Die Gratiszeitung für Lampertheim und das hessische Ried
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Würzburger Domorganist Stefan Schmidt macht die „Große Blaue“ zum Friedensengel
Do., 17. August 2023, 11:08 Uhr
DOMKIRCHE: 19. Lampertheimer Orgelsommer 2023 immer sonntags im August
Würzburger Domorganist Stefan Schmidt macht die „Große Blaue“ zum Friedensengel
Der Würzburger Domorganist Stefan Schmidt (im Bild unmittelbar vor dem Konzert), ein international gefragter Interpret und Improvisator, hatte die „Große Blaue“ erst Stunden zuvor näher kennengelernt. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Die Vleugels-Orgel in der Domkirche hat dieses Jahr ihren 18. Geburtstag – unter dem Motto „Der 18. Geburtstag“ sind in diesem Lampertheimer Orgelsommer vier ganz unterschiedliche Konzerte vereint. An der „Großen Blauen“, wie die Orgel wegen ihrer eindrucksvollen Größe und Farbgebung auch gerne genannt wird, können die Orgelvirtuosen alle Register ziehen, deren Zahl über die Jahre auf Initiative von Kantorin Heike Ittmann stetig bis zur Vollendung angewachsen ist, dank Unterstützung des Fördervereins und vieler Spenden. Diese Vielfalt der Klangwelten bringen auch in diesem Orgelsommer die besten Organisten ihres Fachs bei ihren Konzerten zum Ausdruck. Am ersten Sonntag im August rockte Patrick Gläser aus Öhringen die Orgel mit Werken aus Rock, Pop und Filmmusik so fröhlich mitreißend, dass viele Besucher noch am zweiten Sonntag davon schwärmten. Was die zahlreichen Konzertbesucher am zweiten Orgelsommer-Sonntag erlebten, war dagegen von Besinnlichkeit, vom Wunsch nach Frieden geprägt. „Dona nobis pacem“ hatte der Würzburger Domorganist Stefan Schmidt sein Konzertprogramm überschrieben: Gib uns Frieden. Der Krieg Russlands in der Ukraine hatte Schmidt dazu bewogen, das Friedensthema musikalisch aufzugreifen, wie er in seinen einführenden Worten vor dem Altar stehend dem Publikum erklärte. Nur wenig abgewandelt waren dies die vorgesehenen Stücke vom letzten Jahr. Kantorin Heike Ittmann zeigte sich in ihren Begrüßungsworten erfreut, dass der Gast aus Würzburg, der ein international gefragter Interpret und Improvisator ist, nun völlig gesundet das Konzert nachholen konnte. Der göttliche Friedensgedanke war bei einigen Kompositionen am Titel erkennbar wie bei „Agnus Dei… dona nobis pacem“ des Schweizer Komponisten Frank Martin (1890-1974), der am Ende des Zweiten Weltkriegs die Friedenshoffnung in Noten fasste. Lamm Gottes, gib uns deinen Frieden - meditativ und besinnlich machte Schmidt die Friedenssehnsucht klanglich spürbar. Mit dem Orgelstück der französischen Komponistin Jeanne Demessieux (1921-1968) Choral Prélude „Attende Domine“ – „helft den Unterdrückten und stiftet Frieden“ gab Schmidt den flehenden Bitten musikalische Kraft bis hin zum erwartungsvollen Hoffen. Schmidt hatte das Publikum bereits darauf vorbereitet, dass er seine Improvisationen zeitlich nicht exakt plane. Im Wechsel großer Emotionen erlebten die Zuhörer sein kraftvolles Orgelspiel in der Improvisation, auf der Empore im subtropischen Klima eines schwülen Sommertages. Der Melodie nach gregorianisch inspiriert, gab Schmidt dem Friedensgebet mit dem Titel „Da pacem Domine“ (Gib Frieden, Herr) seine ganze Kraft – fordernd und laut, auch schrill wie der Schrei der Verzweiflung, dann zart und gefühlvoll in gefälligen Tönen. Unbändige Spielfreude, gepaart mit der fast grenzenlosen Klangfülle brachten den Wunsch nach Frieden eindringlich zum Ausdruck. Mit dem „Prière“, einem musikalischen Gebet des französischen Komponisten César Franck (1822-1890), hatte der Abend inbrünstig begonnen. Gewaltig dröhnend mit rasanter Fußarbeit verbunden, auch eindringlich besinnlich, spielte Schmidt das Präludium fis-moll von Dietrich Buxtehude (1637-1707), der von Bach bewundert wurde. Wie auch in den zwei noch folgenden Orgelsommer-Sonntagen darf Johann Sebastian Bach (1683-1750) nicht fehlen. Schmidt hatte das Stück „Wenn wir in höchsten Nöten sein“ (BWV 668a) ausgesucht, intensiv in den Klangfarben, mit letztlich optimistischer Ausstrahlung gespielt. Mit den Klängen von Bach verabschiedete sich Schmidt vom Publikum – das Orgelstück („Pièce d’Orgue) Fantasia G-Dur (BWV 572) mit seiner vielstimmigen, spannenden Harmonie entspannte aufgewühlte Emotionen. Schwere Kost? Das war vielfach der spontane Eindruck nach diesem einstündigen Konzert, wie aus Gesprächen hervorging. Um den Frieden ging es dem Würzburger Domorganisten Stefan Schmidt, dem jedoch aktuell ein Krieg entgegensteht. Das Publikum dankte ihm mit langanhaltendem Applaus. Der Förderverein Domkirche bot anschließend die Möglichkeit, draußen bei einem Glas Wasser oder Wein miteinander und mit dem Künstler ins Gespräch zu kommen, was an diesem milden Sommerabend gerne und lange genutzt wurde. Am kommenden Sonntag wird die Lampertheimerin Elke Völker Werke von Bach, Liszt und Hakim spielen, mit Bach als Vorbild und Inspiration. Hannelore Nowacki