl für eine Partei zu treffen, die sich bewusst von der Loslösung der demokratischen Sicherheit, die uns Frieden und Freiheit gebracht habe, zu wählen, und sei es nur aus Protest. „Das Erreichte sollten wir nicht verspielen und wir sollten alle bewusst wählen. Denn der Erhalt unserer Gesellschaft, Demokratie und Vielfalt ist wichtig.”

    Bewegende Erinnerung 

    Der Erste Stadtrat Marius Schmidt blickte anschließend auf die Geschichte von Familie Althausen zurück. „Wir erinnern an Menschen, die hier gelebt haben und die später deportiert wurden. Familie Althausen betrieb hier ein Uhren- und Schmuckgeschäft und war ein Teil der Gesellschaft. 1938 wurde das Geschäft zerstört, der Großvater wurde nach Buchenwald gebracht – von dort kehrte er völlig ausgemergelt zurück.” Das Leben der jüdischen Bürgerinnen und Bürger wurde immer stärker eingeschränkt, sämtliche Rechte gingen verloren, so durften sie nicht einmal mehr auf einer Bank in der Öffentlichkeit sitzen. „Die Familie Althausen hatte viele Freunde. So fand sie auch in der Bäckerei  Schmerker Unterstützung, bist auch diese nichts mehr tun konnte und Familie Althausen nach Mannheim übersiedelte”, berichtete Marius Schmidt. Doch auch dort durften sie nicht lange bleiben: Die Eltern Jakob und Priwa wurden gemeinsam mit ihren Kindern Alexander, Cäcilia, Edith, Helene und Oskar ins südfranzösische Camp de Gurs deportiert, alle sieben überlebten glücklicherweise die Internierung und erlebte nach den Gräueln der Nazizeit unterschiedliche Lebenswege. Für den ebenfalls im Haus der Familie in Lampertheim lebenden Kurt Maxi Levi, Ehemann von Cäcilia Althausen, gab es leider kein glückliches Ende – er wurde 1943 in Majdanek ermordet. 

    Jakob Althausen fand mit seiner Frau eine Wohnung in Mannheim, Alexander emigrierte in die USA, Edith und Helene zog es nach Israel und auch Cäcilia Althausen lebte nach dem 2. Weltkrieg wieder in Mannheim. Oskar Althausen, Vater von Rita Althausen, kam 1951 ebenfalls nach Mannheim zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2001 in Blumenau lebte. 

    Gunter Demnig verlegte am Donnerstag in Lampertheim Stolpersteine in Erinnerung und zum Gedenken an Familie Althausen. Foto: Benjamin Kloos


    „Es liegt an jedem Einzelnen, dafür zu sorgen, dass sich diese Zeiten nicht mehr wiederholen”, mahnte Marius Schmidt eindringlich und dankte zugleich Stadtarchivar Hubert Simon für dessen intensive Recherche zu Familie Althausen. 

    „Sind Teil der Gesellschaft”

    „Wir sind heute nicht nur zum Gedenken hier, sondern das jüdische Leben hat seinen Platz in Deutschland und bereichert es”, betonte Rita Althausen, die sich sichtlich und bewegt über die Erinnerung an ihre Familie in Form der Stolpersteine freute. „Meine Familie war 27 Jahre in Lampertheim, meine Oma hat mir immer erzählt, wie schön es hier war und welche guten Beziehungen es zur Nachbarschaft gab. Die Stolpersteine sind wichtig, um individuell an die einzelnen Menschen zu Gedenken, die Erinnerung muss immer wach bleiben. Aber wir müssen auch in die Gegenwart und Zukunft sehen. Die jüdische Gemeinde ist mehr als Antisemitismus, sie ist eine aktive und lebendige Gesellschaft! Wir sind normale Bürger und wollen auch so wahrgenommen werden. Leider ist der Antisemitismus wieder in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, dies macht mit Sorge – denn wir sind ein Teil dieser Gesellschaft.”

    In einer Minute der Stille wurde zum Ende der Stolpersteinverlegung an die Opfer der NS-Zeit gedacht, bevor weiße Rosen niedergelegt wurden. Auf dem Gehweg glänzen nun acht Stolpersteine mit Daten, die ein Leben markieren – Bürgermeister Störmer machte abschließend mit Blick auf die heutige Situation nochmals deutlich: „Jüdische Mitbürger sind Deutsche und nichts anderes” – genauso wie Menschen aller anderen Religionsgemeinschaften auch. Benjamin Kloos

     

     

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