
BIBLIS – Drei der einstigen Kühltürme des Atomkraftwerks Biblis in Hessen hat der Betreiber RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG) bereits gesprengt. Der letzte verbliebene Kühlturm beherbergt den größten Teil der einst 423 Brutnester der besonders geschützten Mehlschwalben. Ihren Erhaltungszustand bewertet Deutschland im nationalen Bericht zur Vogelwelt als „ungünstig-unzureichend“. In der aktuellen Roten Liste der Brutvögel Deutschlands wird die Mehlschwalbe in der Kategorie „Gefährdet“ geführt. Der letzte Kühlturm mit sämtlichen Nestern der Mehlschwalben soll voraussichtlich schon in diesem Januar gesprengt werden. Verantwortet wird der Rückbau durch die RWE Nuclear. Die Gesellschaft ist eine 100-prozentige Tochter der RWE AG und wird operativ von der RWE Power AG geführt.
Mit der Sprengung des letzten Kühlturms wird eine der bedeutsamsten Mehlschwalben-Kolonien in Deutschland endgültig zerstört. „Vorstand und Geschäftsführung der für den Rückbau der Kühltürme zuständigen Unternehmensbereiche haben völlig verschlafen, den Anforderungen des Bundesnaturschutzgesetzes gerecht zu werden“, erläutert Florinde Stürmer, Pressesprecherin der Tier- und Naturschutzorganisation Wildtierschutz Deutschland. „Zwar wurden 2023 kurz vor dem Abriss der ersten beiden 80 Meter hohen Kühltürme an etwa sieben Meter hohen Gestellen 423 Mehlschwalbennester bei irgendwelchen Gebüschen angebracht, doch diese wurden bis heute nicht von einem einzigen der Gebäudebrüter angenommen.“ Wildtierschutz Deutschland will die Auslöschung der bedeutenden Brutkolonie gemeinsam mit den Vor-Ort-Verbänden MUNA e.V. und BUND Bergstraße und der Ehrenamtlichen Wildvogelhilfe e.V. noch verhindern.
„Bislang gibt es weder einen Brutnachweis an den errichteten Mehlschwalbentürmen noch Beobachtungen von Anflügen. Auch lief in den letzten Sommern keine Beschallung, um die Schwalben an die Nester heranzulocken. Somit gibt es keinen Ersatz für hunderte zerstörter Nester. Laut Bundesnaturschutzgesetz müssen Ausgleichsmaßnahmen erst greifen, bevor die Lebensstätten zerstört werden dürfen“, ergänzt Gaby Weiß, Ehrenamtlichen Wildvogelhilfe e.V. Sie ist Initiatorin des Protestes gegen die Zerstörung der Brutstätten der wohl größten hessischen Mehlschwalbenkolonie. Weitere Infos unter www.wildtierschutz-deutschland.de
RWE ist der Naturschutz am Standort Biblis ein wichtiges Anliegen
Damit die im Sommer ansässigen Mehlschwalben am Standort weiterhin Nistgelegenheiten vorfinden, haben wir in Vorbereitung auf den Abriss der Kühltürme in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde Kreis Bergstraße für entsprechende Ausgleichsmaßnahmen gesorgt. Somit sind die diesbezüglichen Auflagen der vom Kreis Bergstraße erteilten Baugenehmigungen für den Rückbau der Kühltürme der Blöcke A und B erfüllt”, betont RWE auf TIP-Nachfrage. Hierzu wurden an ausgewählten Standorten insgesamt acht Schwalbenhäuser mit Platz für mehrere hundert Schwalben mit einer Höhe von bis zu acht Metern als Ersatzmaßnahme aufgestellt, welche von einem Artenschutzgutachter seit 2023 über ein Monitoring begleitet werden. Darüber hinaus hat RWE auf freiwilliger Basis über die Auflagenanforderungen hinaus dem NABU Kreis Bergstraße im Rahmen einer Kooperation 100 Schwalbenbretter und 200 Nisthilfen zum Anbringen in der Region zur Verfügung gestellt. Der NABU hatte dazu im letzten Jahr einen ersten Bericht auf seiner Website veröffentlicht.
Der Umstand, dass die neuen Schwalbenhäuser derzeit noch nicht angenommen wurden, liegt möglicherweise auch daran, dass die Schwalben bislang noch die Kühltürme von Block B genutzt haben. Entsprechend der fachgutachterlichen Einschätzung ist zu erwarten, dass sich nach dem planmäßigen Abriss des letzten Kühlturms eine Besiedelung der Schwalbenhäuser einstellen wird, so das Unternehmen weiter. Bei den Klangattrappen – die mit Mehlschwalben-Lockrufen die Besiedlung der Schwalbenhäuser fördern soll – handelt es sich um eine weitere freiwillige Maßnahme von RWE und keine behördliche Auflage. Grundsätzlich ist die Beschallung im vergangenen Sommer gelaufen. Man könne aber nicht ausschließen, dass es bei den solarbetriebenen Lautsprechern temporär zu kurzzeitigen Ausfällen gekommen sein kann, heißt es in einer Stellungnahme.
Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens sei geprüft worden, ob die Beseitigung der Kühltürme, die von der Mehlschwalbe als Bruthabitat genutzt wurden, einen naturschutzrechtlichen Verbotstatbestand erfülle. Dies sei nicht der Fall, da die in der Baugenehmigung auferlegten Ersatzmaßnahmen (CEF-Maßnahmen) durch RWE vor Abriss umgesetzt worden waren. Somit standen ausreichend Ersatznistplätze für die Mehlschwalbe zur Verfügung. Die Nutzung dieser durch die Vögel sei keine Voraussetzung für den geplanten Rückbau. Daher werden die Ersatzmaßnahmen auflagengemäß seit 2023 für fünf Jahre von einem unabhängigen Artenschutzgutachter über ein jährliches Monitoring – das die Funktionalität der Schwalbenhäuser und deren Besiedlung in Form von Erfolgskontrollen beurteilt – begleitet. Die Ergebnisberichte des Monitorings werden jährlich der Unteren Naturschutzbehörde vorgelegt, erklärt Jan Peter Cirkel für die RWE AG abschließend. red
Beitrag aus der Rubrik