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  • Mo., 31. Januar 2022, 10:51 Uhr
    KATHOLISCHE KIRCHE: Das katholische Dekanat Bergstraße-West wird zum Pastoralraum südliches Ried / Interview mit Pastoralraumleiter Pfarrer Christian Rauch

    Weg großer Veränderung

    Türen auf für den neuen Pastoralraum südliches Ried. Foto: Nadine Schütz


    RIED / LAMPERTHEIM – Die Umstrukturierung der Katholischen Kirche Deutschland ist nun auch im Bistum Mainz angekommen. Als letztes der deutschen Bistümer hat es Ende 2021 die sogenannte Phase I verabschiedet.

    In jener Phase ging es darum, den Bestand zu erheben, die Effektivität zu prüfen, die Eckpunkte auszuarbeiten und sich geographisch sinnvoll auszurichten. Bis Ende des vergangenen Jahres lagen die Pastoralkonzepte aus allen Dekanaten im Bistum Mainz vor. Das Dekanat Bergstraße-West wird seinem Konzept zufolge unter der vorläufigen Bezeichnung „Pastoralraum südliches Ried“ die folgenden Städte und Gemeinden umfassen: Groß-Rohrheim, Wattenheim, Nordheim, Hofheim, Bobstadt, Biblis, Bürstadt und Lampertheim (mit Hüttenfeld aber weiterhin ohne Rosengarten).

    Mit der nun eröffneten Phase II wird die Umsetzung konkret. An Ostern erfolgt die offizielle Neugründung des Pastoralraums, der damit selbständig handlungsfähig sein wird. Die Aufgabe in den kommenden Jahren wird die Verfolgung der notwendigen Schritte zur Vorbereitung, Gründung und Entwicklung einer ortsübergreifenden Pfarrei für dieses Gebiet sein. Für diesen Prozess hat der Mainzer Bischof, Peter Kohlgraf, Pfarrer Christian Rauch aus Lampertheim zum Pastoralraumleiter benannt. Mit ihm konnte der TIP kürzlich ein Interview führen:

    TIP: Ein großer Umbruch, Herr Pfarrer Rauch. Wo hat er seine Wurzeln?

    Rauch: Im Begreifen, dass es so nicht weitergeht: fallende Mitgliederzahlen, finanzielle Einbußen. Die Frage, die sich stellte, war: Bekommen die Leute, was sie von der Kirche brauchen und brauchen die Leute, was sie von der Kirche bekommen?

    TIP: In der jetzigen Phase II steht die Neugründung des Pastoralraums an. Wie wird das katholische Dekanat Bergstraße-West zukünftig strukturiert sein?

    Rauch: Diese übergangsweise als „Pastoralraum südliches Ried“ bezeichnete Region von Groß-Rohrheim bis Hüttenfeld wird der Zusammenschluss zu einer großen Pfarrei. Wir werden eine große Gemeinde sein. Sie wird rund 21.400 Gemeindemitglieder umfassen, elf Kirchen, acht Pfarrzentren, neun Kitas, zwei Altenheime, drei öffentliche Büchereien, eine ökumenische Sozialstation, und eine Krankenhausseelsorge. Und sie wird als neue Territorialpfarrei dann einen neuen Namen bekommen.

    TIP: Bischof Kohlgraf hat Sie zum Pastoralraumleiter ernannt. Was kommt mit dieser neuen Aufgabe auf Sie zu?

    Rauch: Als Pastoralraumleiter werde ich Inspirator sein und Vernetzer, Motivator und kreativ Wirkender. Ich muss leiten und führen. Und gleichzeitig liegt mir am Herzen, dass sich alle auf Augenhöhe begegnen. Für den Prozess der Umgestaltung wurde ein Team von derzeit elf Hauptamtlichen zusammengestellt. Als ein großes Team wollen wir diesen Erneuerungsprozess begleiten und voranbringen.

    Mit der Leitung des Teams bin ich aber glücklicherweise nicht auf mich allein gestellt. Ein Koordinator wird mich auf diesem Weg begleiten und die Vernetzung der Gremien und Räte organisatorisch unterstützen.

    TIP: Was steht in diesem Team an?

    Rauch: Zunächst werden wir den Fokus auf das Kennenlernen richten. Wir wollen als Team zusammenfinden. Dafür müssen wir uns Zeit geben. Es sind Treffen und Veranstaltungen geplant. Das aktuell umzusetzen ist natürlich etwas herausfordernd, aber wir haben bereits ein paar Ideen, wie z. B. eine Wanderung auf dem Franziskusweg oder ein gemeinsames Picknick. Das vorrangige Ziel ist, sich zu verstehen und sich zu vertrauen.

    Später, wenn wir die Stärken und Anliegen der jeweils anderen kennen, werden wir die Arbeiten und Aufgaben aufteilen. Ein größeres Gebiet mit mehr Charismen bedeutet mehr Kreativität für die neue Pfarrei – bedeutet ein breiteres Spektrum an Stärken, die einer größere Gruppe an Kirchenmitgliedern zur Verfügung steht.

    Bezüglich der Gestaltungsmöglichkeiten gibt uns Bischof Kohlgraf eine „lange Leine“ (lacht). Die Stärken, Ideen und Erfahrungen aus dem neuen Team dürfen wir in das, was Kirche ausmacht, kreativ einbringen, beispielsweise bei der Gestaltung der Gottesdienste, bei Beerdigungen und der Trauerbegleitung, bei der Vorbereitung der Firmlinge und Kommunikanten, bei allem, was die Gemeinschaft der zugehörigen Kirchenmitglieder ausmacht und vieles mehr.

    TIP: Wie wird die Pfarrei künftig strukturiert sein?

    Rauch: Wir werden ,eineʻ große Pfarrei sein. Insofern wird sich in der Verwaltung einiges ändern. Entlastungsstrukturen müssen aufgebaut werden. Es wird nur noch einen Verwaltungsrat und somit einen hauptamtlichen Verwalter geben. Seine Aufgaben werden u. a. die Vorbereitung von Verwaltungsratssitzungen, die Umsetzung der Beschlüsse oder auch das Erstellen des Haushaltsplanes sein. Es bietet sich außerdem an, die Verwaltung weiterer Kitas an die Trägergesellschaft zu übergeben, die ihren Sitz im alten Pfarrhaus Mariä Verkündigung gefunden hat. Die Gemeindebüros werden vernetzt werden, eine übergreifende Homepage aufgebaut, ein gemeinsamer Pfarrbrief organisiert... Dabei werden alle hauptamtlich Tätigen mit Qualifizierungsmaßnahmen und Schulungen auf ihre neuen Rollen vorbereitet.

    TIP: Was ergibt sich aus der neuen Gemeinschaft für die Gemeindemitglieder?

    Rauch: Die vielleicht gravierendste Neuerung wird ein zentrales Pfarrbüro, das sogenannte Frontoffice, sein. Überdies werden die kirchlichen Angebote vielleicht nicht mehr direkt vor der Haustür stattfinden, aber sie werden vielfältiger und reichhaltiger, offener, facettenreicher. Wir werden uns bei der Zusammenlegung so gut es geht an den Lebensgewohnheiten und dem Alltag der Gemeindemitglieder vor Ort orientieren. Nicht mehr jeder Ort wird alles anbieten, aber Menschen fahren überall hin, um etwas zu erleben, das wird auch in der Kirche so kommen.

    Trotzdem können sie Kirche in der Heimat erleben. Es könnte zentrale Senioren-Nachmittage mit Mitfahrgelegenheit geben, gemeinsame Veranstaltungen zu Ehejubiläen und kirchliche Großevents. Wir wollen über den Tellerrand hinausschauen. Mir schwebt die Auflebung der Schiffsprozession von Lampertheim nach Worms vor, wie sie schon vor ein paar hundert Jahren begangen wurde. Oder Veranstaltungen bei denen wir uns gegenseitig unsere Kirchen vorstellen. Vielleicht unter Berücksichtigung der Charaktere der jeweiligen Gebäude – es gibt so viel zu entdecken. Die Barockkirche St. Michael in Hofheim wäre beispielsweise ein ganz besonderer Ort für Konzerte.

    Ein weiterer Vorteil: Wir als Pfarrer werden mit den neuen Strukturen die Möglichkeit haben, uns besser gegenseitig zu vertreten. Denn die Gottesdienstzeiten sollen bestehen bleiben und die jeweiligen Pfarrer werden natürlich vor Ort bleiben. Die Menschen vor Ort sollen wissen: Jemand ist für uns da. 

    TIP: Wird auch von Einsparungen die Rede sein?

    Rauch: Bis zum Ende des Umgestaltungsprozesses im Jahr 2030 werden die Stellen im besagten Team von elf auf 6,5 reduziert werden. Dabei sollen allerdings keine Kündigungen erfolgen, sondern frei gewordene Stellen nicht neu ausgeschrieben werden.

    TIP: Gibt es Tendenzen zur Abstoßung von Immobilien, auch im Hinblick auf Mariä Verkündigung in Lampertheim?

    Rauch: Das kirchliche Kleid ist zu groß geworden. Wir müssen es enger nähen. Bei der Frage, wo vor Ort welche Immobilie bleibt und wie wir uns die finanzieren können, ist unsere Kreativität gefordert. Dabei werden wir durch das Bauamt mit seinen Empfehlungen begleitet. Ziel ist es, die Hälfte der bisherigen kirchlichen Immobilien bis 2030 für den zukünftigen Bestand ausgewählt zu haben, um größtmöglich von der unterstützenden Finanzierung durch das Bistum zu profitieren.

    Die Kirchorte Kindergarten und Alten- und Pflegeheim Mariä Verkündigung bleiben als Institutionen vor Ort erhalten. Das Kirchengebäude könnte nach der Dachsanierung als Übergangsraum für die Gruppen (Kirchenmusik, Frauengemeinschaft, Senioren etc.) dienen.

    TIP: Was bedeuten diese Veränderungen für Sie als Pfarrer?

    Rauch: Meine Tätigkeit wird auf den Kopf gestellt! Und auch mein Bild des Dorfpfarrers. Ich war an meiner alten Stelle 11 Jahre lang der Pfarrer, der alle Menschen im Ort kannte. Und den alle Menschen im Ort kannten. In Lampertheim war das schon nicht mehr so. Dafür ist Lampertheim zu groß und die Pfarrei zu umfangreich. Auch das pandemische Geschehen behinderte den Kennenlernprozess.

    Was also mein Berufsbild des klassischen Pfarrers betrifft, werde ich mich neu orientieren müssen. Aber ich freue mich auf die neuen Möglichkeiten, auf neue Begegnungen. Ein hauptamtlich pastoraler Mitarbeiter wird mich begleiten, damit ich die Verwaltung noch mehr abgeben und mich in die neue Rolle einfinden kann. Dann bin ich frei für die Aufgabe der Seelsorge (freut sich). Seelsorge ist mein Ding.

    TIP: Vielen Dank, Herr Pfarrer Rauch!

    Das Interview führte Nadine Schütz.

     

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