
BIBLIS – Wenn am kommenden Sonntag die insgesamt sechs Wahllokale in Biblis, Nordheim und Wattenheim öffnen, geht das Rennen um das Amt des Bürgermeisters in die entscheidende Phase – die wahlberechtigten Bürger der über 9.000 Einwohner zählenden Großgemeinde bestimmen in direkter Wahl den zukünftigen Bürgermeister. Zwei Kandidaten bewerben sich: Bürgermeister Volker Scheib, parteilos, und CDU-Mann Konstantin Großmann, der im März von der Mitgliederversammlung seiner Partei als Kandidat gekürt wurde. Amtsinhaber Volker Scheib wurde 2019 mit fast 60 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang gewählt. Die Wahlbeteiligung mit 62 Prozent erscheint aus heutiger Sicht im Vergleich der diesjährigen Bürgermeisterwahlen in Bürstadt und Lampertheim geradezu sensationell. Beim Wahlforum des Südhessen Morgen in der Riedhalle hatten die über 600 Zuschauer Gelegenheit die beiden Kandidaten auf der Bühne live zu erleben und am Saalmikrofon Fragen zu stellen. Moderator Bernhard Zinke stimmte die Zuschauer auf 90 spannende Minuten ein, beginnend mit der kurzen Arbeitsplatzbeschreibung eines hessischen Bürgermeisters, wie sie der Hessischen Gemeindeordnung zu entnehmen ist: Der Bürgermeister leitet die Verwaltung, bereitet Beschlüsse vor und kümmert sich um die laufenden Geschäfte.
Foto: Hannelore Nowacki
Kandidaten kontrovers – Scheibs Erfolge
Mit den Kerndaten stellte Zinke die Kandidaten vor, von den Zuschauern jeweils mit Applaus bedacht. Volker Scheib, 63 Jahre, seit 1. April 2020 Bürgermeister, gelernter Schmied, Schlossermeister, Metallbauer und Restaurator, drei erwachsene Kinder, nach eigener Aussage „ganz dicht an den Menschen“ – Konstantin Großmann, 40 Jahre, drei Kinder, studierte an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg Deutsch, Mathe, Sport und Politik, war Lehrer an der Steinerwaldschule in Nordheim und an der Grundschule in Gernsheim, seit 2019 an der Lehrkräfte-Akademie in Wiesbaden tätig, seit 2005 CDU-Mitglied und seit 2021 Vorsitzender der Gemeindevertretung. „Warum um Himmelswillen wollen Sie Bürgermeister werden?“ Herausforderer Großmann legte sogleich los mit mehreren Kritikpunkten an der Amtsführung des Bürgermeisters. Überall sehe er Fortschritte, aber nicht in Biblis, meinte Großmann, das bereit ihm Sorgen und müsse besser werden. Die Verwaltung müsse effektiver werden, man müsse die hochmotivierten Mitarbeiter nur lassen. Amtsinhaber Volker Scheib konterte mit seiner Bürgernähe: „Ich bin immer mittendrin und bringe mich mit meinem gesunden Menschenverstand ein“. Und „Biblis, Wattenheim und Nordheim brauchen einen Menschen, der authentisch und belastbar ist“. Mit seinen Talenten und wo nötig mit seinem Widerstand bringe er sich ein. Im Rathaus habe er ein neues junges Team aufgebaut, nachdem mehrere Mitarbeiter in den Ruhestand gegangen waren. Zinke erinnerte daran, dass Bürgermeister Scheib zu Beginn seiner Amtszeit relativ schnell scharfer Wind um die Nase geweht sei. Vieles sei vor seiner Amtszeit passiert, so habe er Entscheidungen wie beim Baugebiet Helfrichsgärtel III revidieren müssen, das er nicht in die Insolvenz gehen lassen wollte. Dann die Coronazeit mit dem Krisenmanagement und den Ängsten der Menschen und nebenbei noch die Castortransporte mit Atommüll nach Biblis. Wie man das schafft? Scheib sagt: „Mit allen Widerständen konstruktiv umgehen, authentisch sein – das macht den Bürgermeister aus“. Am Thema Personalschlüssel in der Verwaltung entwickelte sich ein Wortgefecht. Großmann sieht keinen Mehrbedarf, fordert mehr Effektivität, eine bessere Organisation. Bürgermeister Scheib weist darauf hin, dass der Personalschlüssel von den Beschlüssen der Gemeindevertretung abhängig sei. Großmanns Kritik an langen Abholfristen für Personalausweise kann Scheib entkräften. „Konstantin, du bist nicht aktuell“, entgegnete Scheib, die Ausweise könnten jetzt direkt am Empfang abgeholt werden.
Foto: Hannelore Nowacki
Riedhalle, Marktplatz, Kernfusion und Bürgerfragen
Bei den Bürgerfragen ging es um die Riedhalle, die ärztliche Versorgung, die Buchung von Liegenschaften, Bauland, bezahlbaren Wohnraum und vieles mehr. Wie bekommt man eine zweite Hausarztpraxis nach Biblis? Ob ein günstiger Bauplatzpreis hilft, was Scheib als Gemeindeleistung beschreibt, oder Ärzte in Kliniken direkt anzusprechen und abzuwerben, wie Großmann meint? Soll die Riedhalle saniert werden oder ist das energetisch nicht sinnvoll? In der Diskussion der Kandidaten zeigten sich deutlich die Unterschiede der Kandidaten. Scheib ist aus baulichen Gründen für Abriss und Neubau in der Pfaffenau, wo es auch Parkplätze gibt und keine Anwohner gestört werden, Großmann will die Riedhalle sanieren, da ein Neubau zu teuer sei. Nur die Betonsäulen würden bei der energetischen Sanierung der Riedhalle übrig bleiben, gab Scheib als unwirtschaftlich zu bedenken. Als Schulträger würde der Kreis Bergstraße nur eine Gymnastikhalle für die Grundschulkinder bauen, was Großmann zu klein findet. Der Platz hinter dem Rathaus, als Marktplatz und Multifunktionsplatz im Gespräch, soll im August 2026 eröffnet werden, einig sind sich die Kandidaten, dass eine WC-Anlage nötig sei, die Frage ist nur, welche Bauart zu welchem Preis. Was wird auf dem Kraftwerksgelände gebaut? Scheib will auf der Rückbaustelle die Bibliser Interessen verteidigen, man dürfe sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Daher plädiert Scheib für Arbeitsplätze durch Ansiedlung mittelständischer Firmen anstatt eines Monoplayers und einer Batteriefabrik. Die Entwicklung der Fusionstechnik werde noch 25 bis 30 Jahre dauern. Scheib betonte, dass weitere Flächen für Gewerbe und Wohnraum durch den neuen Regionalplan zugewiesen würden, was ein Verdienst der Verwaltung sei, deren Masterplan von 2023 aufgenommen wurde.
Hannelore Nowacki
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