
LORSCH – Herbert Fanese ist Gründer des Fachpflegezentrums Bergstraße in Lorsch, das seit 2019 Menschen mit schwersten neurologischen Erkrankungen wie Schädel-Hirn-Trauma oder nach Schlaganfällen außerklinisch versorgt. Wachkomapatienten und dauerhaft atmungspflichtige Patienten zählen zu den Bewohnern. Doch ein Problem macht Patienten und ihren Angehörigen zu schaffen: Wenn die Regelversorgung endet, wird es schwierig. Selbst hilfreiche Angebote wie tiergestützte Therapien und Musiktherapien werden von den Krankenkassen nicht übernommen. Doch Hunde, Eulen und Alpakas können bei der aktivierenden Behandlungspflege viel bewirken, wie zu hören war. Sabine Müller mit ihren Glückshunden bedauert allerdings, dass ihre Hundetherapie nicht mehr anerkannt worden sei.
An diesem Grundproblem setzt Herbert Fanese mit der Gründung der Stiftung Extraluft gGmbH an, die just am Beginn der närrischen Zeit mit einem Festakt und 120 geladenen Gästen im Paul-Schnitzer-Saal beim Lorscher Museumszentrum gefeiert wurde. Allerdings sei ihm dieser Umstand nicht bewusst gewesen, teilte Fanese seinen Zuhörern mit, vielmehr dachte er an Sankt Martin, der an diesem Tag gefeiert wird, weil er seinen Mantel mit einem notleidenden Bettler teilte und Vorbild für tätige Nächstenliebe ist. Wie Herbert Fanese im Gespräch mit dem TiP erklärte, habe er die Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH gewählt, weil das Stiftungsrecht einer Stiftung ein enges Korsett anlegt, es fehle an Flexibilität und nur der Zinsertrag des Kapitalstocks stehe für Projekte zur Verfügung. Alles sei gut gelaufen, das Finanzamt habe die Gemeinnützigkeit rechtzeitig zur Gründung der Stiftung Extraluft anerkannt. Faneses Anliegen wird von Bürgermeister Christian Schönung und Stadtverordnetenvorsteherin Christiane Ludwig-Paul ebenso unterstützt wie von Dr. Matthias Zürker, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bergstraße, wie sie in ihren Reden deutlich machten. Auch Robin Chatterjee vom Vorstand der Sparkasse Starkenburg und der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens RKW Hessen Sascha Gutzeit lobten die Gründung. Die Redner zeigten sich tief beeindruckt vom Vorhaben.
Foto: Hannelore Nowacki
Erfolge, aber viel fehlt noch
Als Ehrengast war Armin Nentwig, der Bundesvorsitzende des Vereins Schädel-Hirnpatienten in Not, angereist. In seinem Vortrag zeigte er am tragischen Beispiel seines Sohnes nach dessen schwerem Skiunfall auf, was vor Jahrzehnten Wachkomapatienten widerfuhr – keine Klinik sah sich zuständig ihn aufzunehmen, er galt als austherapiert. Als Abgeordneter im bayerischen Landtag habe er 1989 die Forderung nach flächendeckender neurologischer Rehabilitation eingebracht, die ein Jahr darauf durch die Politik anerkannt worden sei, erste Bundesländer richteten Arbeitsgruppen ein. Als weiteren Meilenstein nannte Nentwig die Gründung des ersten bundesweiten Selbsthilfeverbands für Schädel-Hirn-Verletzte, Koma- und Wachkoma-Patienten 1990 und dann ein großer Erfolg 2007: Seit 1. April 2007 müssen Krankenkassen zumindest teilweise die Kosten für eine aktivierende Behandlungspflege (Phase F) übernehmen, ein wichtiger Schritt gegen die soziale Not betroffener Familien.
Doch weitere aktuelle Herausforderungen stehen an. Herbert Fanese berichtete von tragischen Lebenssituationen Betroffener, die im Fachpflegezentrum betreut werden. Und neunzig Prozent der Bewohner hätten niemanden mehr, der ihnen die Hand hält. Dass Rehabilitation, wie sie im Fachpflegezentrum geleistet werde, Erfolge haben kann, wollte Bewohner Stefan Schröder im großen Elektrorollstuhl sitzend dem Publikum selbst mit seiner Ansprache vermitteln, die ihm nach schweren Schlaganfällen nicht leicht über die Lippen kam. „Ich fühle mich sauwohl dort“, sagte er. Kräftiger Applaus kam auf. Seine weiteren Ausführungen übernahm eine Computerstimme. Er habe als austherapiert gegolten, konnte sich nicht bewegen und nicht selbständig essen.
Hannelore Nowacki
Beitrag aus der Rubrik