ERINNERUNG: Ein Erfahrungsbericht des früheren Lampertheimers Werner Grünewald
Theo, ein fast vergessenes Lampertheimer Original
Vermutlich Anfang / Mitte der 1960er Jahre beschäftigte BBC-Lampertheim den tüchtigen Malergesellen Theo Grüner. Mit Theo – war es die Abkürzung von Theodor? – kam ich während meiner Arbeit in diesem Unternehmen nie ins Gespräch. Fast ein halbes Jahrhundert später erfuhr ich Erstaunliches über ihn, als ich 2008 meinem Buch ,Kindheitserinnerungen, Lampertheim 1941 – 1952‘ (ISBN 978-3-8391-7345-9), Illustrationen von Theo hinzufügte. Das meiste über Theo erzählte uns seine Frau Katharina, geb. Knecht, inzwischen 86jährige Witwe geworden, als wir, mein Bruder Rudi und ich, sie vor 14 Jahren in ihrem Haus in der Karlstraße besuchten.
Als junger Kriegsteilnehmer wurde Theos Flugzeug über einer englischen Grafschaft abgeschossen. Er geriet in Gefangenschaft. Ein mitleidiger Lord lehrte ihn die Technik und Hintergründe von Karikaturen und Illustrationen darzustellen. Zurück in der Heimat heiratete er Katharina, Tochter von Kleinbauer Knecht aus der Römerstraße.
Hausschlachtung
Obwohl Theo nach dem Krieg diesem Familienbetrieb sein Einkommen verdankte, fand er an der nur drei bis vier Hektar großen Landwirtschaft des Schwiegervaters keinen Gefallen. Sie füllte seinen Tagesablauf und seine Ansprüche nicht aus. Zubrot erwarb er sich nebenher mit dem in England Gelernten, versuchte zunächst Grabsteine zu beschriften. Der unruhige Theo landete schließlich am Ende der Alicestraße, über der damaligen Bahnschranke hinweg beim Elektrokonzern BBC, fast in Sicht seines Hauses.
Theo, vom gleichen Jahrgang 1922 wie seine Frau, verfügte über ein zeichnerisches, künstlerisches, feinsinniges und ideenreiches Können. Er demonstrierte es zum Beispiel während der Zeit des Karnevals, als er bei BBC bunte Plakate für innerbetriebliche Feiern des Fastnachtsdienstags kreierte, die man in Halle II und III aufhängte. Kein Wunder, dass BBC-Lampertheim auf den Tüncher- und Malergesellen aufmerksam wurde. Man versetzte ihn in die Werbeabteilung des BBC-Hauptwerkes in Mannheim-Käfertal. Dort lernte er eine Sekretärin kennen. Die Scheidung von Katharina folgte. Nicht ganz, denn er brachte ihr wöchentlich seine schmutzige Wäsche. Theo hatte aber nicht mit der resoluten Tante gerechnet. Denn im Haus Karlstraße führte nicht Katharina das Regiment, sondern seine Tante, die ihn großgezogen hatte. Schließlich sagte die Tante zu ihm: ,Wenn Katharina weiter deine dreckigen Sachen wäscht, musst du sie wieder heiraten. Wenn nicht, dann soll die Sekretärin sich um deine Klamotten kümmern.‘ Theo heiratete zum zweiten Mal seine Katharina. Schmunzelnd erzählte die Witwe, dass die pfiffige Tante bei dieser Aktion hauptsächlich an sich selbst gedacht habe, damit ihre ,Rente‘ in der Familie gesichert blieb. Das hieß, sie konnte weiter in der Karlstraße wohnen und wurde verpflegt! Vermutlich dirigierte sie so lang, bis sie im Alter von 103 Jahren starb.
Trauzeugen bei der zweiten Heirat war das Wirtsehepaar von Theos Stammkneipe ,Zum Weißen Roß‘, Ecke Wilhelmstraße/Schulgässchen. Zur Hochzeit und später bei anderen Feierlichkeiten erschien Theo stets hoch zu Ross, welches er sonst in der Karlstraße in Stall und Garten beherbergte. Perfekt gekleidet mit Reitergarnitur und feinsten, auf Hochglanz gewienerten, ledernen Reitstiefeln ritt er an dem feierlichen Tag zum alten Rathaus in der Römerstraße. Stieg dort, hoch zu Pferd, direkt durch ein offenes Fenster, damit die Leute nicht sahen, dass er sich wieder mit Katharina, der Exfrau, verheiratete.
Theos Kumpel Ernst Karl protzte unentwegt mit seinem schicken, flotten Motorrad. Theo hielt dagegen: ,Mein Pferd ist über 100 Meter schneller als dein ,motorisierter Klepper.‘ Am 1. Mai 1963, am Waldrand der Heide, wurde bewiesen, wer tatsächlich der Schnellste war: Ernst mit Motorrad 7,2 sec., Theo auf seinem Prachtpferd 8,2 sec. (Info aus Archiv Karb).
Theo auf seinem Prachtpferd
Hatte Theo Durst auf Bier, machten sich Ross und Reiter auf, quer durch Lampertheim, ,Zum Weißen Roß‘. Nein, in der Wilhelmstraße ließ er sein geliebtes Pferd nicht stehen. Beide, Ross und Reiter gleich rein in den Schankraum. Wie das Pferd es schaffte, durch den schmalen Aufgang, dazu die vier steinernen Treppenstufen hochzukommen, erfuhren wir nicht. Jedenfalls band Theo das Pferd an der Theke am Zapfhahn fest, bevor er selbst, laut Katharina, das erste Bier in die durstige Kehle kippte.
Wer ebenso gerne ,kippte‘, sei die alte Tante gewesen. Jeden Morgen füllte sie ein Wasserglas voll mit 5-Sterne-Cocnac ,Metaxa‘. Trank ihn tagsüber etappenweise, Schluck für Schluck. Bis am Abend das Glas leer war, habe sie es nach jedem Schluck mit einem Bierdeckel zugedeckt.
Theos Illustration ,Getreideernte‘ – Im Hintergrund die St. Andreas- und die Domkirche
Obwohl Theo letztendlich kein Bauer wurde, hatte er trotzdem eine enge Beziehung zur Landwirtschaft, was bei vielen seiner Illustrationen zu erkennen ist. Etwas Bauer wollte der Künstler schon sein. Dies bezeugte in der Karlstraße, mitten im Wohnviertel, sein Pferd im Stall. Dazu ein Ziegenbock, und was für einer. Freunde karrten Jahre hintereinander ihre Ziege extra aus Gießen in die LA-Karlstraße, damit sie von dem strammen Bock gedeckt wurde. Einmal sei er, laut Katharina, auf den Gießener Anhänger, der sich gerade in Richtung Oberhessen bewegen wollte, gesprungen, um die Ziege ein zweites Mal zu bespringen.
Pferd und Ziegenbock reichten Theo nicht. Warum er aber zwei Hühnerställe ,in Betrieb hatte‘, leuchtete uns nicht ein. Fünf Hühner in dem einen, sieben im andern. Und ausgerechnet im letzten Stall gab es keinen Legekorb. Deswegen waren die Hühner dieses Stalls gezwungen, den Drahtzaun des anderen zu überwinden, um dort ihre Eier zu hinterlassen.
Nicht zu vergessen Jäger Theos Jagdhund, ein weiteres Tier im Haus, das heißt, er hauste im Hof. Zu bemerken an dem Gestank, den Fußgänger mitunter in der Karlstraße wahrnahmen. Mit dem Hund gab es im Wald einmal ein besonderes Ereignis. Dort musste Theo dringend ,austreten‘. Rein ins Gebüsch, Hose runter. Der treue Hund setzte sich neben seinen ,sitzenden‘ Herrn. Weiter erzählte Katharina, plötzlich wäre ein robustes Wildschwein auf die beiden zugebraust, schnappte sich den nicht gerade kleinen Hund und schleuderte ihn in die Luft. Theo musste den verletzten, heftig blutenden Liebling, der sich kaum mehr bewegte, nach Hause tragen.
Seinen Herrn überlebte der Hund einige Jahre. Witwe Katharina, mühsam auf den Beinen, konnte mit ihm nicht Gassi gehen. Fortan übernahm mein Bruder Rudi diese dringende Angelegenheit.
Außer für die Jungbauern illustrierte Theo ,Heimatblätter‘, die Heimatforscher Heinrich Karb, meist zu Festtagen, vier bis fünf Mal im Jahr über die lokale Zeitung herausbrachte. Die Einwohner warteten immer neugierig auf das nächste Blatt, um zu entdecken, was Theo wohl neues bebildert hatte.
Standen wieder einmal Festumzüge an, entwarf Theo teilnehmenden Vereinen Plakate für ihre einzusetzenden Wagen. Auch für den Turnverein gestaltete er während der Fastnachtszeit Illustrationen zum Ausschmücken der alten Turnhalle in der Blücherstraße.
Gelegentlich kam Theo mit Heinrich Karb auf das Thema Friedhof zu sprechen. Theo: ,Später möchte ich einmal auf dem alten Friedhof beerdigt werden!‘ Karb: ,Das geht nicht, dort stehen Grabstellen nicht mehr zur Verfügung. Nur noch auf dem neuen Waldfriedhof in Neuschloß.‘ Theo: ,Da möchte ich nicht hin, niemand wird mich da hinbringen. Dafür werde ich vorher sorgen! Du bist doch auf dem Rathaus, kannst du da nichts ,drehen‘?, meinte er vertraulich zu Freund Karb. ,Kann ich nicht, bin Beamter!‘, bekam Theo zu hören. ,Komm, mach keine Sachen, du hast doch die besten Beziehungen zum Bürgermeister!‘ Da Herr Karb diesem Wunsch nicht nachkam, erzählte Katharina weiter, erschienen seitdem die ,Heimatblätter‘ ohne Theos Illustrationen.
Nach dem 2. Weltkrieg – organisieren, fuggern, tauschen…
Bevor Theo zur Jagd aufbrach, machte er, laut Katharina, zu Hause erst noch Schießübungen. Dazu diente eine Zielscheibe hinter einer Klappe der Kaminattrappe im Wohnzimmer. Das Bett der alten Tante stand genau unter dem ,Schießstand‘. Dies störte weder Theo noch die Tante. Von der dem Kamin gegenüberliegenden Stubenseite legte Theo das Jagdgewehr an und schoss über die im Bett ruhende Tante hinweg auf die Scheibe. Ein Fehlschuss traf einmal den Holzrahmen der Zielscheibe, sodass die Fetzen flogen. Ein Splitter traf die Tante, die dann zum Neffen meinte: ,Früher hast aber du besser geschossen!‘ Tantes Bett, obwohl sie schon einige Zeit verstorben war, stand während unseres Besuchs immer noch im Wohnzimmer vor der Kaminattrappe.
Mit Katharinas Erlaubnis, fotografierten wir alles, was fast Unglaubliches uns vor die Linse kam: den gesamten Wohnbereich im Erd- und Obergeschoss; unfassbar, was sich im Keller und auf dem Dachboden über Jahrzehnte zuammengerümpelt hatte. Da konnte man sich kaum bewegen. Hofbereich, Pferde-, Ziegen- und Hühnerställe und der trostlose Garten wurden ebenso mit der Kamera festgehalten. zg
Selbst altes Waschgerät warf Theo nicht weg: Vorn der Wäschestampfer mit Stiel, rechts daneben das Unterteil einer von Hand betriebenen Waschmaschine, ähnlich wie unsere in den Nachkriegsjahren. Und davor ein Waschmaschinen-Einsatz, genauso wie wir ihn als Kinder gern für unsere Mutter hin und her schwenkten. Fotos: oh