Vorschulkinder übernachten in der inklusiven Kita Schwalbennest
Waldmeisterschaft unter wilden Rasensprengern
Nils (links), Roc (Mitte) und Anastasia (rechts) beschäftigen sich mit der Korkenschleuder. Foto: oh
LAMPERTHEIM - Und Tschüss! Die Verabschiedung von Mama und Papa geht ziemlich schnell an diesem Nachmittag. Die Vorschulkinder der inklusiven Kindertagesstätte (Kita) Schwalbennest können es nicht mehr länger erwarten: Heute übernachten sie ohne Eltern im Kindergarten – und der verwandelt sich zur Lodge in der Wildnis. An der Eingangstür verteilen die Erzieherinnen Schlüssel für die Zimmer. Schlafsack, Kuscheltier und Taschenlampe unter den Arm gequetscht, marschieren die Kleinen ihrem Abenteuer entgegen. Die Zimmerschlüssel entpuppen sich schnell als Lupen. Ein Hinweis auf das, was die Kinder in der Nacht erwartet? „Könnte sein,“ schmunzelt Sabine Graupner, Leiterin der Kita Schwalbennest, und erklärt: „Die Interessen der Vorschulkinder variieren von Jahr zu Jahr. Dieses Mal beschäftigt die Kinder besonders das Thema Umwelt und Natur. Sie können gar nicht genug davon bekommen, sich durch Gestrüpp zu schlängeln oder über den Boden zu robben, um Käfer und Insekten zu beobachten. Da sind Feuerwanzen und Marienkäfer genauso willkommen wie der beeindruckende Hirschkäfer. Es war uns schnell klar, dass die Übernachtung der Vorschulkinder dem Thema Natur gewidmet sein soll.“ Verstärkung holt sich die Kita durch Mirko Klein, Naturpädagoge bei Natur-Hautnah. Er absolviert mit seinen kleinen Lodge-Gästen eine Waldmeisterschaft im Garten der Kita. „Das weitläufige Außengelände des Kindergartens mit Irrgarten aus hohen Bambuspflanzen, Kletterwald und Wasserlandschaft bietet viele naturnahe
Spielmöglichkeiten“, erklärt Klein. So kreisen an diesem Abend sieben Vorschulkinder als Eulen durch das Kita-Gelände, um die im Garten versteckten Tiere zu erspähen. Da sind das Kaninchen, das sich zwischen zwei Felsen versteckt, oder das Eichhörnchen, das in der Baumkrone lauert. Auch hallt ein „Piep“ und ein „Pup“ durch die Abendluft. Die Kinder haben die Augen verbunden. Sie sind völlig auf ihr Gehör angewiesen, während sie als piepende Fledermaus jagen oder als pupende Motte versuchen, zu entwischen.
Klein erklärt: „Solche Wahrnehmungsspiele schärfen die Sinne. Wir blenden einen Sinn sozusagen aus, wie hier das Sehen, und dafür verstärken sich die anderen, zum Beispiel das Hören. Aber es muss für alle passen. Im Schwalbennest sind Kinder mit und ohne Beeinträchtigung. Die Erzieher und ich haben die Aktivitäten gemeinsam besprochen, so dass alle Kinder gleichermaßen teilhaben können.“ Auch mit verbundenen Augen Kräuter wie Pfefferminze erschnuppern oder am Geruch Tiere erkennen, gehört dazu. Dass Wildschweine nach Maggikraut riechen, lässt bei einigen kleinen Abenteurern den Magen knurren. Die Nacht ist warm genug, um im Freien Nudeln mit Tomatensauce zu futtern. Doch plötzlich schießen Wasserfontänen aus dem Boden. Die Rasensprenger legen enthemmt los und jubelnd waschen sich die Kinder den Staub von Armen und Beinen. Zur Krönung des Abends verleiht Klein in einer feierlichen Zeremonie allen Kindern den Holzorden des Waldmeisters. Mit Bechern voll Brause ruft er Ihnen zu: „Prost, ihr Waldmeister“. Und die Kinder antworten mit stolz geschwellter Brust: „Prost, wir Waldmeister.“ So jubeln, schleichen, schnuppern und toben sich die Vorschulkinder durch ein unvergessliches Erlebnis und schlafen alle gemeinsam in ihrem Gruppenraum der Kita ein. Anna Bolleyer, Erzieherin im Schwalbennest, erklärt: „Die Übernachtung in der Kita bestärkt die Kinder darin, dass sie auch allein, ohne direkte Unterstützung der Eltern, etwas schaffen können – wie zum Beispiel ohne Mama und Papa die Nacht zu verbringen. Außerdem gibt sie den Vorschulkindern die Möglichkeit, ihre Kindergartenzeit noch einmal ganz intensiv zu erleben. Diese großartige Erfahrung tragen sie immer bei sich, wenn ihr neuer Lebensabschnitt in der Schule beginnt.“ zg