Fachvortrag: Motorik ABC - ein Projekt zur Förderung der motorischen Entwicklung und Sprachfreudigkeit bei Klein- und Vorschulkindern
Toben kommt heute zu kurz
Der Fachvortrag Motorik ABC machte deutlich: Laufen, Springen, Klettern, Balancieren, Werfen, Fangen und Schaukeln sind wichtig, unter anderem für die neuralgische Verknüpfung im Gehirn, soziales Lernen, die Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems, der Ich-Kompetenz und Selbstwirksamkeit. Foto: oh
LAMPERTHEIM – Zu einem Fachvortrag mit dem Titel „Motorik-Abc – Bewegungs- und Sprachförderung im Kindergarten“ hatte die Kindertagesstätte Europaring eingeladen. Die stellvertretende Leiterin Dorothea Roos freute sich, rund 50 Eltern begrüßen zu können und schilderte in den Hintergrund des Abends: Das Team hatte Anfang des Jahres im Rahmen der BASF-Initiative „Offensive Bildung plus“ auf zwei Fortbildungen das „Motorik-ABC“ teilgenommen, ein Projekt zur Förderung der motorischen Entwicklung und Sprachfreudigkeit bei Klein- und Vorschulkindern. Von den Seminaren begeistert, ließen die Erzieherinnen ihre Erfahrungen und das erlernte Wissen in ihre Arbeit mit einfließen. Aus dem Anliegen heraus, dass die Eltern um dieses Konzept wissen, baten sie Dr. Ulrike Hegar um Unterstützung. Die diplomierte Sportwissenschaftlerin arbeitet am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg im Team der Ballschule und koordiniert die wissenschaftliche Begleitung und Umsetzung des Projektes, das von der Manfred-Lautenschläger-Stiftung sowie der BASF finanziert wird.
Dr. Hegar war gerne gekommen und erläuterte den Eltern anhand von Bildern, Statistiken, Umfragen, Tabellen und kurzen Filmsequenzen, wie Motorik und Sprache bei Kindergartenkindern frühzeitig, systematisch und nachhaltig gefördert werden kann. „Bewegung und Sprache gelten als wichtige Dimensionen kindlicher Entwicklung, die sich abhängig voneinander entfalten, deshalb wollen wir auch die Sprechfreudigkeit wecken, was beim Spielen gut funktioniert”, erläutert Projektkoordinatorin Dr. Ulrike Hegar. So lernen die Kinder beim Insel-Spiel Wörter wie Ebbe und Flut kennen und denken sich selber neue Spielvarianten aus.
Damit ein Kind sich gut und gesund entwickeln kann, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens ein bis zwei Stunden täglich moderate körperliche Aktivität. Eine Zeit, die man eigentlich schnell zusammenbekommt. Eigentlich. Denn leider gibt es viele Sprösslinge, die diese Richtlinie nicht erfüllen. In Deutschland ist jedes fünfte Kind zu dick. Im Grundschulalter ist ein starker Anstieg des Gewichtes zu verzeichnen, der bei Jungen besonders ausgeprägt ist. Zwar sind 60 bis 70 Prozent Kinder und 50 Prozent der Jugendlichen in einem Sportverein, doch während die vereinsorganisierte Aktivität zunimmt, geht die selbst organisierte zurück. „Früher nutzten Kinder jede freie Minute für Gummitwist oder zum Fußballspielen, Werfen, Springen, Klettern, Rennen oder Toben. Heute ist das leider ganz anders, schon die Kleinen werden überall mit dem Auto hingefahren, spielen nicht mehr auf der Straße, sondern sitzen drinnen vor dem Fernseher und viele einen Ball lieber mit der Maustaste statt durch einen Fallrückzieher ins Tor befördern”, stellte die Referentin mit Bedauern fest. Eine Tendenz, die mit zunehmendem Alter noch steigt.
Dabei bräuchten Kinder das Draußensein und die Bewegung. Laufen, Springen, Klettern, Balancieren, Werfen, Fangen und Schaukeln sind wichtig, unter anderem für die neuralgische Verknüpfung im Gehirn, soziales Lernen, die Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems, der Ich-Kompetenz und Selbstwirksamkeit. Mädchen und Jungen lernen am besten lernen, wenn sie Freude daran haben. Im Turnraum der Kita Europaring gibt es Bälle verschiedenster Materialien und Größen, Seile, Ringe, Hula-Hoop-Reifen, Stoffbausteine, bunte Tücher, Luftballons, Hütchen, Holzstäbe, Farb- und Zahlenwürfel. Hier haben die Kinder die Möglichkeit ihren Bewegungsdrang und ihre Phantasie auszuleben. Freiraum ist bei der ganzen Sache ein wichtiger Aspekt.
„Man muss die Kinder einfach mal machen lassen, dann sind sie unheimlich kreativ“, weiß Dr. Ulrike Hegar aus Erfahrung. Das Projekt läuft mittlerweile seit zwei Jahren und stößt auf großes Interesse, 135 Kitas aus der Metropolregion haben bisher an der Fortbildung teilgenommen und setzen das Gelernte nun erfolgreich um. Wie das in der Praxis aussieht, das durften die Eltern am Schluss der Veranstaltung bei einem lustigen Mitmachspiel selbst erfahren. zg