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Do., 25. April 2019, 12:17 Uhr
Martin Schulz im EU-Wahlkampf im Gespräch mit Gemüsebauern
„Wir stehen immer mehr mit dem Rücken zur Wand“
EU-Wahlkämpfer Martin Schulz war ganz Ohr beim Rundgang durch die Hallen des Gemüsebaubetriebes und ließ sich von Rigo Strauß den Spargelanbau und Verkauf erklären. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Sehr gut gelaunt entstieg EU-Wahlkämpfer Martin Schulz, aktuell Bundestagsabgeordneter, ehemaliger SPD-Kanzler-Kandidat und SPD-Vorsitzender, auf dem Hof von Rigo Strauß Gemüsebau der dunklen Limousine. Einen Abstecher hatte er zur Besichtigung des Hofladens am Stammsitz der Familie Strauß in der Biedensandstraße hinter sich. Rigo Strauß und Sohn Philipp Strauß empfingen den prominenten Gast am Produktionsstandort Außerhalb an der Wormser Landstraße - ganz unkompliziert kamen sie über das Thema Fußball ins Gespräch. Schnell hatte Schulz zur Freude seiner Gesprächspartner auf seinem Smartphone gecheckt wie es um die Lieblingsvereine steht, schließlich geht es zurzeit um den DFB-Pokal. „Ich war noch nie in Lampertheim“, gestand Schulz, „aber im Kreis Bergstraße“. Marius Schmidt, der Lampertheimer SPD-Fraktionsvorsitzende, hatte das Treffen seines Parteigenossen mit den Landwirten organisiert. Die beiden kannten sich schon vom Bundestagswahlkampf, als Schulz in Heppenheim war. Wie alte Freunde sprechen sie sich mit „Du“ an. Der Kontakt wie unter alten Freunden gelang Schulz mit Bürgermeister Gottfried Störmer, der zur Begrüßung gekommen war, wie auch mit allen anderen Gesprächspartnern – bodenständig, den westfälischen Zungenschlag auch mal derber einsetzend, wenn er die Fehlentwicklungen in der EU aufs Korn nahm, die er für reformbedürftig aber notwendig hält. Eine erwartungsvolle Besucherschar hatte sich auf dem Hof von Rigo Strauß versammelt, um von Martin Schulz zu erfahren, was die EU für die deutsche Landwirtschaft und die Gemüseanbauer im Ried im Besonderen leisten kann und wie die Lösungen für die aktuellen Probleme aussehen könnten. Auf die Diskussion mit Martin Schulz freuten sich Lampertheimer Landwirte, fünfzehn zählte der Gastgeber im ersten Überblick. Auch Vorstände der Erzeugergemeinschaften Pfalzmarkt aus Mutterstadt, aus Griesheim sowie vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE)waren gekommen. Die hiesigen Landwirte waren vertreten vom Vorstand des Lampertheimer Bauernverbandes mit dem Vorsitzenden Gerd Knecht und Willi Billau, Lampertheimer Spargelanbauer, Jungpflanzenzüchter und Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg. Mit Philipp Strauß ist schon die nächste Generation in der Familie Strauß in der Betriebsführung aktiv. Aufmerksam hörte Schulz zu, was der Gemüseanbaubetrieb Strauß über das Jahr erntet und auf den Markt bringt, im Hofladen auch in der Direktvermarktung. In der schönsten Zeit des Jahres wird Spargel geerntet, dann kommen Erdbeeren, Buschbohnen, Zwiebeln, Erbsen, Blumenkohl und vieles mehr. Es gibt Hallen zur Aufbereitung, Lagerung, Maschinenhallen und die Werkstatt. Mit Schulz und den Gastgebern an der Spitze machte sich die etwa dreißigköpfige Besuchergruppe auf den Weg durch große Hallen, in denen der Spargel für den Verkauf vorbereitet wird. Das feine Gemüse braucht viel Handarbeit, aber hier sind auch Computer gesteuerte Maschinen im Einsatz, ein kurzer Blick auf den Monitor musste genügen, denn es lag noch ein weiter Weg vor den Besuchern zurück bis zum Zeltpavillon mit Tischen und Bänken, Getränken und Knusperbrötchen. Die zarten Spargelstangen in den Kisten im Blick, erklärte Rigo Strauß dem EU-Wahlkämpfer Schulz die Besonderheit des Lampertheimer Spargelanbaus: „Wir haben hier schnelle, warme Sandböden, die den genussvollen Spargel hervorbringen“. Es lohne sich diese Böden zu pflegen. „Ist das einer der Gründe, warum hier die ICE-Trasse so umstritten ist?“, fragte Schulz. „Ja, die Böden sind unser Herzstück“, bekräftigte Rigo Strauß. Aus dem Kreis der begleitenden Stadtverordneten war dann die Erklärung zu hören: „Wir sind nicht generell gegen eine Bahntrasse“. Und Gerd Knecht, Vorsitzender des Lampertheimer Bauernverbandes, meinte zur Problematik des Ackerflächenerhalts: „Wir können nicht zu allem Ja und Amen sagen“.
In lockerer Atmosphäre verliefen die Gespräche mit Martin Schulz, dessen westfälischer, bodenständiger Humor bei den Gesprächspartnern gut ankam. Foto: Hannelore Nowacki
Fragen der Bauern an Martin Schulz
In der anschließenden lebhaften Diskussion hörte Schulz von den Existenz bedrohenden Problemen. „Wir stehen auf Vermarktungsseite immer mehr mit dem Rücken zur Wand“, sagte Verbandsvorsitzender Knecht, „wir sind erpressbar, auch die Erzeugergemeinschaften werden gegeneinander ausgespielt“. „Unser großes Problem sind die immer geringer werdenden Margen auf unsere Produkte – wenn im Laden etwas teurer wird, kommt das nicht bei uns an“, machte Philipp Strauß deutlich. Willi Billau sieht die EU-Subventionen kritisch, die wie bei der Förderung großer Milchviehställe und Flächen die Produktion steuern mit der Folge: „Wer kleiner ist, bleibt auf der Strecke“. Auch mit den riesigen Gewächshäusern in der Pfalz könnten die hiesigen Betriebe mit Familienstrukturen nicht mithalten. VSSE-Vorstandssprecher Simon Schumacher aus Bad Schönborn sprach den europäischen Mindestlohn an, damit „die Leute von ihrem Mindestlohn leben können“. Dem Lebensmittelhandel warf er vor, weniger auf Regionalität als auf Kontinuität mit großen Mengen in der Belieferung zu setzen. „Sie rennen bei mir mit der Forderung nach europäischem Mindestlohn Tür und Tor ein“, antwortete Schulz, „aber die Sozialdemokraten hatten in der EU nie die Mehrheit“. Und die EU als Gesetzgeber habe gewollt, dass der europäische Markt sich konservativ und liberal entwickelt. „Die Landwirtschaftspolitik der EU hat sich in den letzten Jahren völlig falsch entwickelt“. Drei Punkte nannte Schulz – große Investitionen werden gefördert, nicht kleine und mittlere bäuerliche Betriebe, die EU setze auf Industrialisierung der Landwirtschaft und der Handel als Großabnehmer bestimme die Preise auch in Konkurrenz zu EU-Ländern, die billiger produzieren. Gibt es Hoffnung? Der Teufel stecke im Detail, führte Schulz aus und gesteht: „Ich habe keine Lösung“. Denn für die von ihm gewünschte umfassende Reform der Landwirtschaftspolitik „bräuchte es den Willen aller 28 Länder das zu tun“. Frankreich habe andere Interessen, dort habe die Landwirtschaft 7,2 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt mit höchster EU-Förderung, in Deutschland sie die Autoindustrie stark mit einem Anteil von 7 Prozent. Als Lösung spricht sich Schulz für eine europäische Regierung aus, die vom EU-Parlament eingesetzt wird. Eine Empfehlung, die bei den Landwirten in der Diskussion gut ankam: Beim Bauern direkt kaufen. Seinen ganz persönlichen Beitrag leistet Schulz bereits: „Ich werde von meiner Frau verpflichtet zum Hofladen zu fahren“. Umgehend war Lob zu hören: „Gute Frau!“ Diskussionsleiter Marius Schmidt wies darauf hin, dass auch die Lampertheimer Landwirtschaft von der EU-Förderung profitiert habe – im Zeitraum 2014 bis 2019 mit insgesamt 6,3 Millionen Euro, unter anderem für Umweltmaßnahmen und Betriebsprämien. Schulz selbst kandidiert nicht für das Europaparlament, das am 26. Mai neu gewählt wird, unterstützt aber den Wahlkampf. Hannelore Nowacki