INTERVIEW: Kalle Horstfeld im Gespräch mit dem Olympiasieger im Vierer-Kajak Max Lemke
Traum von olympischem Gold wurde wahr
Der Olympiasieger im Vierer-Kajak Max Lemke im Gespräch mit Kalle Horstfeld. Foto: oh
LAMPERTHEIM – Max Lemke hat mit seinem Sieg bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 ein Stück Geschichte, nicht nur für Deutschland, sondern auch für Lampertheim mitgeschrieben. Am 07. August 2021 passierte er nach einer Renndauer von 1:22.219 Minuten, gemeinsam mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe und Tom Liebscher die Ziellinie als Sieger des Endlaufs im Vierer-Kajak. Bei der anschließenden Siegerehrung hatte Max sich seinen Traum erfüllt. Er ist jetzt Olympiasieger und verdienter Gewinner einer Goldmedaille.
Seine ersten Paddelschläge erlernte Max auf dem heimischen Altrhein beim Kanu-Club. Neben zahlreichen nationalen Erfolgen im Jugend-, Junioren- und Leistungsklassebereich war Max bereits viermal Weltmeister und zweimal Europameister.
Wie bist du zum Kanusport gekommen?
Zuerst war ich beim Fußball. Dann hat mich ein Freund überredet, einmal mit zum Kanutraining zu kommen. Ich ging dann mit zum Kanu-Club. Dort habe ich dann zusammen mit Yannick Heyber das Paddeln erlernt. Es hat mir gleich von Anfang an richtig viel Spaß gemacht. Thomas Heyber, der Papa von Yannick hat uns dann auch gleich trainiert. Zuerst habe ich noch Fußball und das Paddeln parallel gemacht, dann irgendwann aber nur noch Kanusport.
Hast du gleich gewusst, Kanusport ist mein Sport und hier werde ich bleiben?
Nicht wirklich. Darüber macht man sich als Kind nicht so viele Gedanken. Das wird einem als Kind erst später bewusst. Aber so mit 14 oder 15 Jahren war mir schon klar, dass ich in dieser Sportart einmal erfolgreich sein will. An eine Olympiade oder Olympiagold denkt man in diesem Moment aber noch nicht. Man möchte einfach einmal in der Nationalmannschaft kommen, das sind die ersten Ziele, die man so hat. Das entwickelt sich dann einfach so weiter.
Wo war deine erste Regatta und wie ging es dann weiter?
Die ersten Regatten bin ich in Kaiserslautern und dann in Mannheim gefahren. Ich kann mich noch sehr gut an diese Zeit erinnern. Bei meinen ersten Deutschen Meisterschaften bin ich gleich im Vorlauf „rausgeflogen“. Aber ich war damals schon froh darüber, dass ich mich überhaupt qualifizieren hatte. Ein Jahr später habe ich die Deutsche Meisterschaft bei den Schülern dann auch gleich gewonnen. Durch das kontinuierliche und gute Training hatte ich zu diesem Zeitpunkt innerhalb eines Jahres eine enorme Leistungssteigerung.
Hast du von Anfang an gewusst, das ist mein Sport und hier kann ich auch einmal Olympiasieger werden?
Von Anfang an natürlich nicht. Aber als ich bei den Schülern und in der Jugend alle Wettkämpfe gewonnen habe, hat sich schon gezeigt, dass das einmal etwas werden könnte. Aber es gibt im Nachwuchsbereich viele die in dieser Zeit erfolgreich sind und das muss man erst auch einmal so voranbringen. Als ich dann aber Juniorenweltmeister im Zweier-Kajak wurde, habe ich gedacht, dass könnte etwas werden. Dann kamen auch sehr schnell die ersten internationalen Erfolge. Diese Entwicklung war nicht irgendwie
etwas, was man sich vornimmt, sondern man „schlittert“ in den Leistungssport so rein und es ist ein Prozess, der sich immer weiter fortsetzt.
Kam dann irgendwann der Zeitpunkt, an dem Du gedacht hast, jetzt möchte ich auch Olympiasieger werden?
Ganz so war es natürlich nicht. Leider war ich ja bei den Olympischen Spielen 2016 nicht dabei. Mein Ziel war es alles zu tun, dass es beim Nächstenmal besser klappt. Ich habe dann vier Jahre alles was möglich war investiert und es hat dann schließlich auch funktioniert.
Wie war der Morgen nach dem Olympiasieg als du aufgewacht bist und die Goldmedaillen lag neben dir auf dem Nachttisch?
So war es natürlich nicht. Die Medaille war gut verpackt und lag nicht offen rum. Sie sollte ja nicht verkratzt werden. Natürlich lag sie neben mir und es war am Anfang auch noch irgendwie surreal. Erst auf dem Heimflug zur Familie und meinen Freunden, die natürlich richtig stolz waren, habe ich so richtig realisiert was alles passiert ist.
Wie waren nach dem Rennen die Begegnungen mit den anderen Sportlern und Finalteilnehmern?
Natürlich sind wir im Rennen direkte Konkurrenten und jeder möchte gewinnen bzw. sein Bestes geben. Aber im Grunde sind wir im Kanu eine große Sportfamilie, die alle miteinander befreundet sind und uns die Erfolge gegenseitig gönnen.
Wie waren deine Gedanken und Gefühle als du zum Finalrennen mit deinem Team an den Start gefahren bist?
Ich habe gedacht, dass wir das Ganze nach fünf Jahren harter Arbeit jetzt machen und das Ding nach Hause holen sollten. Damit sich das harte Training der letzten Jahre auch gelohnt hat.
Was hast du gedacht, als euer Boot am Start lag und wie hast du das Rennen wahrgenommen?
Wir wollen keine Rücksicht nehmen, von Anfang an 100% geben und hatten im Halbfinale schon gedacht, dass wir das Rennen gewinnen können, wenn nichts schiefläuft.
Was hast du während des Rennens an irgendetwas gedacht?
Ich habe an das Konzept, das wir uns vorgenommen haben, gedacht und meine individuellen Reserven. Auf diesem Niveau hat jeder seine eigenen Stärken und die muss man in diesem Moment abrufen können. Wir wollen einfach das umzusetzen, was wir uns vorgenommen haben. Das sind manchmal ganz individuelle Kleinigkeiten. Man erinnert sich daran, was noch besser laufen kann.
Hast du, während dem Rennen einmal nach den anderen Booten geschaut und wo ihr so liegt?
Nein, das darf und sollte man nicht machen. Natürlich bekommt man im Augenwinkel etwas vom Rennen mit und als ich bemerkte, dass wir mit Spanien gleichauf liegen, wusste ich, dass wir gewinnen können. Ich wusste, dass wir „hintenraus“ die besseren Karten haben. Das motiviert natürlich zusätzlich.
Hast du im Ziel gleich gewusst, wir sind Olympiasieger?
Ich habe es gewusst, als Ronny vor mir vor dem Ziel aufhörte zu paddeln. Der hört ja nicht vor dem Ziel auf, wenn wir nicht vorne liegen. Das hat mir gezeigt, dass wir gewonnen haben. Er hat vor mir schon gejubelt und hat es offensichtlich gesehen, ich eher weniger.
Ronny Rauhe wird ja von euch auch manchmal ganz liebevoll der „Bootspapa“ genannt.
Wir haben die letzten Jahre sehr zusammengehalten. Er war unser Anführer und das war auch wichtig, weil jeder von uns seine individuellen Reserven hat. Ronny hat immer wieder kritische Punkte angesprochen, wir haben immer an uns selbst gearbeitet und uns nicht mit anderen verglichen. Unser „Bootspapa“ hat natürlich auch mit dazu beigetragen, dass wir so erfolgreich geworden sind und wir haben die letzten 5 Jahre eine Art von familiärem Verhältnis zueinander entwickelt.
Was habt ihr denn gemeinsam außerhalb des Trainingsplans gemacht?
Im letzten Jahr gab es dafür kaum Gelegenheiten, natürlich auch durch Corona bedingt. Natürlich sitzen wir abends auch einmal zusammen und „quatschen“ oder gehen gemeinsam schwimmen. Aber auch in unserer begrenzten Freizeit sind wir sehr auf unser gemeinsames Ziel fokussiert.
Welche Trainer haben dich auf deinem Weg zum Olympiasieg begleitet?
Nachdem ich von Thomas Heyber das Paddeln gelernt hatte, war Thomas Hahl vom Kanu-Club Lampertheim mein erster Trainer. Er hat mich auch nach Mannheim-Sandhofen begleitet und dort trainierte mich „Charly“ Riffel. Als dieser dann erkrankte hat mich Ralf Redig weiterbegleitet. Ich habe dann versucht einen neuen Trainer zu finden, das hat aber nicht so richtig geklappt. Teilweise habe ich in dieser Zeit meine eigenen Trainingspläne zusammengestellt. Irgendwann habe ich mich dazu entschlossen zum Bundestrainer nach Potsdam zu wechseln und dort meinen Weg zu machen. Natürlich gibt es aber auch noch viele Menschen die ihren Beitrag geleistet und mir zu den Erfolgen verholfen haben. Die kann ich jetzt aber nicht alle aufzählen.
Was hast du jetzt die nächsten Wochen und Monate vor?
Ich nehme mir jetzt einmal Zeit für viele Dinge, die ich in den zurückliegenden Monaten nicht machen konnte. Viel Zeit möchte ich mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen. Gerne würde ich einmal eine Woche auf einem Weingut arbeiten. Ich würde gerne erleben, wie ein Wein produziert wird und bei der Ernte dabei sein, weil es auch sehr viel Arbeit ist.
Wie geht es jetzt sportlich bei dir weiter?
Ronny hört jetzt auf und wir brauchen einen neuen Mann für unser Boot. Ich sehe das aber sehr entspannt. Wir sind Olympiasieger geworden und mehr kann man nicht erreichen. Momentan macht mir der Kanurennsport noch sehr viel Spaß. Mein Traum und mein Ziel war die olympische Goldmedaille und die habe ich gemeinsam mit Max Rendschmidt, Ronny Rauhe und Tom Liebscher am 7. August 2021 in Tokio gewonnen.
Lieber Max, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute im privaten und sportlichen Bereich.